Aktualisiert 09.02.2020 14:57

Chlorothalonil im Wasser

Pestizidbelastung bis zu 27-mal über Grenzwert

Daten zeigen, wo die Pestizid-Konzentration den heute gültigen Grenzwert massiv überschreitet. Kritiker sprechen von Behördenversagen.

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ehs/pam
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Das in der Landwirtschaft eingesetzte Fungizid Chlorothalonil ist seit Anfang Jahr verboten. Der Bund hat es als «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen eingestuft.

Das in der Landwirtschaft eingesetzte Fungizid Chlorothalonil ist seit Anfang Jahr verboten. Der Bund hat es als «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen eingestuft.

Keystone/Melanie Duchene
Neue Daten zeigen nun: An gewissen Messstellen wurde die Konzentration des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 um das 27-fache überschritten.

Neue Daten zeigen nun: An gewissen Messstellen wurde die Konzentration des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 um das 27-fache überschritten.

Keystone/Christian Beutler
«Die Wasserversorger machen ihren Job nicht. Sie haben keinen Plan, wie sie die Rückstände verhindern wollen und sie äussern sich nicht einmal zum Thema», sagt Franziska Herren von der Trinkwasser-Initiative.

«Die Wasserversorger machen ihren Job nicht. Sie haben keinen Plan, wie sie die Rückstände verhindern wollen und sie äussern sich nicht einmal zum Thema», sagt Franziska Herren von der Trinkwasser-Initiative.

Keystone/Gaetan Bally

Das in der Landwirtschaft eingesetzte Fungizid Chlorothalonil ist seit Anfang Jahr verboten. Der Bund hat es als «wahrscheinlich krebserregend» für den Menschen eingestuft. Neue Daten zeigen nun: An gewissen Messstellen ist die Konzentration des Chlorothalonil-Rückstandes R471811 bis zu 27-mal zu hoch.

Die «Sonntagszeitung» erhielt aufgrund eines Gesuches nach dem Öffentlichkeitsgesetz Einblick in die Daten. Zuvor hatte sie das Bundesamt für Umwelt geheim gehalten. Wie die Zeitung schreibt, seien nicht einmal die betroffenen Gemeinden informiert worden. Der zuständige Gemeinderat von Fischbach, wo die Abbauprodukte den zulässigen Grenzwert um das 12-fache überschreiten, sagt: «Ich bin überrascht, dass der Bund uns das nicht mitgeteilt hat.»

Bund gibt zwei Jahre Zeit

Es handelt sich um Messungen, die 2017 vom Wasserforschungsinistitut Eawag durchgeführt wurden. In ihrer Analyse schrieben die Experten laut «Sonntagszeitung», dass die Messwerte besonders besorgniserregend seien, weil sich der Stoff nur langsam abbaue und seine Folgen für die Gesundheit kaum erforscht seien.

Zu den Gemeinden mit den höchsten Belastungen gehören Montmagny VD, Trüllikon ZH, Fischbach LU, Mathod VD und Neerach ZH. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) gibt den Wasserversorgern zwei Jahre, um die neuen Höchstwerte für alle Abbaustoffe von Chlorothalonil einzuhalten. Einfache Massnahmen, um die Belastung zu senken, müssen sofort getroffen werden. Dazu gehört das Mischen von belastetem Wasser mit weniger belastetem Wasser aus anderen Quellen.

Mindestens 12 Kantone betroffen

Wie «Schweiz aktuell» berichtete, dürften die Grenzwerte im Grundwasser in mindestens 12 Kantonen überschritten sein. Im Kanton Bern seien 178'000 Personen betroffen, in Solothurn 160'000 und im Kanton Schaffhausen 20'000 Personen. Mittlerweile liefern Trinkwasserversorger sogar Wasser, wenn sie die Grenzwerte nicht einhalten können. «Wir können das Lebensmittelgesetz nicht mehr einhalten», sagt Andreas Hirt vom Trinkwasserlieferant Energie Service Biel.

Die Werte geben der Trinkwasser-Initiative Auftrieb. Sie fordert, dass Bauern nur noch Subventionen erhalten, wenn sie keine Pestizide einsetzen. National- und Ständerat haben die Initiative ohne Gegenvorschlag abgelehnt. Zuvor hatten Vertreter der Wasserversorger angekündigt, bei einem solchen Vorgehen möglicherweise die Initiative zu unterstützen. Eine klare Positionierung gab es vom Verband bisher aber nicht.

«Wie soll man noch vertrauen?»

Franziska Herren vom Komitee der Trinkwasser-Initiative sagt: «Die Versorger beliefern die Bevölkerung mit Wasser, das nicht der Qualität des Gesetzes entspricht. Die Behörden versagen und machen ihren Job nicht. Sie haben keinen Plan, wie sie die Rückstände verhindern und beseitigen wollen. Wie soll man ihnen so noch vertrauen?» Niemand fühle sich für das Problem zuständig. «Der Bund führt die Bevölkerung hinters Licht, wenn er nicht einmal die gemessenen Werte veröffentlicht.»

Dass die Grenzwerte nicht eingehalten würden, sei «Horror»: «Wir sind alle direkt betroffen. Kinder, die neu auf die Welt kommen, haben Pestizide im Schoppen. Beim Wasser kann man nicht auswählen.» Hinzu komme, dass sich die Rückstände langsam abbauten und möglicherweise noch 20 Jahre lang im Trinkwasser zu finden seien, wenn nichts unternommen werde. Für die Abstimmung, die am 29. November stattfinden könnte, sei sie optimistisch. «Der Bund sagt: Wir können die Grenzwerte nicht einhalten, aber trinkt ruhig weiter. Das akzeptieren die Leute nicht.»

«Grosser Teil des Mittelland betroffen»

Paul Sicher vom Schweizerischen Verein des Gas- und Wasserfaches sagt: «Wir rechnen damit, dass auch beim Trinkwasser ein grosser Teil des Mittellandes von Chlorothalonil-Rückständen betroffen ist.» Derzeit seien die Kantone und Versorger daran, das Trinkwasser auf die neuen Metaboliten von Chlorothalonil zu analysieren und mögliche Massnahmen zu eruieren. «Sie dürften umfangreich sein und mehrere Jahre in Anspruch nehmen». Für die Abbauprodukte von Chlorothalonil gelte erst seit Januar der Höchstwert. «Zuvor fielen diese durchs Raster.»

Eine direkte gesundheitliche Gefährdung gehe von den Abbauprodukten nicht aus, sagt Sicher. Aber: «Wir können nicht tolerieren, dass zukünftige Generationen belastetes Wasser trinken.» Sicher fordert deshalb einen besseren Schutz der Trinkwasserfassungen. Wenn Pestizide in Fassungsgebieten in einer höheren Konzentration als der Trinkwasser-Grenzwert vorkommen, so dürften diese nicht mehr zugelassen werden.

Das sagen die Bauern

Der Schweizer Bauernverband spricht sich gegen die Trinkwasserinitiative aus. Sie würde die einheimische Produktion praktisch verunmöglichen, argumentiert er. «Bei Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben, Gemüse, Obst wäre nicht einmal mehr der Anbau in Bioqualität möglich.» Die Initiative schiesse «meilenweit» am Ziel vorbei. Sie führe dazu, dass die Preise für Schweizer Lebensmittel steigen und die Importe zunehmen. Die Trinkwasserqualität in der Schweiz sei «auch im weltweiten Vergleich hervorragend», eine Gesundheitsgefährdung beim Konsum bestehe nicht. Zudem nehme die Landwirtschaft das Thema ernst – etwa mit dem allerdings freiwilligen «Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz».

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