Behörden im Visier: «Peter K. wäre nicht zu uns gekommen»
Aktualisiert

Behörden im Visier«Peter K. wäre nicht zu uns gekommen»

Drohungen, Amtsdeutsch und «Arschlöcher im Steueramt»: Zwei Ombudsmänner erzählen vom Frust der Bevölkerung mit der Verwaltung.

von
Joel Bedetti
«Keine Zeit für persönliche Schicksale»: Behörden sorgen für Frust und Ärger bei der Bevölkerung.

«Keine Zeit für persönliche Schicksale»: Behörden sorgen für Frust und Ärger bei der Bevölkerung.

Nachdem Friedrich Leibacher 2001 aus Groll gegenüber der Verwaltung im Zuger Regierungsrat ein Blutbad angerichtet hatte, stellten verschiedene Kantone sogenannte Ombudsmänner ein. Sie sollen Bürgern, die sich mit den Behörden in den Haaren liegen, ein Ventil bieten. Der Fall Peter K. zeigt erneut, wie obsessiv die Wut eines Einzelnen auf die staatliche Verwaltung werden kann. Auch der Groll in der Bevölkerung ist gross, wie Leser-Reaktionen zeigen. So schreibt zum Beispiel Maria Frey: «Peter K., ich verstehe Dich. Sobald man mit Behörden zu tun hat, wird man als Idiot bezeichnet. Keine Behörde in der Schweiz versteht etwas von Menschen.» Stimmt das? 20 Minuten Online sprach mit zwei Ombudsmännern über den Alltag mit frustrierten Bürgern.

Franz Bloch ist seit sechs Jahren Ombudsmann des Kantons Baselland. Er schätze den Anteil potentieller Peter K.'s und Leibachers gering ein, will er festgehalten haben. «Lediglich einmal zeigte ein Mann eine derartige Wut auf eine Person aus der Verwaltung, dass ich diese vorwarnte - sie werde vielleicht unangenehmen Besuch bekommen.» Da aber keine Morddrohung fiel, meldete Bloch den Vorfall nicht der Polizei.

«Jaja, red du nur»

Subtile Gewaltandrohungen kommen gemäss Bloch aber vor. «Die Frage 'Muss es erst ein zweites Zug geben?' habe ich in meinem Büro schon mehrmals gehört», sagt der Ombudsmann. Auch hier verzichtete er darauf, die Polizei einzuschalten. Er habe die betreffenden Hitzköpfe aber gewarnt, dass man heute mit solchen Aussagen schnell die Polizei im Haus habe.

In dieser Hinsicht, sagt der ehemalige Untersuchungsrichter Bloch, habe es seit dem Leibacher-Attentat einen Paradigmawechsel gegeben. «Wenn früher jemand Morddrohungen aussprach, hiess es: 'Jaja, red du nur!'»

Den Weg zur Tür gezeigt

Neben solchen Sprüchen verlören Leute, die sich in langwierigen Streitigkeiten mit Behörden befänden, manchmal die Contenance. «Wenn Sätze wie 'Auf der Steuerbehörde arbeiten sowieso nur Arschlöcher' fallen, mache ich der Person klar, dass man hier nicht in diesem Ton redet», erzählt Bloch. Einigen Besuchern habe er schon den Weg zur Tür gezeigt.

Auch Hans Faesi, Ombudsmann des Kantons Zürich, erlebte erst in einem Fall notorische Aggressionen gegen Verwaltungsangestellte. Er liess die Polizei ebenfalls aus dem Spiel: «Natürlich erlebe ich viel Frust. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass eine Gewalttat bevorsteht», berichtet er aus seiner Praxiserfahrung.

Keine Zeit für Schicksale

Franz Bloch betont, dass auf der Ombudsstelle viel aufgestauter Ärger verpuffen könne. «Bei mir können sich die Leute auskotzen. Ich höre ihnen zu und erkläre ihnen die Vorgänge in der Verwaltung. In einigen Fällen schlage ich vor, sich mit einem Anwalt zu wehren», sagt er. «Die Behörden dagegen haben keine Zeit für persönliche Schicksale. Sie verfassen Entscheide in sachlichem Amtsdeutsch und ohne grosse Erklärung.»

Weil der Normalbürger in der Regel fast nur über die Steuererklärung mit dem Staat zu tun hat, ist er gemäss Bloch schnell mal überfordert, wenn er mit Amtsverfügungen und Rechtsmittelbelehrungen konfrontiert wird. Wenn jemand über Jahre hinaus von der Verwaltung abhänge, beispielsweise von der Arbeitslosigkeit in die Sozialhilfe abrutsche, würden sich schlechte Erlebnisse summieren. «Manche Leute bekommen das Gefühl, die ganze Welt habe sich gegen sie verschworen, und die Leute auf den Ämtern überlegten sich den ganzen Tag nur, wie man sie sonst noch plagen könne», weiss der Basler Ombudsmann.

Leibacher wäre nicht zum Ombudsmann gegangen

Sein Zürcher Kollege Hans Faesi glaubt aber nicht, dass Ombudsmännner Querulanten vom Schlage K. besänftigen können. Wer zu ihm kommt, sei vielleicht wütend, aber an einer Lösung interessiert, sagt er. Seine Vermutung: «Leute wie K. und Friedrich Leibacher dagegen fressen den Frust über lange Zeit in sich hinein und verschanzen sich zuhause. Die kommen nicht zu uns.»

Entscheidend für das Mass an Frust sei seiner Erfahrung nach mehr der Zustand der betroffenen Person als die Angelegenheit, in welche sie verstrickt sei, so Faesi. «Man kann wegen einer Hausenteignung ebenso ausrasten wie wegen einer simplen Parkbusse.»

Die Frage, ob die hiesigen Behörden grundsätzlich korrekt mit der Bevölkerung umgehen, wollen die beiden Unparteiischen nicht direkt beantworten. Bloch sagt: «In drei von vier Fällen, die ich behandle, hat die Verwaltung korrekt entschieden.» Sowohl er als auch Hans Faesi geben zu Bedenken, dass ihre jährlichen 300 beziehungsweise 800 Fälle den hunderttausenden Kontakten der Verwaltung mit den Einwohnern gegenüberstünden.

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