Kulturelle Aneignung vorgeworfen: Ursus und Nadeschkin

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Komiker-Duo am Pranger«Perücke ist problematisch» – Nadeschkin wird kulturelle Aneignung vorgeworfen

Nachdem in der Schweiz die Diskussion um kulturelle Aneignung entbrannt ist, wird diese nun auch dem Komiker-Duo «Ursus und Nadeschkin» vorgeworfen. Konkret geht es um die Perücke, die Nadeschkin trägt.

von
Gabriela Graber
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Der Komikerin Nadeschkin von «Ursus und Nadeschkin» wird kulturelle Aneignung vorgeworfen. 

Der Komikerin Nadeschkin von «Ursus und Nadeschkin» wird kulturelle Aneignung vorgeworfen. 

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Es sei nicht in Ordnung, wenn sie als weisse Person eine Rasta-Perücke trage, so der Vorwurf. 

Es sei nicht in Ordnung, wenn sie als weisse Person eine Rasta-Perücke trage, so der Vorwurf. 

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Henri-Michel Yéré, Soziologe der Universität Basel, findet, der Vorwurf der kulturellen Aneignung sei in diesem Fall allenfalls etwas simpel.

Henri-Michel Yéré, Soziologe der Universität Basel, findet, der Vorwurf der kulturellen Aneignung sei in diesem Fall allenfalls etwas simpel.

Universität Basel 

Darum gehts

  • In den sozialen Medien kursiert ein Mailverkehr zwischen einer unbekannten Person und dem Komiker-Duo «Ursus und Nadeschkin».

  • Der Komikerin Nadeschkin wird darin kulturelle Aneignung vorgeworfen – wegen ihrer Dreadlocks-Perücke.

  • Henri-Michel Yéré, Soziologe der Universität Basel, findet, dass kulturelle Aneignung nicht nur vom Aussehen her bestimmt werde.

Die Debatte um die kulturelle Aneignung in der Schweiz geht weiter. Nach den Ereignissen in der Berner Brasserie Lorraine und in der Zürcher Bar Gleis wird nun auch Nadeschkin vom Komiker-Duo «Ursus und Nadeschkin» dessen angeprangert.

«Ich finde eure Comedy wirklich lustig, jedoch stört mich diese Perücke — und ich bin sicher nicht die einzige», heisst es in einem in den sozialen Medien publizierten Mailverkehr zwischen der Künstlerin und einem Unbekannten. Nadeschkins Perücke solle wild und lustig aussehen – doch die Herkunft dieser Frisur sei weder wild noch lustig. Das Tragen der Perücke deshalb problematisch. «Ich hoffe, ihr überlegt euch das und akzeptiert meinen Hinweis, damit eure Comedy ohne Trigger geschaut werden kann.»

Was der Kritiker meint: Nadeschkins Perücke erinnert an Rastalocken oder Dreadlocks. Und diese sind, wenn getragen von weissen Personen, in letzter Zeit umstritten – weil manche darin ungebührliche kulturelle Aneignung einer afrikanischen oder jamaikanischen Haarmode sehen. Ursus und Nadeschkin wollten auf Anfrage von 20 Minuten nicht weiter auf den Vorfall eingehen. 

«Es kommt auf den Kontext an»

Henri-Michel Yéré, Soziologe der Universität Basel mit Wurzeln in der Elfenbeinküste, findet, der Vorwurf der kulturellen Aneignung sei in diesem Fall allenfalls etwas simpel. Denn kulturelle Aneignung werde nicht nur vom Aussehen her bestimmt. «Es kommt auf den Kontext, den Inhalt und die politische Einstellung der Personen an — viel mehr als nur das vom Auge Erkennbare.»

Findest du, dass es sich bei Nadeschkins Perücke um kulturelle Aneignung handelt?  

 «Kulturen sind für alle da»

Das Komiker-Duo habe sich die Mühe gemacht, das Thema durchzudenken und ausführlich zu antworten. Das sei ein Indiz dafür, dass sie andere Kulturen respektierten.

«In der Antwort von Ursus und Nadeschkin wird ein grosser, oft vergessener Punkt dieser Debatte angesprochen: Die Machtverhältnisse», so Yéré. Es sei ein Unterschied, wenn jemand kulturelle Aspekte aus einem Land, das nie ausgebeutet wurde, übernehme – gegenüber dem Fall, wo Kultur von Menschen übernommen werde, die ausgebeutet wurden. «Auf der anderen Seite sind Kulturen tatsächlich für alle da und sollten von allen genossen werden können», so Yéré.

«Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Menschen entscheiden können, was sie machen – und ob sie eine Perücke tragen möchten. Sonst wird die Frage von kultureller Aneignung bald eine Frage von Intoleranz», sagt Yéré. 

Hinweis der Redaktion: In einer ersten Fassung dieses Artikels wurden Teile aus einer in den sozialen Medien zugänglichen Korrespondenz zwischen dem Komikerduo «Ursus und Nadeschkin» sowie einer unbekannten Person wiedergegeben. Auf Wunsch wurden diese vom Duo als privat eingestuften Passagen wieder entfernt.

Künstlern wird abgesagt – sind nun Kulturfördergelder in Gefahr?

Am Dienstag wurde das Konzert des österreichischen Musikers Mario Parizek in der Zürcher Bar «Gleis» abgesagt. Der Grund dafür sei laut den Besitzern nicht die Rastas des Musikers an sich, sondern das Unwohlsein der Mitmenschen gewesen. Wie der «Tages Anzeiger» schreibt, wirft FDP-Kantonstrat Marc Bourgeois nun einen neuen Aspekt der Debatte auf: «Als Mitglied der kantonsrätlichen Kulturkommission will ich nicht, dass die kantonale Fachstelle Kultur Betriebe unterstützt, die Menschen ausgrenzt, und werde am Montag entsprechend aktiv werden», so Bourgeois auf Twitter. Auch das Migros-Kulturprozent solle sich Gedanken machen, fordert der Politiker. Das Kulturförderungsprogramm der Migros gehört zu den Unterstützern der Bar an der Zollstrasse.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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