17.11.2018 12:21

Nachgefragt

Personalisierte Medizin – was ist das eigentlich?

In Zukunft sollen medizinische Behandlungen zunehmend individuell auf den Menschen zugeschnitten werden. Das können wir erwarten.

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Auf der Welt leben zurzeit rund 7,63 Milliarden Menschen (Stand: Oktober 2018). Dass sie nicht alle genetisch gleich sind, liegt auf der Hand.

Auf der Welt leben zurzeit rund 7,63 Milliarden Menschen (Stand: Oktober 2018). Dass sie nicht alle genetisch gleich sind, liegt auf der Hand.

iStock/Jotily
Diese Unterschiede sollen in der sogenannten personalisierten Medizin berücksichtigt werden. Das heisst: Patienten sollen nicht mehr nach einem vorgefertigten Schema behandelt werden.

Diese Unterschiede sollen in der sogenannten personalisierten Medizin berücksichtigt werden. Das heisst: Patienten sollen nicht mehr nach einem vorgefertigten Schema behandelt werden.

iStock/Sinhyu
Vielmehr soll die Therapie verstärkt «an die unterschiedlichen Gegebenheiten des Patienten und der Erkrankung» angepasst werden, sagt Alexander Jetter, Oberarzt in der Klinik für Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Zürich.

Vielmehr soll die Therapie verstärkt «an die unterschiedlichen Gegebenheiten des Patienten und der Erkrankung» angepasst werden, sagt Alexander Jetter, Oberarzt in der Klinik für Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Zürich.

Keystone/Christian Beutler

Was ist personalisierte Medizin?

Mit personalisierter Medizin (auch Präzisionsmedizin oder individualisierte Medizin genannt) ist gemeint, dass Patienten nicht mehr nach einem vorgefertigten Schema behandelt werden. Künftig soll die Therapie verstärkt «an die unterschiedlichen Gegebenheiten des Patienten und der Erkrankung» angepasst werden, sagt Alexander Jetter, Oberarzt in der Klinik für Klinische Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsspital Zürich.

Dazu werden laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) Informationen «über die biologische Ausstattung einer Person, insbesondere auch genetische Daten, in den Entscheidungsprozess für Therapie- und Präventionsmassnahmen zur Behandlung dieser Person einbezogen».

Worauf zielt personalisierte Medizin ab?

Mithilfe der personalisierten Medizin sollen Therapien für den Patienten massgeschneidert und dadurch dessen Heilungschancen erhöht werden. Gleichzeitig soll das Risiko für Nebenwirkungen reduziert werden.

Ist die Präzisionsmedizin reine Zukunftsmusik?

Nein, bereits heute würden zum Beispiel in der Krebstherapie bestimmte Merkmale des Tumors untersucht, um sich für die beste Therapie zu entscheiden, sagt Jetter (siehe Box 1).

Doch nicht nur die Eigenheiten der Krankheit könnten mithilfe der personalisierten Medizin genau beleuchtet werden: «Auch die Therapie mit herkömmlichen Medikamenten lässt sich in einigen Fällen ‹personalisieren›». So würden beispielsweise genetische Einflüsse auf die Arzneimittelwirkung und -nebenwirkungen untersucht und die Therapie entsprechend angepasst, erklärt der Experte. «Diese Art der Personalisierung wird Pharmakogenetik genannt.» Solche Verfahren seien bisher jedoch nur an hochspezialisierten Zentren verfügbar gewesen.

Was wird noch kommen?

Immunologe Beda M. Stadler könnte sich vorstellen, dass man künftig nicht mehr nur die eigene Blutgruppe weiss, sondern eine Chipkarte bei sich trägt, auf der die individuellen Biomarker (siehe Box 2) gespeichert sind. «Für diese müsste man einmal sein Genom sequenzieren lassen», so der ehemalige Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern. Danach könnte man den gespeicherten Daten entnehmen, ob der Patient auf ein Medikament anspricht oder nicht. «Davon sind wir aber noch weit entfernt.»

Für wen ist die personalisierte Medizin gedacht?

Grundsätzlich für jeden, der eine medizinische Behandlung benötigt. Die Forschung begann ursprünglich bei seltenen Krankheiten. Zunehmend werden jedoch auch bei häufigen Erkrankungen Unterschiede in beispielsweise der Genetik, im Stoffwechsel, in der Abwehrfunktion erkannt. «Das erlaubt es, zielgerichtete Medikamente zu entwickeln. Je nachdem, welche Merkmale zuvor bei einem Patienten bestimmt worden sind, können dann spezifische Medikamente eingesetzt werden», so Jetter. Ob diese neuen Therapiestrategien halten, was sie versprechen, und welche Nebenwirkungen sie hervorrufen, müssten klinische Studien aber erst zeigen.

Woher wissen Ärzte, wann personalisierte Medizin einer klassischen Behandlung vorzuziehen ist?

