Grüne Vorstösse: Pestizide machen krank – Greenpeace will Bio-Pflicht
Aktualisiert

Grüne VorstössePestizide machen krank – Greenpeace will Bio-Pflicht

Laut einer Greenpeace-Studie machen uns Pestizide krank. Die Grünen fordern nun, dass nur noch Bioprodukte angebaut werden dürfen – die Bauern wehren sich.

von
Ph. Flück
Greenpeace warnt vor Pestiziden und fordert eine «ökologische Landwirtschaft».

Greenpeace warnt vor Pestiziden und fordert eine «ökologische Landwirtschaft».

Mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat werden in der Schweiz Obstbäume, Felder und Reben besprüht. Nun schlägt Greenpeace Alarm: Eine Studie der Umweltschutzorganisation soll belegen, dass der Einsatz des Pestizids krank macht. Die medizinische Literatur zeige einen statistischen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder Parkinson, heisst es im Bericht, der von Greenpeace-Forschern aus der aktuellen medizinischen Literatur zusammengestellt wurde. Auch das Risiko für Fehlentwicklungen, neurologischen und immunologischen Störungen sei insbesondere bei Kleinkindern und Ungeborenen erhöht. In Pestiziden enthaltene Chemikalien könnten selbst im Mutterleib direkt auf das Kind übergehen.

Durch die Verschmutzung von Böden und Wasserwegen seien auch Erwachsene einem wahren Pestizidcocktail ausgesetzt, heisst es in der Studie weiter. Deshalb fordert Greenpeace «den unverzüglichen Ausstieg aus der Verwendung sämtlicher Pestizide, die für Nichtzielorganismen giftig sind» und die Hinwendung zur sogenannten «ökologischen Landwirtschaft», die ohne Pestizide auskommt. «Somit können wir die Gefahr für Mensch und Tier zumindest minimieren», erklärt Yves Zenger, Pressesprecher von Greenpeace.

«Bioproduktion ist die Zukunft»

Dieses Ziel teilen die Grünen. Sie haben vergangene Woche im Parlament ein ganzes Vorstosspaket eingereicht, mit dem sie den Bundesrat dazu auffordern, die Gefahr des Einsatzes von Glyphosat und glyphosathaltigen Produkten zu prüfen und gegebenfalls zu sistieren. «Den Verdacht, dass diese Stoffe schädlich sein könnten, gibt es schon lange. Diese Studie bestätigt dies nun», erklärt Louis Schelbert, Nationalrat der Grünen.

Auch für ihn ist die Anwendung von Pestiziden langfristig keine sinnvolle Option mehr für die Landwirtschaft: «Die Zukunft liegt ganz klar in der schadstofffreien Bioproduktion.» Landwirtschaft müsse für den Boden, das Wasser und die Tiere nachhaltig sein. «Nur der Bio-Anbau entspricht diesen Anforderungen.»

Wichtig für Landwirtschaft

Markus Ritter, CVP-Nationalrat und Präsident des Schweizer Bauernverbands, will hingegen nichts wissen von einem totalen Pestizidverbot – das sei unverhältnismässig: «Pestizide garantieren eine gewisse Erntesicherheit. Müssten wir ohne Pestizide auskommen, wären die Erträge sicher wesentlich kleiner.» Dies würde dazu führen, dass die Produkte auf dem Markt teurer würden.

Trotzdem findet es auch Ritter wichtig, dass Gesundheitsrisiken möglichst ausgeschlossen werden können: «Sollte sich ein Pestizid als schädlich erweisen, ist es richtig, dieses zu verbieten.» Dies dürfe aber nur nach einer breit abgestützten wissenschaftlichen Untersuchung geschehen. «So kann man auch den Bauern erklären, warum sie einen bestimmten Stoff nicht mehr einsetzen dürfen.» Auf keinen Fall dürfe es sich nur um ein politisches Verbot handeln.

«Bio ist Augenwischerei»

Auch Immunologe Beda Stadler, der in der Vergangenheit mehrfach durch Kritik am Bio-Hype aufgefallen ist, hält wenig von den Forderungen von Greenpeace und den Grünen: «Pestizide wie Glyphosat sind harmlos, wenn sie richtig eingesetzt werden.» Natürlich sollte man «nicht gleich flaschenweise davon trinken», doch für den landwirtschaftlichen Einsatz sei dieser Stoff völlig unproblematisch. Menschen würden Glyphosat schon seit Jahrzehnten benutzen: «Dass man nun ein solches Theater darum machen will, ist ein Witz.»

Biobauern würden statt Glyphosat eine Kupfersulfat-Lösung über ihre Pflanzen sprühen, diese sei für den Boden viel schädlicher, so Stadler. Der Biologe wittert hinter den Forderungen vor allem eine wirksame PR-Aktion: Bio sei heute für viele Menschen eine Ersatzreligion geworden. Deshalb überrasche es ihn nicht, dass Greenpeace nun auf diese setze. «Man hofft wohl damit möglichst viele Menschen zum Spenden zu bewegen.»

Greenpeace wehrt sich gegen diesen Vorwurf: «Es ist ausreichend wissenschaftlich belegt, dass Pestizide wie Glyphosat krank machen können.» Als Immunologe sollte Stadler das eigentlich wissen, so Zenger. «Aber als Jünger der Agrochemie fehlt ihm da die nötige Distanz.»

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