Peru - Versöhnungsprozess zieht sich in die Länge
Aktualisiert

Peru - Versöhnungsprozess zieht sich in die Länge

Ein Jahr nach der Veröffentlichung des Berichts der Wahrheitskommission über die Gewalt von 1980 bis 2000 in Peru ist der Versöhnungsprozess in dem Andenstaat ins Stocken geraten.

Kommissionsmitglied Gastón Garatea wirft der Regierung Untätigkeit vor.

Präsident Alejandro Toledo habe noch keine einzige Empfehlung des Berichts umgesetzt, sagt Garatea am Freitag im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Der Präsident habe lediglich eine weitere Kommission ins Leben gerufen, die sich mit den Forderungen beschäftigen soll.

«Aber so funktioniert das nicht, denn die nötigen Mittel hat Toledo nicht freigesetzt», sagt der 63-jährige katholische Theologe und Priester, der sich zu einem Besuch in der Schweiz aufhält. Auch bei den Entschädigungszahlungen drücke sich die Regierung. «Wir machen nun Druck, dass die Betroffenen nach einem genauen Verteilplan entschädigt werden.»

Indigene Bevölkerung als Zielscheibe

Nach dem im August 2003 veröffentlichten Abschlussbericht der peruanischen «Kommission für Wahrheit und Versöhnung» kamen während des bewaffneten Kampfs in den 80er und 90er-Jahren fast 70 000 Menschen ums Leben.

Knapp 60 Prozent der von der Kommission erfassten Morde gingen auf das Konto des aufständischen maoistischen «Sendero Luminoso» (Leuchtender Pfad) und anderen linksextremistischen Gruppen. Der Rest der Massaker wurde von Militär und Polizei verübt, die kaum vorbereitet den Kampf gegen die Aufständischen aufnahmen.

Hauptleidtragende der 20-jährigen «Zeit der Angst» war die indigene Bevölkerung. Die bitterarmen und wenig gebildeten Menschen auf dem Land gerieten zwischen die Fronten von Sendero und Militär oder wurden gar zu deren Zielscheibe.

In fast zweijähriger Arbeit hatte die Kommission insgesamt 15 220 Zeugen befragt. «Es sind schreckliche Geschichten, welche die noch immer traumatisierten Menschen erzählen», sagt Garatea, der selber über 100 Befragungen durchführte.

Menschen kennen sich nicht

Um einen Versöhnungsprozess einzuleiten, fordert die Kommission tiefgreifende strukturelle und soziale Reformen, etwa die Verbesserung der Bildung für die Ärmsten, Gesundheitsprojekte oder Strassenbau. Das wichtigste sei aber, das Vertrauen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten aufzubauen.

«Wir müssen die Menschen einander näher bringen, es gibt tiefe Gräben in der Gesellschaft», sagt Garatea. Die Überwindung der sozialen Barrieren sei die schwierigste Aufgabe.

Und es gebe viele, die von dieser Situation profitieren und nun um ihre Privilegien fürchten. Hohe Militärs und Leute aus dem Umfeld des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori hätten sich geweigert, vor der Kommission auszusagen und würden auch jetzt Druck auf die Regierung ausüben.

Diese Leute hätten einen grossen Einfluss im Land. Neben den fehlenden Mitteln in der Staatskasse sei dies wohl der Hauptgrund, warum sich die Regierung Toledo so passiv verhalte. «Bis zur Versöhnung in Peru ist es noch ein sehr weiter Weg», konstatiert Garatea. (sda)

Deine Meinung