Aktualisiert 27.05.2020 08:15

TrinkwasserprobenPestizid-Grenzwert um das 22-Fache überschritten

Ein Labor hat das Trinkwasser von zehn Gemeinden im Mittelland auf ein möglicherweise krebserregendes Pestizid untersucht. Neun Proben zeigen zu hohe Pestizidrückstände.

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Zehn Trinkwasserproben der SRF-«Rundschau» zeigen, das der gesetzliche Grenzwert für Abbauprodukte des Pestizids Chlorothalonil oft um ein Vielfaches überschritten werden.

Zehn Trinkwasserproben der SRF-«Rundschau» zeigen, das der gesetzliche Grenzwert für Abbauprodukte des Pestizids Chlorothalonil oft um ein Vielfaches überschritten werden.

KEYSTONE
In Kappelen BE ist das Wasser 22mal zu stark belastet. «Das macht uns keine Freude. Das sind Stoffe, die nicht ins Trinkwasser gehören», sagt
Gemeindepräsident Hans-Martin Oetiker. Die Gemeinde will handeln und baut eine neue Trinkwasserleitung ins Nachbardorf Worben BE.

In Kappelen BE ist das Wasser 22mal zu stark belastet. «Das macht uns keine Freude. Das sind Stoffe, die nicht ins Trinkwasser gehören», sagt
Gemeindepräsident Hans-Martin Oetiker. Die Gemeinde will handeln und baut eine neue Trinkwasserleitung ins Nachbardorf Worben BE.

Symbolfoto: KEYSTONE
Auch in Lyss BE entspricht die Konzentration der Chlorothalonil-Abbauprodukte im Trinkwasser nicht dem Grenzwert. Trotzdem: «Eine Massenpanik ist völlig nicht angebracht. Ich trinke weiterhin täglich rund zwei Liter von unseren Hahnenwasser», schreibt Ruedi Eicher von der Energie Seeland AG.

Auch in Lyss BE entspricht die Konzentration der Chlorothalonil-Abbauprodukte im Trinkwasser nicht dem Grenzwert. Trotzdem: «Eine Massenpanik ist völlig nicht angebracht. Ich trinke weiterhin täglich rund zwei Liter von unseren Hahnenwasser», schreibt Ruedi Eicher von der Energie Seeland AG.

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Darum gehts

  • Das Pflanzenschutzmittel Chlorothalonil ist seit Anfang Jahr verboten.
  • Jetzt zeigt eine «Rundschau»-Recherche: Im Trinkwasser von Mittelland-Gemeinden wird der Pestizid-Grenzwert teils massiv überschritten.
  • Laut dem Schaffhauser Kantonschemiker kann das Wasser trotzdem «bedenkenlos» getrunken werden.

Das Trinkwasser im Seeländer Dorf Kappelen BE ist massiv mit Pestizidrückständen belastet: In einer kürzlich genommenen Probe wurde bei einem Abbauprodukt von Chlorothalonil ein Wert von 2,2 Mikrogramm pro Liter gemessen. Der Grenzwert für solche Rückstände liegt bei 0,1 Mikrogramm. Das Kappeler Wasser ist also 22-mal zu stark belastet. Die SRF-«Rundschau» hat die Proben im Januar im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland genommen. Getestet wurde Wasser direkt ab Wasserhahn. So, wie es die Konsumenten täglich trinken.

Mehrere Proben deutlich über dem Grenzwert

Ein Schweizer Labor hat die Proben auf die zwei häufigsten Abbauprodukte (Sulfonsäure R417888 und Sulfonsäure R471811) des Pestizids Chlorothalonil untersucht. Das Fungizid wurde etwa im Getreide-, Gemüse- oder Weinanbau eingesetzt. Der Laborbefund: Bei neun von zehn Proben liegen die Rückstände bei mindestens einem Abbauprodukt über dem gesetzlichen Grenzwert. Neben Kappelen war das Wasser auch in Neuendorf (SO) und in Hendschiken (AG) besonders stark belastet. In beiden Dörfern ist zu viel Sulfonsäure R471811 im Trinkwasser. In Neuendorf 11-mal so viel und in Hendschiken rund 8-mal so viel wie erlaubt.

Hier hat die «Rundschau» überall Messungen vorgenommen. Sie zeigen: Bei neun Orten liegen die gemessenen Rückstände über dem
gesetzlichen Grenzwert.

Hier hat die «Rundschau» überall Messungen vorgenommen. Sie zeigen: Bei neun Orten liegen die gemessenen Rückstände über dem
gesetzlichen Grenzwert.

Keine unmittelbare Gesundheitsgefahr

«Das ist ein sehr hoher Wert. Der muss runterkommen, aber so schnell werden wir diese Abbauprodukte wohl nicht mehr los», sagt der Schaffhauser Kantonschemiker Kurt Seiler zum Kappeler Wasser. Er gilt als der Kenner der Chlorothalonil-Problematik. Er betont aber auch: «Es besteht keine Gesundheitsgefährdung. Dieses Wasser kann bedenkenlos getrunken werden.» Trotzdem sei es wichtig, nun dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr passieren könne. Denn laut Kurt Seiler verlangt das Lebensmittelrecht qualitativ gutes und gesundes Trinkwasser.

Pestizid ist «möglicherweise krebserregend»

Der Stoff Chlorothalonil gilt als «möglicherweise krebserregend». Deshalb hat der Bund das Pestizid auf den 1. Januar 2020 verboten. Syngenta hat beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde gegen das Verbot eingereicht. Laut Syngenta ist Chlorothalonil «weit weniger krebserregend» als zum Beispiel Sonnenlicht, Alkohol oder rotes Fleisch. Das Verbot des Pestizides sei «nicht nachvollziehbar» und deshalb sei auch der Grenzwert von 0,1 Mikrogramm für die Abbauprodukte im Trinkwasser zu streng. Die im Wasser gemessenen
Zerfallsprodukte hätten «keine negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt», so Syngenta.

Millionenkosten für die Wasserversorger

Die Gemeinden haben nun zwei Jahre lang Zeit, das Problem zu lösen. Damit die gesetzlichen Grenzwerte im Mittelland eingehalten werden können, müssen viele Wasserversorger hohe Investitionen tätigen. In Kappelen baut die Gemeinde eine neue Leitung, um sauberes Wasser aus dem Nachbardorf zu beziehen. Schweizweit dürfte die Sanierung dutzende Millionen Franken kosten.

«Rundschau»-Recherche

Mehr dazu im TV

Die ganze Recherche der «Rundschau» zur Chlorothalonil-Problematik ist heute Abend um 20.05 Uhr auf SRF 1 zu sehen.

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65 Kommentare
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Kombucha Kultur

27.05.2020, 12:03

Deswegen ist meine wasserkultur gestorben... ich dachte, das etwas mit Wasser nicht mehr stimmt! Kaufe jetzt nur noch vom Migros Mineralwasser

Rosalin

27.05.2020, 11:57

Die sollen endlich die Gemüseproduzenten in die Pflicht nehmen. Die plündern unsere Böden aus bis zur Unfruchtbarkeit. Und das alles in ihr eigenes Portemonnaie....

Aufklärung nötig

27.05.2020, 11:42

Was ist mit den Orten, die sich vor der Bekanntgabe der Werte drücken?