Aktualisiert 11.01.2012 09:20

Ein Gericht zieht umPersonal für die Ostschweiz gesucht

Das Bundesverwaltungsgericht zieht Mitte Januar von Bern nach St. Gallen. Nicht alle 400 Mitarbeitenden wollen mitzügeln. Deshalb sucht der Bund jetzt Personal für den Osten.

von
Nathalie Grand, sda
Künftig werden die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts in St. Gallen gefällt. Ob alle Mitarbeiter den Umzug mitmachen ist noch unklar.

Künftig werden die Urteile des Bundesverwaltungsgerichts in St. Gallen gefällt. Ob alle Mitarbeiter den Umzug mitmachen ist noch unklar.

Ab Mitte Januar beginnt der Umzug des Bundesverwaltungsgerichts von Bern nach St. Gallen. Damit ändert sich der Arbeitsort für die 400 Mitarbeitenden des Gerichts. Nicht alle werden den Umzug mitmachen. Der Standortwechsel des grössten Schweizer Gerichts führt zu einem grösseren Personalwechsel - eine Chance für Ostschweizer Juristinnen und Juristen.

75 Richterinnen und Richter zählt das Bundesverwaltungsgericht. Der Grossteil von ihnen zieht nach St. Gallen, das steht ein halbes Jahr vor dem Startschuss am neuen Standort bereits fest. Wie viele der rund 400 Mitarbeitenden ihren Wohnsitz in die Ostschweiz verlegen, ist noch ungewiss.

35 Prozent wollen pendeln

Bei der Fluktuationsrate innerhalb des Bundesverwaltungsgericht ist der Wechsel nach St. Gallen spürbar. Eine Befragung des Personals vom Frühling 2011 habe ergeben, dass über 50 Prozent der Mitarbeitenden mit dem Gericht nach St. Gallen ziehen, sagt Joanne Siegenthaler, stellvertretende Kommunikationsverantwortliche des Bundesverwaltungsgericht, auf Anfrage der SDA.

Rund 35 Prozent des Personals wollen von ihrem Wohnort nach St. Gallen pendeln. Der Rest habe sich noch nicht entschieden. Trotz kultureller Bedenken werde der Umzug nach St. Gallen von Westschweizer Mitarbeitern als Chance gesehen, die eigenen Kinder zweisprachig zu erziehen, sagt Siegenthaler.

Die Kürzung des Umzugskredits um knapp 2 Mio. Franken durch das Parlament wirke sich aber bestimmt nicht positiv auf den Entscheid, nach St. Gallen zu ziehen, aus. Es werden gewisse Rekrutierungsprobleme eingeräumt. Der Bund suche nun gezielt Personal in der Ostschweiz.

Vorurteile gegen Ostschweiz abbauen

Dazu kommen spezielle Anreize für das Personal. Telearbeit von zuhause aus wird gefördert und Pendler, die im Zug arbeiten, erhalten eine Reisezeiterleichterung. Es sind Arbeitsmarktzulagen vorgesehen. Mit Partnern vor Ort soll am Bundesverwaltungsgericht zudem eine Kinderkrippe betrieben werden, sagt Siegenthaler.

In der Ostschweiz wird versucht, Vorurteile gegenüber dem eigenen Landesteil abzubauen: 2010 wurde beim Amt für Wirtschaft des Kantons St. Gallen ein Support-Desk eingerichtet. Die Kosten teilen sich die Stadt St. Gallen und der Kanton St. Gallen, der Kanton Thurgau, die beiden Appenzeller Halbkantone und das Bundesverwaltungsgericht.

An mehreren Veranstaltungen informierten Vertreter der Kantone das Gerichtspersonal über die Vorzüge und Eigenheiten der Ostschweiz, sagt Jürg Rohrer von der kantonalen Standortförderung. Aktiv umworben würden die Mitarbeitenden des Bundesverwaltungsgerichts aber nicht. Im Zentrum standen vor allem Fragen zum Wohnen, Steuern und Schulen.

Kein Exodus bei St. Galler Gerichten

Der Wechsel des Bundesverwaltungsgericht nach St. Gallen eröffnet auch Juristinnen und Juristen aus der Ostschweiz die Chance, ans grösste Gericht der Schweiz zu wechseln. Die St. Gallischen Gerichte sehen dem Umzug des Bundesverwaltungsgerichts aber gelassen entgegen.

Es sei nicht anzunehmen, dass die Vakanzen am Bundesverwaltungsgericht zu einem Exodus in der St. Galler Justiz führen werden, sagt Michael Balmelli, Generalsekretär des St. Galler Kantonsgerichts. Das Bundesverwaltungsgericht befasse sich mit zum Teil hochspezialisierten Fachthemen; da seien Mitarbeitende der Verwaltungsjustiz oder der kantonalen Rechtsdienste eher qualifiziert.

«Wir betrachten das Bundesverwaltungsgericht nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Stellenangebots», sagt Balmelli. Es gebe heute schon einige Ostschweizerinnen und Ostschweizer, welche im Hinblick auf den Umzug nach St. Gallen ihre Stelle vorübergehend in Bern angetreten hätten.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.