Aktualisiert 04.05.2016 12:21

Grundeinkommen

Perfekte Schweiz oder bedingungsloses Chaos?

Die Grundeinkommen-Initianten hoffen auf eine erfüllte und innovative Gesellschaft – den Gegnern graut es vor einer Steuerhölle, in der der Schwarzmarkt floriert.

von
J. Büchi

Was, wenn jede erwachsene Person in der Schweiz monatlich 2500 Franken erhielte, ohne etwas dafür zu tun? Und jedes Kind 625 Franken? Auf diesem Gedankenexperiment basiert die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Was für die Befürworter eine Möglichkeit ist, den Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen, ist für die Gegner eine Bedrohung fürs Land. Beide Seiten schildern, wie sie sich die Schweiz im Jahr 2050 vorstellen, sollte das Volksbegehren am 5. Juni angenommen werden: Was änderte sich für Studenten, Familien, Tieflohnarbeiter und Behinderte?

Das Wunschszenario von Daniel Straub, Co-Leiter der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen

Der Student: Weil sein Lebensunterhalt gesichert ist, kann sich ein junger Mensch ganz auf sein Studium konzentrieren. Ausserdem weiss er, dass er in einem späteren Lebensabschnitt eine weitere Ausbildung absolvieren kann. Mit dem Grundeinkommen sind die Menschen erfüllter, weil sie nicht nur nach Wohlstand streben.

Die Familie: Das Grundeinkommen ermöglicht es Müttern und Vätern, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Eltern mit zwei Kindern erhalten monatlich bedingungslos rund 6000 Franken. Damit verbessert sich ihre Situation im Vergleich zu Single-Haushalten.

Der Tieflohnarbeiter: Sogenannt unattraktive Jobs werden aufgewertet: Die Arbeitnehmer können auf dem Arbeitsmarkt mehr fordern. Diese Arbeiten werden mehr Wertschätzung erhalten und besser bezahlt. Das Grundeinkommen macht es zudem eher möglich, beispielsweise in der Raumpflege eine eigene kleine Firma zu gründen.

Der Behinderte: Wer heute seinen Lebensunterhalt nicht mittels Erwerbsarbeit verdient, hat oft mit Vorurteilen zu kämpfen. Wenn hingegen jeder Bürger ein Grundeinkommen vom Staat erhält, führt das zu mehr Gleichheit. Schliesslich schämt sich auch niemand, AHV zu bekommen – weil sie alle beziehen. Reichen die 2500 Franken bei einem Behinderten nicht für die Existenzsicherung, erhält er zusätzliche Sozialleistungen.

Das Worst-Case-Szenario von Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse

Der Student: Man studiert länger und weniger zielorientiert. Etliche junge Menschen bemühen sich nicht mehr aktiv darum, in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Je länger sie warten, desto schwieriger wird der Sprung ins Berufsleben. Der Fachkräftemangel verschärft sich.

Die Familie: Teilzeitarbeit lohnt sich nicht mehr. Ob ein Elternteil zu Hause bleibt oder 50 Prozent arbeitet – unter dem Strich bekommt er unter Umständen gleich viel Geld. Das traditionelle Rollenmuster wird dadurch zementiert. Ausserdem leiden die Familien unter den hohen Steuern, die nötig sind, um das Grundeinkommen für alle Bürger finanzieren zu können.

Der Tieflohnarbeiter: Weil Niedriglohnjobs nur noch mit höheren Löhnen attraktiv sind, steigen die Kosten für die Unternehmen. Das belastet etwa die Exportindustrie stark und führt zu einer zusätzlichen Jobverlagerung ins Ausland. Ausserdem floriert die Schwarzarbeit, weil dort im Gegensatz zum normalen Arbeitsmarkt keine staatlichen Lohnabzüge anfallen.

Der Behinderte: Wenn das Grundeinkommen alle bisherigen Sozialleistungen ersetzt, ist das ein Affront für Schwerstbehinderte, die unmöglich mit 2500 Franken im Monat auskommen können. Werden zusätzliche Leistungen ausbezahlt, entstehen zusätzliche Kosten und der versprochene Bürokratieabbau findet nicht statt.

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