Fälle geben Hoffnung: Pfizers Corona-Pille Paxlovid kann wohlmöglich auch Long Covid lindern
Publiziert

Fälle geben HoffnungPfizers Corona-Pille Paxlovid kann womöglich auch Long Covid lindern

Das Pfizer-Präparat Paxlovid ist eigentlich für die Behandlung von Covid-19 vorgesehen. Doch es gibt erste, zarte Hinweise darauf, dass es auch bei Long Covid helfen könnte.

von
Fee Anabelle Riebeling
1 / 8
Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist noch immer unter uns. 

Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist noch immer unter uns. 

Unsplash
Dabei darf nicht vergessen werden: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt zwar. 

Dabei darf nicht vergessen werden: Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sinkt zwar. 

BAG
Aber für viele Genesene ist Covid-19 mit dem Abklingen der akuten Infektion nicht erledigt. Schätzungen zufolge leiden rund 30 Prozent von ihnen an Long Covid. 

Aber für viele Genesene ist Covid-19 mit dem Abklingen der akuten Infektion nicht erledigt. Schätzungen zufolge leiden rund 30 Prozent von ihnen an Long Covid. 

Pexels

Darum gehts

  • In mindestens zwei Fällen sind Long-Covid-Betroffene nach der Behandlung mit Paxlovid ihre Long-Covid-Symptome losgeworden.

  • Bisher handelt es sich nur um unveröffentlichte Einzelfallberichte, Studien zur Wirksamkeit von Paxlovid bei Long Covid stehen noch aus.

  • Während einige Forschende Euphorie noch für verfrüht halten, zeigt sich ein anderer Experte zuversichtlich.

Auch wenn die Covid-19-Massnahmen hierzulande alle gefallen sind: Das Virus zirkuliert noch immer – in der Schweiz und weltweit. Es kommt weiter zu Ansteckungen und viele von Covid-19 Genesene leiden auch Monate später noch an den Folgen ihrer Infektion.

Mehr als 200 Symptome werden bisher mit Long Covid (siehe Box) in Verbindung gebracht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO klassifiziert 63 verschiedene. Zu den häufigsten gehören Erschöpfung, Kurzatmigkeit und kognitive Beeinträchtigungen (Gedächtnisstörungen, Brain Fog). Hinzu kommt eine Vielzahl weiterer Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Muskelschmerz, Druckgefühl auf dem Brustkorb, Depressionen und Angstzustände. Manche Betroffenen sind sogar arbeitsunfähig.

Long-Covid-Ursache noch unklar

Eine Theorie besagt, dass eine Corona-Infektion oder «Reste» des Virus die eigentliche Covid-19-Erkrankung überdauern und somit auch zu einem späteren Zeitpunkt Rückfälle auslösen könnten. Laut einer anderen Theorie werden womöglich latente Viren im Körper, wie das Epstein-Barr-Virus, das das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen kann, reaktiviert. In einer dritten Theorie werden die Symptome auf Autoimmunreaktionen nach einer Covid-19-Erkrankung zurückgeführt – demnach würde das durch die Infektion angespornte Immunsystem später «versehentlich» eigene Zellen angreifen. Darüber hinaus wäre es auch möglich, dass winzige Blutgerinnsel bei der Entwicklung von Long-Covid-Symptomen eine Rolle spielen. Bei vielen Corona-Patienten und -Patientinnen werden in verstärktem Masse entzündliche Moleküle beobachtet, die eine anormale Gerinnung fördern. In der Folge kann es zu Schlaganfällen, Herzinfarkten und gefährlichen Blockaden in Beinen und Armen kommen. Resia Pretorius von der Stellenbosch-Universität in Südafrika sieht in solchen Gerinnungsstörungen eine mögliche Erklärung für die allermeisten der mit Long Covid in Verbindung gebrachten Symptome. (dpa/AP)

Bisher können nur die Symptome behandelt werden, eine Heilung gibt es nicht. Nun gibt es jedoch erste Hinweise, dass Paxlovid, ein Medikament von Pfizer, das zur Behandlung von Covid-19 entwickelt wurde, auch bei Long Covid helfen könnte.

