Zensur in Genf: Penis soll Atomgespräche nicht verderben

Aktualisiert

Zensur in GenfPenis soll Atomgespräche nicht verderben

Noch nie waren die Chancen auf einen Erfolg der Atomgespräche mit dem Iran so gut wie jetzt. Damit ein Relief mit einem Nackten die Stimmung nicht verdirbt, wurde es abgedeckt.

von
George Jahn
AP

Sie sprechen wieder miteinander: Am Dienstag werden die festgefahrenen Verhandlungen über das iranische Atomprogramm wieder aufgenommen. Doch das Marmorrelief eines nackten Mannes mit gut sichtbarem Penis vor dem Verhandlungssaal im Uno-Gebäude könnte die iranischen Delegierten vor den Kopf stossen. Deshalb wurde das Werk «Die Erschaffung des Menschen» vom Bildhauer Eric Gill kurzerhand abgedeckt, wie die «Tribune de Genève» schreibt (s. Diashow oben).

Die Chancen auf erfolgreiche Verhandlungen über das iranische Atomprogramm waren wohl noch nie besser als jetzt. Zwar wird kein unmittelbarer Durchbruch erwartet, aber wenn sich am Dienstag und Mittwoch in Wien die Delegationen der sogenannten Sechsergruppe – USA, Russland, China, Grossbritannien, Frankreich und Deutschland – in Genf mit den Iranern treffen, geschieht dies in so guter Atmosphäre wie noch nie.

Iran zu Atom-Gesprächen bereit

Hoffnungsträger Ruhani

Der Auslöser des politischen Tauwetters war die Wahl des als gemässigt geltenden iranischen Präsidenten Hassan Ruhani im Juni. Darauf folgte eine Reihe von erstaunlich versöhnlichen Aussagen aus Teheran einschliesslich eines Glückwunschs an alle Juden der Welt zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana im September. Als Ruhani kurz danach mit US-Präsident Barack Obama telefonierte, beendete dies eine über dreissig Jahre lange Funkstille zwischen Washington und Teheran.

An der Spitze der iranischen Delegation steht zudem der Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif, ein in den USA ausgebildeter Topdiplomat, der sich 1988 bei den Waffenstillstandsverhandlungen zwischen dem Iran und dem Irak seine Meriten verdiente. Da war er noch nicht einmal 30 Jahre alt. Sarif hat vor den Genfer Gesprächen durchblicken lassen, dass sein Land eine gründlichere Kontrolle des eigenen Atomprogramms hinnehmen würde.

Vor zehn Jahren begannen die Gespräche der Sechsergruppe mit dem Iran über sein Atomprogramm, aber die Verhandlungen kamen nie richtig in Fahrt. Der Iran besteht darauf, selbst Uran anzureichern, um nuklearen Treibstoff für seine geplanten Kernkraftwerke zu erzeugen. Die Sechsergruppe, allen voran die USA, argwöhnt aber, dass der Iran den Bau einer Atombombe plant und deshalb grosse Mengen an Uran anreichert. Die Schwierigkeit, den Vorwurf zu beweisen oder zu widerlegen, hat die Verhandlungen in eine Sackgasse geführt.

Israel akzeptiert keine iranische Atombombe

Seit Jahren schnürt die Weltgemeinschaft mit immer schärferen wirtschaftlichen Sanktionen den eigentlich reichen Iran vom Weltmarkt ab - und die Versorgungslage für die rund 75 Millionen Iraner wird immer prekärer. Dazu kommt, dass Israel wiederholt erklärte, dass es einen Iran mit einer Atombombe unter keinen Umständen hinnehmen würde.

In dieser Frage hat Israel in den USA einen mächtigen Verbündeten. Allerdings beurteilt auch US-Aussenminister John Kerry die Ausgangslage für eine Wiederaufnahme der Gespräche als günstig. In einer Sache sieht er jedoch keinen Verhandlungsspielraum: Der Iran müsse beweisen, dass sein Atomprogramm ausschliesslich friedlichen Zwecken diene, andernfalls sei «kein Ergebnis besser als ein schlechtes Ergebnis» bei Gesprächen.

Experten erwarten daher zähe Verhandlungen, auch wenn derzeit zumindest Gesprächsbereitschaft vom Iran und der Sechsergruppe signalisiert wird.

200 Kilo hoch angereichertes Uran

Nach Angaben der Atomenergiebehörde der Vereinten Nationen verfügt der Iran derzeit über rund 200 Kilogramm Uran, das so hoch angereichert ist, dass es leicht zu waffenfähigem Material ausgebaut werden könnte. Dieses 20-prozentige Uran ist eigentlich zu hoch angereichert, um zum Bau von zivil genutzten Brennstäben verwendet zu werden, andererseits sind 200 Kilogramm noch zu wenig, um eine Atombombe zu bauen. Aber selbst wenn der Iran sich zur Herausgabe des 20-prozentigen Urans bereit erklärte, wären die Forderungen der Sechsergruppe noch nicht erfüllt.

Ein ehemaliger UN-Diplomat deutet an, dass es auch darum gehe, die Kontrolle über die mehr als 10'000 Gaszentrifugen zu bekommen, in denen der Iran derzeit Uran anreichert. Denn auch die vielen Tonnen an niedrigprozentigem Uran seien potenziell gefährlich, weil sie grundsätzlich weiter angereichert werden können. Daher wolle die Sechsergruppe die Uranmenge, über die der Iran verfügen darf, deckeln. Das scheint allerdings für die Iraner kaum akzeptabel. Das staatliche Fernsehen zitierte am Sonntag das Delegationsmitglied Abbas Aragtschi, wonach die Regierung niemals angereichertes Uran herausgeben würde. Dies sei «unsere rote Linie», sagte er.

Teheran hat neben der angestrebten Aufhebung der Sanktionen noch ein anderes Interesse: Wenn jetzt auf internationaler Ebene über eine mögliche Reduktion der Anreicherung gesprochen wird, heisst das, dass dem Iran grundsätzlich und stillschweigend die Anreicherung erlaubt wird, wenn auch kontrolliert und nur zu friedlichen Zwecken. Das wäre bereits ein Riesenerfolg für die Regierung Ruhani. Bisher herrscht in weiten Teilen der Welt nämlich Einigkeit darüber, dass es besser wäre, der Iran hätte überhaupt gar keine Möglichkeit, Uran anzureichern. Mit diesem Anspruch war die Sechsergruppe jedenfalls vor zehn Jahren in die Verhandlungen gegangen.

Dieser Anspruch dürfte inzwischen vom Tisch sein, beurteilt der Experte Mark Fitzpatrick vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London die Lage: «Es ist ziemlich offensichtlich, dass dem Iran bis zu einem gewissen Grad die Anreicherung erlaubt werden muss», sagt der ehemalige US-Diplomat. «Aber die Menge muss begrenzt sein.»

Dieser Anspruch dürfte inzwischen vom Tisch sein, beurteilt der Experte Mark Fitzpatrick vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London die Lage: «Es ist ziemlich offensichtlich, dass dem Iran bis zu einem gewissen Grad die Anreicherung erlaubt werden muss», sagt der ehemalige US-Diplomat. «Aber die Menge muss begrenzt sein.»

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