«Grundsätzlich sollte für jeden Patienten die Therapie ausgewählt werden, die den besten Erfolg verspricht», so Jetter. Dafür brauche es immer eine eingehende Untersuchung. Zudem sollten die Begleitumstände wie weitere eingenommene Medikamente, Nieren- und Leberfunktion, Vorerkrankungen oder der Raucherstatus mitberücksichtigt werden.

«Gibt es bei einer Erkrankung für die Therapie wichtige Biomarker, die vor Behandlungsbeginn untersucht werden können, sollte dies gemacht werden», so Jetter. Dann könne die Therapie richtig ausgewählt oder gesteuert werden. Zudem gebe es Medikamente, bei denen Unterschiede in Wirksamkeit und Verträglichkeit mit zusätzlichen Untersuchungen bestimmt werden könnten.

Hat die personalisierte Medizin auch Nachteile?

Die personalisierte Medizin steht allerdings auch immer wieder in der Kritik. So wurde in einem Artikel der «Süddeutschen Zeitung» der Verdacht geäussert, dass hinter der Floskel von der personalisierten Medizin «eine PR-Strategie von Pharmaindustrie und interessierten Wissenschaftlern» steckt. Schliesslich hätten Arzneimittelhersteller «schon seit Jahren keinen Blockbuster mehr auf den Markt gebracht».

Kritisch betrachtet die Entwicklung auch Barbara Züst vom Patientenschutz. Gegenüber SRF riet sie Anfang Jahr zur Vorsicht. Ihr zufolge könnte die personalisierte Medizin für die Patienten zwar viele Vorteile bringen, doch punkto Datenschutz gebe es noch Fragen. Denn die Auswertung und Verarbeitung von Informationen, um die Forschung voranzutreiben, kollidiere mit den Persönlichkeitsrechten des Einzelnen.

Auch Alexander Jetter hält die «strikte Einhaltung des Datenschutzes» für essentiell. Kritisch betrachtet er zwei weitere Punkte: «Ein Nachteil sind die teils sehr hohen Kosten für die jeweiligen Medikamente.» Ausserdem seien zusätzliche Untersuchungen vor Therapiebeginn notwendig, was Zeit und wiederum Geld koste.

Laut Stadler lassen sich mit der personalisierten Medizin in manchen Bereichen jedoch auch Kosten senken, wie er am Beispiel von TNF-Blockern erklärt. Sie finden in der Behandlung von entzündlichen Erkrankungen Anwendung und sind laut Stadler «wahnsinnig teuer». «Früher musste man probieren, auf welches Präparat ein Patient reagiert, und im Zweifelsfall mehrere durchprobieren, bis das richtige gefunden war», so der Immunologe. «Heute werden vorab Tests gemacht, um gleich das richtige Präparat verabreichen zu können.» Dadurch würden nicht nur Kosten gespart, sondern den Patienten auch unnütze Behandlungen erspart.

Biomarker in der Medizin

Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale. Sie können objektiv gemessen werden und weisen auf einen normalen biologischen oder krankhaften Prozess im Körper hin. Dabei kann es sich um Zellen, Gene oder bestimmte Moleküle wie Enzyme oder Hormone handeln.

Man unterscheidet zwischen krankheitsbezogenen und arzneimittelbezogenen Biomarkern. Erstere liefern als sogenannter Risikoindikator Informationen darüber, ob eine Erkrankung droht, ob sie bereits besteht oder wie sich eine Erkrankung wahrscheinlich entwickeln wird. Letztere zeigen dagegen an, ob und wie ein Medikament bei einem ganz bestimmten Patienten wirken und wie dessen Organismus es umsetzen wird.

Beispiele aus der Praxis

Massgeschneiderte Therapien: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Mittels Gentest an Tumorzellen ist es möglich, bereits vor der Verabreichung eines Medikaments festzustellen, ob der Krebs auf einen bestimmten Wirkstoff anspricht. Beispielsweise wirkt das Brustkrebsmedikament Tamoxifen auf so genannt östrogen-positive Tumore heilend. Östrogen-negative Tumore hingegen können sich sogar verschlimmern.

Genaue Dosierung: Aufgrund genetischer Unterschiede bauen verschiedene Menschen ein und dasselbe Medikament unterschiedlich schnell ab. Deshalb können Gentests aufzeigen, welches die richtige Dosierung ist. Besonders wichtig ist das beim Gerinnungshemmer ­Warfarin: Ist die Dosis nämlich zu gering, können Blut­gefässe verstopfen, eine Überdosierung kann dagegen zu Blutungen führen.

Verbesserte Prävention: Mit Hilfe eines Gentests lässt sich das Risiko für erblich bedingte Krankheiten ermitteln, und es können – sofern notwendig – präventive Massnahmen ergriffen werden. Besonders vielversprechend ist Prävention bei Dickdarmkrebs, an dem in der Schweiz jährlich rund 4000 Personen erkranken: Wird dieser Krebs in einem frühen Stadium erkannt, liegt die Überlebenschance bei 90 Prozent.

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