Aktualisiert 19.06.2019 14:38

500'000 Franken

Pestizide – Unternehmer startet Crowdfunding

Weil Syngenta und ähnliche Firmen gefährliche Pestizide exportierten, will der Chef eines KMU-Unternehmens eine halbe Million Franken sammeln.

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mm
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Die Nichtregierungsorganisation Public Eye machte kürzlich publik, dass Syngenta weltweit Pestizide verkauft, die in der Schweiz und der EU seit Jahren verboten sind. Laut Public Eye stehen 15 der 32 meistverkauften Syngenta-Pestizide auf der Liste der hochgefährlichen Pestizide des Pesticide Action Network (PAN).

Die Nichtregierungsorganisation Public Eye machte kürzlich publik, dass Syngenta weltweit Pestizide verkauft, die in der Schweiz und der EU seit Jahren verboten sind. Laut Public Eye stehen 15 der 32 meistverkauften Syngenta-Pestizide auf der Liste der hochgefährlichen Pestizide des Pesticide Action Network (PAN).

epa/Barbara Walton
Adrian Wiedmer, CEO von Gebana, einer Firma, die Fair-Trade-Lebensmittel produziert und importiert, platzte daraufhin der Kragen. Er will mit einem Crowdfunding eine halbe Million Franken für die Konzernverantwortungsinitiative sammeln.

Adrian Wiedmer, CEO von Gebana, einer Firma, die Fair-Trade-Lebensmittel produziert und importiert, platzte daraufhin der Kragen. Er will mit einem Crowdfunding eine halbe Million Franken für die Konzernverantwortungsinitiative sammeln.

AP/Dario Lopez-mills
Wiedmer sagt: «Hunderte unserer Bio-Bauern in Brasilien haben genau durch gefährliche Pestizide ihren Markt verloren. Ausserdem hat Syngenta jahrelang in der Nähe unserer Tochterfirma illegale Gentech-Experimente ausgeführt.»

Wiedmer sagt: «Hunderte unserer Bio-Bauern in Brasilien haben genau durch gefährliche Pestizide ihren Markt verloren. Ausserdem hat Syngenta jahrelang in der Nähe unserer Tochterfirma illegale Gentech-Experimente ausgeführt.»

Keystone/Arno Balzarini

Als die Nichtregierungsorganisation Public Eye kürzlich publik machte, dass Syngenta weltweit Pestizide verkauft, die in der Schweiz und der EU seit Jahren verboten sind, sei ihm der Kragen endgültig geplatzt, sagt Adrian Wiedmer, CEO von Gebana, einer Firma für Fair-Trade-Lebensmittel. Er will mit einem Crowdfunding eine halbe Million Franken für die Konzernverantwortungsinitiative (siehe Box) sammeln.

Laut Public Eye stehen 15 der 32 meistverkauften Syngenta-Pestizide auf der Liste der hochgefährlichen Pestizide des Pesticide Action Network (PAN). So erzielte der Agrarchemie-Konzern mit Sitz in Basel laut Schätzungen von Public Eye 2017 fast vier Milliarden Franken Umsatz mit dem Verkauf dieser Pestizide unter anderem nach Brasilien, Argentinien oder Indien.

Bio-Bauern verlieren durch Pestizide ihre Existenz

Wiedmer: «Hunderte unserer Bio-Bauern in Brasilien haben genau durch gefährliche Pestizide ihren Markt verloren. Ausserdem hat Syngenta jahrelang in der Nähe unserer Tochterfirma illegale Gentech-Experimente ausgeführt.» Als es Proteste gegeben habe und das Gelände von Syngenta von der lokalen Bevölkerung besetzt worden sei, sei gar eine Person erschossen worden. «Syngenta wurde zehn Jahre später dafür verurteilt, hat aber nie richtig Verantwortung für diesen tragischen Vorfall übernommen, noch sich dafür entschuldigt», sagt Wiedmer. Es könne nicht sein, dass Unternehmen wie Syngenta Pestizide, die bei uns verboten seien, in Ländern wie Brasilien faktisch entsorge.

«Wenn wir das können, dann auch Grosskonzerne»

«Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass es für international tätige Unternehmen in bestimmten Ländern nicht einfach ist, Umweltstandards und Menschenrechte zu gewährleisten», so Wiedmer. Man müsse deren Einhaltung aber sorgfältig überprüfen und verbessern und für Fehler Verantwortung übernehmen, sagt Wiedmer. «Gebana hat Tochterfirmen und 650 Angestellte im Ausland. Wenn wir uns als KMU mit knappem Budget verantwortungsvoll verhalten können, dann können das auch Grosskonzerne.»

