Schweizer Post: Personalisierte Zeitung ist bald Altpapier

Aktualisiert

Schweizer PostPersonalisierte Zeitung ist bald Altpapier

Die Schweizer Post testet eine personalisierte Zeitung. Über Zahlen schweigt sie sich aus. Experten vermuten aber eine Pleite statt des erhofften Auswegs aus der Zeitungskrise.

von
Elisabeth Rizzi
Die Schweizer Post versucht durch individualisierte Zeitungen den Volumenverlust bei der physischen Post zu kompensieren.

Die Schweizer Post versucht durch individualisierte Zeitungen den Volumenverlust bei der physischen Post zu kompensieren.

Der Leser als Chefredaktor: Die von schwindenden Auflagezahlen gebeutelten Verlage träumen schon seit Jahren davon, mit personalisierten Zeitungen ihre Zahlen wieder zu schönen. Vor vier Monaten hat die Schweizer Post mit Pomp das neuste Projekt gestartet. In einer Pilotphase von zwölf Monaten können sich Konsumenten aus 17 nationalen Tages- und Wochentiteln sowie dem «Südkurier» und der «Voz de Galicia» selbst ihre Zeitung zusammenstellen.

Kostenpunkt für die Druckversion: Sie ist (abhängig von der bestellten Seitenzahl) ab stolzen 60 Franken pro Monat erhältlich. Die Onlineversion gibts ab 21 Franken. Ein Abo kann also schnell das Doppelte und Dreifache eines «normalen» Zeitungsabos kosten. Für die Post ist es ein Versuch, die schwindenden Auftragsvolumen bei der physischen Post bzw. den abonnierten Zeitungen zu kompensieren.

Klingende Namen sind weg

Die Post schweigt sich auf Anfrage über die Entwicklung des Projekts aus und auch darüber ob, die angepeilten 700 Druck- und 200 Online-Abonnenten erreicht werden. Tatsache ist aber: Im ersten Mini-Pilot 2009 waren noch klingende Namen wie «Washington Post», «Welt» oder «Abendzeitung» mit dabei. Davon ist keiner mehr mit von der Partie. Aus Insiderkreisen ist zu vernehmen, dass der Aboverkauf harzt und der Glaube ans Produkt bröckelt.

«Wir glauben nicht an dieses Produkt. Es verunstaltet optisch das Erscheinungsbild einer jeden beteiligten Zeitung. Aber auch inhaltlich überzeugt uns das Projekt nicht», begründet COO Marcel Hürlimann die Nichtteilnahme des Verlags «Axel Springer Schweiz». Nicht am Projekt beteiligt ist auch die NZZ-Gruppe.

Bei Tamedia (zu der auch 20 Minuten gehört), die mit mehreren Titeln beteiligt ist, meint Sprecher Christoph Zimmer auf Anfrage bloss: «Wir können uns vorstellen, dass sich bei einer erfolgreichen Entwicklung auch andere Titel am Projekt beteiligen: Die Entscheidung liegt jedoch bei den einzelnen Verlagen.»

Luftblase

Tatsächlich wurden in der Vergangenheit mit viel Pomp auf der ganzen Welt Projekte für personalisierte Zeitungen lanciert. Geblieben ist aber eine Luftblase: So schreibt etwa der Blog «Gründerszene.de» die in der Presse hochgelobten Projekte «niiu» von renommierten Zeitungen in Deutschland und «www.individuelle-zeitung.de» würden inzwischen nicht mehr aktiv weiter verfolgt. Definitiv mit individualisierten Produkten gescheitert sind die MediaNews Group oder The Washington Times.

Für Matthias Künzler, Medienforscher an der Uni Zürich ist klar, weshalb die Faszination solcher Projekte noch immer gross, aber die Erfolgsaussichten klein sind. «Die Gesellschaft differenziert sich immer mehr: Es gibt etwa immer mehr Migranten oder unterschiedlichere Freizeitinteressen. Da liegt eine stärkere Zielgruppenorientierung nahe.»

Gleichzeitig jedoch lebten Medien von Werbung. Ein gewichtiger Teil der Anzeigekunden wünsche sich wiederum eine grossen Reichweite. Diese sei bei personalisierten Angeboten nicht mehr gegeben. Und schliesslich bestehe offenbar kein Bedürfnis nach personalisierten Tageszeitungen: «Auf Google News oder Twitter können Medienkonsumenten gratis ihre Nachrichten personalisieren und müssen erst noch nicht einen Tag darauf warten.»

Deine Meinung