Pfarrer Ernst Sieber denkt nicht ans Aufhören
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Pfarrer Ernst Sieber denkt nicht ans Aufhören

Auch mit 80 Jahren denkt der Zürcher Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber nicht an den Ruhestand. Nach den Turbulenzen mit seinen Sozialwerken konzentriert er sich heute auf seine grösste Berufung: die Frontarbeit mit Hilfsbedürftigen.

Am 24. Februar feiert der wohl bekannteste Schweizer Pfarrer den runden Geburtstag. Mit einem Festgottesdienst im Grossmünster in Zürich wird er am 4. März für sein Lebenswerk geehrt. Wenn es um die Sache der Armen geht, ist mit dem streitbaren Gottesmann auch in Zukunft zu rechnen, wie Sieber in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA klar macht.

Alter hinter sich gelassen

Er habe das Alter hinter sich gelassen, meint er mit Schalk auf die Frage, ob er mit 80 nicht kürzer treten wolle. Und als müsse er ein Zeichen setzen, kündigt der für medienwirksame Auftritte bekannte Pfarrer für das Frühjahr sogleich eine Kundgebung mit Obdachlosen an. Ein Mittel, dessen er sich häufig bediente, wenn es darum ging, die Menschen für die Sache der Armen aufzurütteln.

Zwar sei das sichtbare Elend von den Strassen weitgehend verschwunden, räumt er ein; verdeckt habe es in den letzten Jahren aber eher noch zugenommen. Und wenn jemand ohne Arbeit und von der Gesellschaft ausgegrenzt sei, sei es heute eher noch schwieriger geworden, wieder zurückzufinden. Die Frontarbeit mit Obdachlosen erachtet Sieber daher heute als wichtiger denn je.

Vision der Dorfgemeinschaft

Es überrascht also nicht, dass der einstige EVP-Nationalrat noch immer die Vision einer Dorfgemeinschaft für Obdachlose hegt. Dafür machte er sich im Zusammenhang mit dem Drogenelend bereits 1994 im Bundesparlament stark. Die Überweisung einer entsprechenden Motion war sein grösster politischer Erfolg. Die Umsetzung fand nie statt.

Sieber wäre nicht Sieber, wenn er an der Idee nicht eisern festhielte. Dafür sei er zurzeit mit Gemeinden im Gespräch. Zu welcher Eigeninitiative und Selbsthilfe Fallengelassene fähig seien, zeigten seine Erfahrungen mit kleinen Gemeinschaften, schwärmt Sieber. Die nötige Energie für Neues schöpft der Betagte mehr denn je aus einsamen Spaziergängen und aus der Mystik.

Nothelfer selber in Not

Vor zwei Jahren wandte sich Sieber mit einem medial inszenierten Hilferuf an die Öffentlichkeit. Der Pfarrer, der seit einem halben Jahrhundert unbürokratisch Menschen in Not beisteht, war mit seinem Sozialwerk selber in arge Not geraten. Seinem Lebenswerk mit rund 200 Angestellten drohte wegen finanzieller Schieflage das Aus.

Siebers Autorität rief potente Spender auf den Plan, die halfen, das Sozialwerk zu retten. Im Zuge der Sanierung gaben aber der Gründer und seine Frau Sonja die direkte Verantwortung für die Stiftung ab. Als Ehrenpräsident ist Sieber jedoch weiterhin Berater und moralische Instanz der verzweigten Institution.

Mit Sozialwerken versöhnt

Von einer Entmachtung will Sieber nicht sprechen. Macht habe er nie gehabt, und wenn schon seien es die Armen, denen er sich annehme, die ihm Autorität verliehen. Rückblickend räumt Sieber Fehler ein. Er sei schliesslich Theologe, nicht Finanzfachmann. Und wiederum mit Schalk ergänzt er, «als Gottesknecht» sei er bereit, «auch die Fehler anderer zu übernehmen».

Seine wahren Stärken wie unbürokratische Soforthilfe und übergrosse Vertrauensseligkeit kann er - zurück an der Front mit eigenen Projekten - wieder voll ausspielen. Der Obdachlosenpfarrer bleibt auch als Gastredner und -pfarrer ein gefragter Mann. Wenn der begnadete Rhetoriker den Menschen ins Gewissen redet, wirkt das allemal.

(sda)

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