Zwei Frauen, zwei Erfahrungsberichte

Unter Berufung auf zwei noch unveröffentlichte Fallstudien aus den USA, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters von zwei Frauen, die nach ihren akuten Covid-19-Erkrankungen Long Covid hatten und deren Symptome nach der Paxlovid-Gabe verschwanden. Eine 47-Jährige, die sich gleich zweimal mit dem Coronavirus infiziert und beim zweiten Mal das Pfizer-Medikament erhalten hatte, spürte am dritten Tag der Paxlovid-Gabe eine «rasche Besserung». Heute sei sie wieder «ganz die Alte», so Linda Geng, Co-Direktorin der Klinik für Long Covid von Stanford Health Care in dem auf Researchsquare.com veröffentlichten Fallbericht.

Auch die Immunologin Lavanya Visvabharathy (37) von der Northwestern Medicine Long-Covid-Klinik in Chicago litt vier Monate nach ihrer Infektion noch unter chronischer Erschöpfung, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Nach fünftägiger Einnahme von Paxlovid verbesserten sich ihre Symptome zusehends. Zwei Wochen nach Ende der Behandlung waren ihre Erschöpfungssymptome «zu 100 Prozent verschwunden», wie Reuters aus dem Fallbericht zitiert.

Fachleute fordern klinische Studien

Trotz dieser Beobachtungen warnen nicht an den Case Studies beteiligte Fachleute davor, in Euphorie zu verfallen, sondern auf die Resultate klinischer Studien zu warten. «Wir sollten unsere Forschung nicht auf anekdotische Berichte stützen», so Diana Berrent, Long-Covid-Betroffene und -Aktivistin aus den USA. «Das ist nicht gut genug.»

Auch der Neurowissenschaftler Igor Koralnik von der Feinberg School of Medicine an der Northwestern University rät vorerst zu Zurückhaltung: «Paxlovid ist kein harmloses Medikament.» Es interagiere mit einer langen Liste weit verbreiteter Medikamente. Das Präparat sollte daher nicht einfach so eingenommen werden. Es brauche zuerst sorgfältige, kontrollierte Studien, betont auch Ex-Long-Covid-Patientin Visvabharathy.

«Wir sollten unsere Forschung nicht auf anekdotische Berichte stützen.»

Diana Berrent, Long-Covid-Betroffene und -Aktivistin aus den USA

Positiver gestimmt ist Steven Deeks, Mediziner und HIV-Experte von der University of California in San Francisco (UCSF), wie Science.orf.at schreibt: Pharmaunternehmen neigten dazu, Studien mit einzelnen Patienten abzuwerten. Aber solche Fälle hätten auch dazu beigetragen, die HIV-Heilung voranzutreiben. Deeks glaubt, dass Paxlovid dasselbe für Long Covid erreichen könnte. Auch habe er bereits von einem dritten Fall gehört, bei dem die Symptome eines Long-Covid-Patienten nach der Einnahme von Paxlovid verschwunden sind.

Paxlovid in der Schweiz 

Unter anderem in den USA und der EU ist Paxlovid schon zugelassen, in der Schweiz noch nicht. Das Schweizerische Heilmittelinstitut Swissmedic prüft die Zulassung von Paxlovid zur Behandlung von Covid-19 aber bereits. Das entsprechende Zulassungsgesuch hat Hersteller Pfizer im Januar 2022 eingereicht.

Neben Paxlovid bietet noch ein weiterer Medikamentekandidat Grund zur Hoffnung. Mit einem noch nicht zugelassenen Augenpräparat namens BC 007 habe man bereits mehrere Long-Covid-Patienten von ihrem Leiden befreit, heisst es von Seiten des Uniklinikums Erlangen und der Firma Berlin Cure. Die klinischen Studien liefen bereits.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel.  058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.chRatgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Wissen-Push

Abonniere in der 20-Minuten-App die Benachrichtigungen des Wissen-Kanals. Du wirst über bahnbrechende Erkenntnisse und Entdeckungen aus der Forschung, Erklärungen zu aktuellen Ereignissen und kuriose Nachrichten aus der weiten Welt der Wissenschaft informiert. Auch erhältst du Antworten auf Alltagsfragen und Tipps für ein besseres Leben.

So gehts: Installiere die neuste Version der 20-Minuten-App. Tippe unten rechts auf «Cockpit», dann «Einstellungen» und schliesslich auf «Push-Mitteilungen». Beim Punkt «Themen» tippst du «Wissen» an – et voilà!

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

18 Kommentare