Aktualisiert 19.03.2014 10:02

ZersiedelungPfadilager im Grünen sind in Gefahr

Wohnungen statt grüne Wiesen: Für Pfadfinder wird es zunehmend schwieriger, Plätze zu finden, auf denen sie ihre Zelte aufschlagen können. Nun eilt ihnen die Politik zu Hilfe.

von
J. Büchi

«Wo sich vor 20 Jahren noch Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt haben, ist heute alles verplant und verbaut.» Das Lamento über die zunehmende Zersiedelung der Schweiz ist derzeit in aller Munde. Doch die jüngste Kritik stammt nicht etwa von Umweltschützern, Zuwanderungsgegnern oder Bauern – sondern von der Pfadi. In einem Prospekt, der in diesen Tagen an 1,4 Millionen Haushalte ging, beklagt sich die Schweizerische Pfadistiftung, es werde immer schwieriger, Plätze für die Pfingst- und Sommerlager zu finden.

Die Flyer-Kampagne steht unter dem Motto: «Wir Pfadis gehören ins Grüne, nicht ins Graue.» Wo einst Kinder ihre Zelte aufgeschlagen hätten, stünden heute Wohnsiedlungen oder Strassen, erklärt Rolf Steiner von der Pfadistiftung. An der Stelle, an der in Affoltern am Albis früher ein Pfadiheim und ein Zeltlagerplatz gestanden hätten, führe etwa seit einigen Jahren die Autobahn A4 durch. Mehr als 50 Lagerplätze seien in den letzten Jahren auf diese Weise verschwunden. «Wir beobachten diese Entwicklung mit Sorge.»

Wenn sich die Pfadis eines Tages statt eines Lagerfeuers mit einem Gasgrill begnügen müssten, wäre das ein herber Verlust: «Für die gesunde Entwicklung eines Kindes ist es doch essenziell, hin und wieder aus dem behüteten städtischen ‹Man-darf-nichts-mehr-machen›-Umfeld herauszukommen!» Sich im Pfingstlager von Kopf bis Fuss schmutzig zu machen und auch einmal mit ungeputzten Zähnen ins Bett zu gehen, sei eine Erfahrung, die vielen ein Leben lang in bester Erinnerung bleibe.

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Vorstoss im Parlament geplant

Zwei Faktoren führten dazu, dass immer mehr Lagerplätze von der Pfadi-Liste gestrichen werden müssten, so Steiner: Neben der zunehmenden Überbauung von Wiesen und Feldern auch die Tatsache, dass Landwirte und Behörden vermehrt strikte Auflagen für die Nutzung ihrer Grünflächen erliessen. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, erhofft sich die Pfadistiftung neben Spenden aus der Bevölkerung auch Hilfe von der nationalen Politik. Man habe bereits das Gespräch mit «pfadinahen eidgenössischen Parlamentariern» gesucht, so Steiner, der selbst für die SP im Zürcher Kantonsrat sitzt.

Auf offene Ohren stiess die Stiftung bei Alois Gmür, CVP-Nationalrat aus dem Kanton Schwyz – in der Pfadi einst auch als «Spund» bekannt. Er werde in der Sommersession einen Vorstoss zum Thema einreichen, kündigt er gegenüber 20 Minuten an. «Ziel muss es sein, die bestehenden Landwirtschaftsflächen zu schützen, damit diese nicht auch noch überbaut werden.» Wie genau das geschehen soll, sei aber noch offen.

Zersiedelung in «gravierendem Ausmass»

Klar ist: Gmür begibt sich damit auf ein Terrain, das derzeit heftig umkämpft ist. Die Zersiedelung der Landschaft diente zuletzt den Initianten der Zweitwohnungs- und der Masseneinwanderungsinitiative als schlagkräftiges Argument. In der bevorstehenden Diskussion um die Ecopop-Initiative dürfte der befürchtete Kulturlandverlust ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Die Initianten wollen die Zersiedelung eindämmen, indem sie das Wachstum durch Zuwanderung in der Schweiz begrenzen.

Marcus Ulber, Raumplanungsexperte von Pro Natura, sagt, die Zersiedelung habe in der Schweiz zwar tatsächlich «gravierende Ausmasse» angenommen. Das Rezept aus der Ecopop-Küche sei aus seiner Sicht aber definitiv das falsche, um des Problems Herr zu werden. Damit die Siedlungsflächen nicht weiter anwachsen, müsse in erster Linie verdichtet gebaut werden.

Mit der Revision des Raumplanungsgesetzes, die letztes Jahr angenommen wurde, seien die richtigen Weichen gestellt worden. «Nun gilt es, das Gesetz in den Kantonen und Gemeinden richtig zu vollziehen.» Dass dies gelinge, sei von grösster Bedeutung. Ansonsten hätten Mensch und Natur darunter zu leiden: «Der natürliche Lebensraum von Tieren wird von Strassen zerschnitten oder geht ganz verloren. Das Beispiel Pfadfinder zeigt zudem, wie auch der Erholungsraum für den Menschen drastisch zurückgeht.»

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