«Wohlstand beruht auf Verantwortung und Anstand»

Wiedmer entschied sich deshalb ein Crowdfunding (siehe Box) zu lancieren, dessen gesamter Erlös von 500'000 Franken der Abstimmungskampagne für die Konzernverantwortungsinitiative zugutekommen soll. Diese wird voraussichtlich im Februar 2020 an die Urne kommen. «Das ist ein hochgestecktes Ziel», so Wiedmer. Doch die Annahme der Initiative sei sehr wichtig: «Unser Wohlstand beruht auf Werten wie Verantwortung und Anstand. Höchste Zeit, dass wir das auch internationalen Konzernen wie Syngenta und Glencore klarmachen.»

«Syngenta-Produkte sind sicher»

Syngenta widerspricht dieser Darstellung. Ihre Pflanzenschutzmittel gehörten zu den am strengsten regulierten Produkten der Welt: «Wir sind von deren Sicherheit und der Rolle überzeugt, die sie für die Verfügbarkeit und Qualität von Nahrungsmitteln spielen», so ein Sprecher. Im Gegensatz zu Syngenta versuchten verschiedene Organisationen, Innovationen in der Landwirtschaft zu verhindern. Ausserdem sei die PAN-Liste von keiner nationalen oder internationalen Behörde offiziell anerkannt.

«Der Staat regelt die Zulassung jeweils eingeschränkt auf die Nutzpflanzen, auf denen sie verwendet werden dürfen, und abgestimmt auf die lokale agronomischen Bedürfnisse und die klimatischen Bedingungen», so Syngenta. Die Schweizer Landwirtschaft in ihrem gemässigten Klima mit kalten Wintern sei nicht zu vergleichen mit der (sub-)tropischen Landwirtschaft. «Entsprechend sind auch nicht alle unsere Produkte im winzigen Schweizer Heimmarkt zugelassen – wie das im Export üblich ist», so der Konzern.

«Wir verurteilen die Anwendung von Gewalt»

Syngenta bestätigt das tragische Ereignis, das sich in ihrem ehemaligen brasilianischen Forschungsstandort ereignete: «Wir sind zutiefst traurig über den Vorfall, verurteilen die Anwendung von Gewalt in jeder Form und bedauern die Todesfälle.» Jedoch lehne Syngenta den Entscheid des zuständigen Berufungsgerichts vom November 2018 nach Schadenersatz grundsätzlich ab, da die betreffenden Angestellten der von Syngenta beauftragten Sicherheitsfirma in klarem Widerspruch zu den Anweisungen von Syngenta gehandelt hätten.

«Syngenta nimmt seine Verantwortung wahr»

Laut Syngenta geht die Konzernverantwortungsinitiative davon aus, dass andere Länder nicht in der Lage sind, ihre Rechtsordnung durchzusetzen: «Gerade der vorliegende Fall zeigt aber, dass die Behörden im betroffenen Land bei Vorkommnissen sehr wohl Massnahmen ergreifen.» Entsprechend lehne Syngenta die Initiative ab. «Sie gefährdet die Rechtssicherheit für Firmen, die im internationalen Handel engagiert sind.» Syngenta nehme seine Verantwortung in Bezug auf Wirtschaft und Menschenrechte sehr ernst.

Was fordert die Konzernverantwortungsinitiative?

Die Konzernverantwortungsinitiative fordert, dass sich Konzerne mit Schweizer Sitz wie Glencore und Syngenta bei all ihren Aktivitäten an die Menschenrechte halten müssen und die Umwelt nicht zerstören dürfen. Konzerne sollen in Zukunft fur die von ihnen verursachten Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen zivilrechtlich haften.

Die Gegner argumentieren, dass die Initiative der Schweizer Wirtschaft schadet und grosse Risiken für Unternehmen mit sich bringt. Übernimmt die Schweiz als einziges Land die geforderte Haftung, müsse sie mit einer Flut von ausländischen Klagen rechnen. Dadurch steige das Risiko aller Auslandstätigkeiten, weshalb die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort zurück geht. Dies schade letztlich der Bevölkerung in den Entwicklungsländern.

Wie funktioniert das Crowdfunding von Gebana?

Im Rahmen ihres Crowdfunding verkauft Gebana auf ihrer Website nachhaltig hergestellte «Verantwortungs-Schoggi». Für eine Spende im Wert von 30 Franken erhält der Spender zwei Tafeln Schokolade, für 1000 Franken werden gar 6 x 2 Kilogramm Schokoladen-Drops über drei Jahre hinweg nach Hause geliefert. Laut Adrian Wiedmer, CEO von Gebana, handle es sich nicht um eine kommerzielle Aktion, sondern sei als «Call to Action» zum Abstimmen gedacht. Das Crowdfunding koste Gebana rund 200'000 Franken, so Wiedmer.

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