Melde- und Einsatzpflicht – Pflegende laufen Sturm gegen Corona-Einsatzpflicht
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Melde- und EinsatzpflichtPflegende laufen Sturm gegen Corona-Einsatzpflicht

Ehemalige Pflegefachpersonen müssen sich im Kanton Graubünden bei den Behörden melden und können zu einem Corona-Einsatz verpflichtet werden. Betroffene halten die «Zwangsarbeit» für das falsche Mittel.

von
Daniel Krähenbühl
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Pflegefachpersonen im Kanton Graubünden, die nicht mehr im Beruf arbeiten, müssen sich ab sofort bei den Behörden melden und können zu einem Corona-Einsatz verpflichtet werden.

Pflegefachpersonen im Kanton Graubünden, die nicht mehr im Beruf arbeiten, müssen sich ab sofort bei den Behörden melden und können zu einem Corona-Einsatz verpflichtet werden.

Urs Jaudas/Tamedia
Das hat der Kanton Graubünden am Mittwoch in einer Mitteilung verkündet. 

Das hat der Kanton Graubünden am Mittwoch in einer Mitteilung verkündet.

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Bei ehemaligen Pflegefachkräften fällt die Massnahme jedoch durch. «Wenn Personen gezwungen werden, wieder in der Pflege zu arbeiten, kann das in einem Fiasko enden», sagt etwa M.G.

Bei ehemaligen Pflegefachkräften fällt die Massnahme jedoch durch. «Wenn Personen gezwungen werden, wieder in der Pflege zu arbeiten, kann das in einem Fiasko enden», sagt etwa M.G.

Urs Jaudas/Tamedia

Darum gehts

  • In Graubünden gilt für im Kanton wohnhafte Pflegefachkräfte, die in einem anderen Beruf tätig sind und keiner Risikogruppe angehören, ab sofort eine Meldepflicht.

  • In einer späteren Phase können die Fachpersonen zu einem Einsatz verpflichtet werden.

  • Bei ausgebildeten Personen, die dem Gesundheitswesen den Rücken gekehrt haben und beim Verband der Pflegefachkräfte fällt die Massnahme durch.

  • Daniel Camenisch, Leiter Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons Graubünden, verteidigt die Meldepflicht.

Pflegefachfrauen und -männer, Krankenschwestern und -pfleger sowie Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit: Alle im Kanton Graubünden wohnhaften Pflegefachpersonen, die nicht mehr in ihrem Beruf tätig sind und nicht einer Risikogruppe angehören, müssen sich ab sofort bei den Behörden melden. In einer späteren Phase könnten die Fachpersonen zu einem Einsatz verpflichtet werden. Damit soll die medizinische Versorgung in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen sichergestellt werden, schreibt die Bündner Regierung in einer Mitteilung.

Rechtliche Situation

Gemäss Gesundheitsgesetz kann der Kanton Graubünden Betriebe des Gesundheitswesens sowie Gesundheitsfachpersonen zur Mitwirkung bei der Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten des Menschen verpflichten. Zudem kann er die daraus entstandenen Kosten und Einnahmeausfälle übernehmen.

Gelernte Pflegefachpersonen, die nicht mehr im Beruf arbeiten, kritisieren die Massnahme scharf. So etwa M.P.*: «Ich war auch Pfleger, habe aber zum Glück vor Corona gekündigt.» Solange die Pflegeberufe so schlecht bezahlt seien und man so schlecht behandelt werde, könne man ihn nicht zum Zurückkommen bewegen. «Da bin ich sicher nicht der Einzige, der so denkt», so P. Eine Einsatzpflicht hält er für das falsche Mittel: «Ich selbst will nicht von Pflegefachkräften betreut werden, die zur Arbeit gezwungen werden.»

Nach Berufsabwesenheit nicht mehr einsatzbereit

M.G.* (32) arbeitet ebenfalls nicht mehr als gelernter Fachmann Gesundheit: «Es gibt viele, die aufgrund des Drucks bei der Arbeit kündigten.» So machen etwa die Schichtarbeit, die ständigen, teils kurzfristigen Verschiebungen im Dienstplan oder der Personalmangel vielen zu schaffen. «Wenn diese Personen gezwungen werden, wieder in der Pflege zu arbeiten, kann das in einem Fiasko enden.» Hinzu komme, dass man bereits nach kurzer Abwesenheit die Abläufe im Beruf nicht mehr kenne. «Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass man nach zwei bis drei Jahren bei Spitälern als ‹unbrauchbar› eingestuft wird.»

Beim Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) fällt das Vorgehen der Bündner Regierung durch: «Man hat die Omikronwelle kommen sehen, hätte also Zeit gehabt, ein anderes Vorgehen als eine Verpflichtung zu wählen», sagt Renate Rutishauser, Präsidentin der Sektion Graubünden. «Die Vorstellung, zu etwas gezwungen zu werden, kann Verunsicherung und Ängste auslösen.» Das sei bereits 2020 passiert, als der Kanton Graubünden einen ähnlichen Aufruf gemacht hatte.

Finanzieller Anreiz statt Verpflichtung

Zwar habe sie Verständnis, dass der Kanton in der aktuellen Situation nach einer Lösung suche, um genügend Fachkräfte rekrutieren zu können, so Rutishauser. «Ich hätte es aber befürwortet, wenn er mit finanziellen Anreizen und auf freiwilliger Basis um Unterstützung durch Pflegefachpersonen geworben hätte.» Wie hoch dieser finanzielle Anreiz sein sollte, soll von der Qualifikation und Einsatzdauer abhängen. «Es stellt sich auch die Frage, wer den Arbeitgeber für den Ausfall bezahlen soll, wenn eine ausgebildete Pflegefachperson zu einem Einsatz verpflichtet wird.»

Daniel Camenisch, Leiter Kommunikationsstelle Coronavirus des Kantons Graubünden, verteidigt die Meldepflicht: «Die Massnahme erfolgt, weil davon auszugehen ist, dass die starke Zunahme der Corona-Fälle die medizinische Versorgung an ihre Grenzen bringen wird.» Im März 2020 hätten sich nach einem ähnlichen Aufruf rund 1000 Personen gemeldet. Es sei nun erneut die Verantwortung jedes Einzelnen, sich zu melden, so Camenisch. Fachpersonen, die dem Aufruf nicht Folge leisten, drohten jedoch keine Konsequenzen: «Der Fokus liegt auf der Bewältigung der Pandemie, nicht auf der Kontrolle, wer sich tatsächlich gemeldet hat.»

*Name der Redaktion bekannt

Bundesrat will Pflegeinitiative in zwei Etappen umsetzen

Mit 61 Prozent Ja-Stimmen hat die Schweiz im November 2021 die Pflegeinitiative angenommen. Wie der Bundesrat nun in einer Medienmitteilung schreibt, will er zunächst die im Gegenvorschlag enthaltenen Massnahmen für eine Ausbildungsoffensive im Pflegebereich möglichst rasch umsetzen. Insgesamt sollte die Aus- und Weiterbildung demnach während acht Jahren durch Bund und Kantone mit bis zu einer Milliarde Franken gefördert werden.

In einem zweiten Schritt will er die weiteren Punkte der Initiative angehen. Dazu gehören unter anderem die Forderungen nach anforderungsgerechten Arbeitsbedingungen und einer angemessenen Abgeltung der Pflegeleistungen.

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