20.06.2017 10:11

Umstrittene Substanzen

Pestizide mit gefährlichen Nebenwirkungen

Wasserversorger warnen, dass sich immer mehr Pestizide im Grundwasser anreichern. Doch weshalb sind Pestizide überhaupt gefährlich?

von
jcg
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Pestizide schützen die Ernten vor Schädlingen und Krankheiten. Doch viele Wirkstoffe stellen eine Gefahr für Mensch und Tier dar, wie Umweltschutzorganisationen betonen.

Pestizide schützen die Ernten vor Schädlingen und Krankheiten. Doch viele Wirkstoffe stellen eine Gefahr für Mensch und Tier dar, wie Umweltschutzorganisationen betonen.

Keystone/Arno Balzarini
Das meistverkaufte Herbizid Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Dennoch soll es in der EU für weitere 10 Jahre zugelassen werden.

Das meistverkaufte Herbizid Glyphosat steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Dennoch soll es in der EU für weitere 10 Jahre zugelassen werden.

epa/Patrick Pleul
Insektizide der Gruppe der Neonicotinoide werden für das sogenannte Bienensterben der letzten Jahre verantwortlich gemacht. Da Bienen eine entscheidende Rolle bei der Bestäubung der Pflanzen einnehmen, hätte ein Massensterben fatale Folgen für die Lebensmittelproduktion.

Insektizide der Gruppe der Neonicotinoide werden für das sogenannte Bienensterben der letzten Jahre verantwortlich gemacht. Da Bienen eine entscheidende Rolle bei der Bestäubung der Pflanzen einnehmen, hätte ein Massensterben fatale Folgen für die Lebensmittelproduktion.

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In der Schweiz verwenden die Bauern laut dem Bundesamt für Landwirtschaft jährlich 2200 Tonnen Pestizide, um ihre Ernten vor Schädlingen und Krankheiten zu schützen. Je nachdem, gegen welche Schadorganismen sie wirken sollen, werden die Pflanzenschutzmittel anders bezeichnet: So wirken Herbizide gegen Unkraut, Fungizide gegen Pilzbefall, Insektizide und Akarizide gegen Insekten, Spinnen und Milben, Rodentizide gegen Nagetiere. Viele Pflanzenschutzmittel wirken aber nicht nur gegen ihre direkten Ziele, sie treffen auch andere Organismen, belasten Böden und Gewässer und finden sich schliesslich als Rückstände in unseren Lebensmitteln wieder.

In der Schweiz sind hunderte verschiedene Wirkstoffe als Pflanzenschutzmittel vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) zugelassen worden. In der EU ergibt sich ein ähnliches Bild. Laut BLW werden Pflanzenschutzmittel erst zugelassen, «wenn sichergestellt ist, dass sie bei vorschriftgemässem Umgang keine unannehmbaren Nebenwirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt haben». Doch trotz dieses Bewilligungsverfahrens stellen viele Wirkstoffe eine Gefahr für Mensch und Tier dar, wie Umweltschutzorganisationen betonen.

Krebsgefahr

Das in der Öffentlichkeit zurzeit bekannteste Pflanzenschutzmittel ist das Herbizid Glyphosat. Das meistverkaufte Pestizid der Welt steht im Verdacht, für Menschen krebserregend zu sein. Zudem soll es erbgutschädigend sein. Das haben mehrere Studien nahegelegt. Allerdings wurde es 2016 von der WHO als für Menschen nicht schädlich eingestuft. In den Schlagzeilen ist der Wirkstoff, weil die EU plant, die Zulassung um zehn Jahre zu verlängern.

Die Umweltschützer prangern auch Pestizide an, die hormonell wirken, sogenannte endrokrine Disruptoren. Stören sie das hormonelle Gleichgewicht, können verschiedene Krankheiten auftreten, darunter Tumore in hormonabhängigem Geweben, Störungen des Stoffwechsels, Reproduktionsstörungen und neurologische Störungen.

Als endokrine Disruptoren gelten unter anderem die Pyrethroide, Wirkstoffe, die in vielen Insektenschutzmitteln zu finden sind. Auch das Herbizid 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure steht im Verdacht, auf den Hormonhaushalt einzuwirken. Den grössten Teil der hormonell wirksamen Pestizide nimmt der Mensch über die Nahrung auf. Verschiedene in Europa zunehmende Krankheiten wie Brust- und Prostatakrebs, Diabetes, Unfruchtbarkeit oder psychische Erkrankungen werden mit endokrinen Disruptoren in Verbindung gebracht. Pyrethroide sind zudem sehr giftig für Wasserorganismen wie Kleinkrebse und Fische.

Insektensterben

Als besonders verhängnisvoll haben sich auch die Neonicotinoide, eine Gruppe von hochwirksamen Insektiziden, erwiesen. Sie stehen in einem direkten Zusammenhang mit dem Bienen- und Hummelnsterben der letzten Jahre. Dennoch sind in der Schweiz und der EU dutzende Produkte mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide zugelassen. Einzig Frankreich hat bisher ein Verbot beschlossen, das 2018 in Kraft treten soll.

Die hochgiftigen Neonicotinoide könnten auch dafür verantwortlich sein, dass in den letzten Jahren ein wahres Massensterben bei den Insekten stattfand. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen ergab, dass dort in den vergangenen 15 Jahren die Biomasse von Fluginsekten um 80 Prozent abgenommen hat. Das hat fatale Folgen für die Vogelwelt. Insektenfressern wie Mauerseglern und Schwalben wird so die Nahrungsgrundlage entzogen.

Auch andere Insektizide haben unerwünschte Nebenwirkungen. So führt das Insektizid Chlorpyrifos, ein Phosphorsäureester, zu neurologischen Störungen und kann die die Entstehung des ADHS-Syndroms begünstigen. In Deutschland ist der Wirkstoff verboten, in der Schweiz weiterhin auf dem Markt.

Greenpeace führt eine schwarze Liste der Pestizide. 2016 listete die Umweltorganisation darauf 209 ihrer Ansicht nach gefährliche Substanzen in Europa zugelassene Substanzen auf. Die oben erwähnten Wirkstoffe finden sich alle darauf wieder.

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