«Kein Verständnis für die Situation» – Pflegende kritisieren Bundesrat Alain Berset scharf
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«Kein Verständnis für die Situation»Pflegende kritisieren Bundesrat Alain Berset scharf

Die nächste Corona-Welle ist in Spitälern und Pflegeheimen angekommen, doch der Bund will keine Massnahmen ergreifen. So steige die Belastung noch weiter, warnen nun Pflegende.

von
Marcel Urech
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Laut Bundesrat Alain Berset ist das Personal das grösste Hindernis für zusätzliche Spitalkapazitäten.

Laut Bundesrat Alain Berset ist das Personal das grösste Hindernis für zusätzliche Spitalkapazitäten.

20min/Simon Glauser
Trotzdem forderte der Gesundheitsminister die Kantone dazu auf, die Kapazitäten in den Spitälern zu erhöhen.

Trotzdem forderte der Gesundheitsminister die Kantone dazu auf, die Kapazitäten in den Spitälern zu erhöhen.

20min/Simon Glauser
Pflegende kritisieren den Bundesrat nun für diese Aussage. Berset zeige kein Verständnis für die Situation des Pflegepersonals, sagt etwa Barbara Dätwyler Weber vom Initiativkomitee der Pflegeinitiative.

Pflegende kritisieren den Bundesrat nun für diese Aussage. Berset zeige kein Verständnis für die Situation des Pflegepersonals, sagt etwa Barbara Dätwyler Weber vom Initiativkomitee der Pflegeinitiative.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Pflegende nerven sich darüber, dass der Bundesrat sie bei der Booster-Impfung nicht prioritär behandelt.

  • Auch eine Epidemiologin und eine Virologin kritisieren den Bund auf Twitter.

  • Die Spitäler seien am Anschlag, sagt Barbara Dätwyler Weber, Mitinitiantin der Pflegeinitiative.

Die Corona-Fallzahlen steigen, Massnahmen will der Bund aber nicht ergreifen. Stattdessen forderte Gesundheitsminister Alain Berset die Kantone dazu auf, die Kapazitäten in den Spitälern zu erhöhen. Diese Aussage sorgt nun für Kritik. Das Pflegepersonal sei schon jetzt ohne Unterbruch an der Front, sagt Barbara Dätwyler Weber vom Initiativkomitee der Pflegeinitiative, über die die Schweiz am 28. November abstimmt.

«Und dann heisst es: ‹Schaut mal, was ihr machen könnt, um die Kapazitäten auszubauen›», kritisiert die Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) für St. Gallen, Thurgau und die beiden Appenzell. Dabei seien die Spitäler schon jetzt am Anschlag, so Dätwyler Weber.

Wann kommt der Booster für das Gesundheitspersonal?

Dabei habe Berset selbst gesagt, dass das Personal das grösste Hindernis für zusätzliche Spitalkapazitäten sei. «Wenn das so ist, erwartet man doch, dass der Bundesrat gerade dieser Berufsgruppe, zusammen mit den Medizinern und etwa Physiotherapeuten, besonders Sorge tragen würde», zitieren Zeitungen von Tamedia die Thurgauer Pflegefachfrau. «Aber man zeigt kein Verständnis für die Situation des Pflegepersonals.»

Die nächste Welle sei in den Spitälern und Pflegeheimen der Ostschweiz «längst angekommen» und die Lage prekär, so Dätwyler Weber. In den Pflegeheimen komme es zu immer mehr Impfdurchbrüchen bei betagten Menschen. Das bedeute, dass die ohnehin schon hohe Belastung in den Alterszentren noch weiter steige.

Der Kanton Thurgau kündigte am Freitag eine dritte Corona-Impfung für Pflegende an. «Warum sagt der Bundesrat das nicht?», fragt Dätwyler Weber. «Das wäre mal ein Zeichen gewesen.» Laut Roswitha Koch vom SBK wäre es am wirksamsten, die Booster-Impfung dem Gesundheitspersonal schnell zur Verfügung zu stellen. So könnte man Erkrankungen und Ausfälle durch Isolation oder Quarantäne reduzieren, sagt Koch.

«Danke für nichts, Entscheidungsträger»

Auf Twitter äusserte sich auch Emma Hodcroft von der Universität Bern zum Thema. «Wenn die Spitäler überlastet sind, betrifft das alle, die eine Behandlung brauchen», warnt die Epidemiologin. «Es wird vermeidbare Todesfälle geben. Gibt es einen Plan, um das zu verhindern?»

Auch Isabella Eckerle, Virologin am Universitätsspital Genf, meldete sich auf Twitter: «Bei schweren Covid-19-Fällen (und allen anderen medizinischen Problemen unabhängig von Covid) wird es in vielen Regionen wohl bald nicht mehr die Gesundheitsversorgung geben, die wir sonst gewohnt sind.» In einem weiteren Tweet legte sie nach: Wir müssten uns wohl gedanklich erneut auf bescheidene, komplizierte und traurige Weihnachten einstellen. «Danke für nichts, Entscheidungsträger & Querdenker», so die Virologin.

Kommission stellt Forderungen an Bund

Die Gesundheitskommission des Nationalrates stimmte am Freitag dafür, dass der Bund die Kosten für Corona-Tests wieder übernimmt. Sie forderte zudem, dass Kantone Personen ein Zertifikat ausstellen müssen, die bei regelmässigen Tests in Betrieben, Schulen oder Pflegeeinrichtungen negativ sind.

Die Kommission sprach sich ausserdem für die Verlängerung einzelner Bestimmungen des Covid-19-Gesetzes aus. Auch dafür, dass der Bund Corona-Hilfen – etwa für Kultureinrichtungen – bis Ende 2022 verlängert. Sie forderte den Bundesrat zudem dazu auf, die sozialen Folgen der Pandemie abzufedern.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

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