Aktualisiert 14.07.2012 21:03

Superschnelle WunderwaffePentagon forscht an der Mach-20-Rakete

Die US-Streitkräfte wollen ihren Vorsprung aufs Ausland ausbauen und Waffen mit Hyperschall über den Globus feuern. Die technischen Hürden sind gewaltig.

von
Martin Suter

Jetzt sind die Militärplaner Amerikas endgültig dem «Need for Speed» verfallen. Das «Bedürfnis nach Geschwindigkeit», legendär seit dem Film «Top Gun» mit Tom Cruise, steht hinter dem neusten Vorstoss des Pentagons, die Konkurrenz anderer Länder beim Bau superschneller Flugkörper abzuhängen. Schon im Jahr 2016 soll ein erstes Hyperschallflugzeug auf einem Testflug zwanzig mal schneller als der Schall durch die Lüfte pfeilen, hofft Darpa, die Pentagon-Agentur für fortgeschrittene Forschungsprojekte.

Die «Defense Advanced Research Projects Agency» hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder technologische Durchbrüche erzielt. Darpa-Forschungsprojekte schufen die Grundlagen für das Internet und für die Tarnkappentechnologie, die Kampfflugzeuge oder Helikopter auf gegnerischen Radarschirmen unsichtbar macht. Doch bei der «Stealth»-Technik sind die Streitkräfte anderer Länder am Aufholen. Superschnelle Flugkörper sollen den waffentechnischen Vorsprung wieder herstellen, schreibt Darpa in seiner Pressemitteilung unter dem Titel: «Hypersonics - the New Stealth».

Crowdsourcing soll Durchbruch bringen

Die Ambitionen der Pentagon-Visionäre gehen weit. Mach 20 entspricht einer Geschwindigkeit von fast 25 000 Kilometern pro Stunde. Mit anderen Worten: Ein derart schneller Flugkörper könnte jeden Punkt auf der Erdoberfläche in unter 60 Minuten erreichen - der Traum jedes Militärstrategen. Aber die technischen Hürden sind extrem hoch, und deshalb bittet Darpa um Vorschläge und Ideen. Der genaue Rahmen für das Crowdsourcing-Experiment soll am 14. August abgesteckt werden.

«Wir haben keine vollständige Lösung für ein Hyperschall-System», gesteht Gergory Hulcher, der als Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium die strategische Kriegsführung betreut. Darpa will auf bisherigen Forschungsanstrengungen der amerikanischen Luftwaffe und Army aufbauen und diese auf eine neue Ebene hieven. Zum Beispiel hat der unbemannte X-51-Flugkörper von Boeing mit Hilfe seines «Scramjet» genannten Überschalltriebwerks vor zwei Jahren eine Geschwindigkeit von mehr als Mach 5 erreicht. Andere Hochgeschwindigkeits-Experimente der US-Streitkräfte laufen unter den Namen «HiFire», «HyFly» und «Falcon». Letzterer Flugkörper in der Form eines Pizzastücks geriet vergangenen August ausser Kontrolle und plumpste in den Pazifik.

Hyperschall bringt Hyperhitze

Darpa erhofft sich Fortschritte in fünf Bereichen: Erstens sucht man nach Materialien und Hüllenstrukturen, die der Hitze widerstehen, die bei Hyperschall-Flügen entsteht. Erwartet werden Stahlkocher-Temperaturen von mehr als 2000 Grad Celsius. Zweitens soll die optimale aerodynamische Form von Flugkörpern mit vertikalen und horizontalen Stabilisatoren ermittelt werden. Ein dritter Bereich umfasst Wege zur Steuerung der superschnellen Projektile, und ein viertes Ziel betrifft Instrumente sowie Sensoren, die anders als bei normalen Flugzeugen nicht auf der Aussenseite befestigt werden können.

Das fünfte Thema ist der Antrieb. Der Darpa schwebt ein projektilartiger Flugkörper vor, der von einem Trägersystem - einer Rakete - auf die überhohe Geschwindigkeit gebracht wird und dann seinem Ziel entgegengleitet. Man möchte aber auch herausfinden, ob allenfalls ein zusätzlicher Raketenantrieb an Bord ins Auge gefasst werden kann.

Die blosse Aufzählung der Problembereiche spielt die Schwierigkeiten herunter. Man könne nicht einfach ein normales Überschallflugzeug nehmen, und damit schneller fliegen, sagte Mark Lewis, der frühere Chefwissenschaftler der Air Force, zu «Wired». «Die Physik arbeitet gegen dich, die Temperaturen werden immer höher, und alles wird wirklich schwieriger.» Aber das macht «Hypersonics» erst richtig cool: «Die Anwendungen könnten bahnbrechend sein», sagte Lewis.

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