Zürich : Pflegezentrum will geimpftes Personal bevorzugen – Mitarbeitende wehren sich
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Zürich Pflegezentrum will geimpftes Personal bevorzugen – Mitarbeitende wehren sich

In Zürich bevorzugt ein Pflegezentrum geimpftes Personal. Die betroffenen Angestellten fühlen sich wegen der neuen Regelung diskriminiert und gehen nun auf die Barrikaden. So könnten Ungeimpften Nachteile drohen.

von
Bianca Lüthy
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In einem Zürcher Pflegeheim werden bei der Neubesetzung von Stellen Geimpfte bevorzugt. Auch beim Aufstocken des Pensums sollen Geimpfte bevorzugt behandelt werden. 

In einem Zürcher Pflegeheim werden bei der Neubesetzung von Stellen Geimpfte bevorzugt. Auch beim Aufstocken des Pensums sollen Geimpfte bevorzugt behandelt werden.

20min/Matthias Spicher
Man wolle so verhindern, dass es zu einem Virusausbruch im Heim komme und Personal ausfalle. 

Man wolle so verhindern, dass es zu einem Virusausbruch im Heim komme und Personal ausfalle.

20min/Matthias Spicher
«Der Impfstatus ist keine harte Bedingung. Wir stellen nicht ausschliesslich Geimpfte an. Das erlaubt der Arbeitsmarkt nicht», heisst es seitens der Heimleitung. 

«Der Impfstatus ist keine harte Bedingung. Wir stellen nicht ausschliesslich Geimpfte an. Das erlaubt der Arbeitsmarkt nicht», heisst es seitens der Heimleitung.

20min/Marvin Ancian

Darum gehts

  • Ein Zürcher Pflegezentrum bevorzugt geimpftes Personal.

  • Bei Neuanstellungen sollen geimpfte Pfleger und Pflegerinnen bevorzugt behandelt werden.

  • Das BAG und der Branchenverband für Pflegeangestellte finden, es sollten für Geimpfte und Nicht-Geimpfte dieselben Massnahmen gelten.

Das Pflegezentrum Kohlfirst in Feuerthalen ZH hat bei ihrem Personal neue Präferenzen definiert: Künftig sollen geimpfte Pfleger und Pflegerinnen bevorzugt behandelt werden. Vor allem bei der Einstellung von neuem Personal und bei der Aufstockung von Arbeitspensen könnte die neue Regelung Ungeimpfte benachteiligen.

Auch Weiterbildungen bewilligt das Pflegezentrum Kohlfirst für Ungeimpfte nur, wenn sie virtuell durchgeführt werden können. Ein Teil der Angestellten des Zürcher Heims wolle dies nicht auf sich sitzen lassen und habe sich in einem Brief an die Medien gewandt.

Seitens des Präsidenten des Heimes, Markus Späth, heisst es: «Von Diskriminierung kann keine Rede sein. Bei uns gibt es keinen Impfzwang», so das Statement gegenüber der «Neuen Zürcher Zeitung». Späth habe eigenen Angaben zufolge Verständnis für seine Angestellten, die sich nicht impfen lassen wollen. «Die Impfung ist tatsächlich sehr schnell auf den Markt gekommen.» Eine Bevorzugung der Geimpften stehe nicht auf dem Plan. Bei Bewerbungsverfahren sei es lediglich ein Kriterium, ob die Person geimpft ist oder dazu bereit wäre.

«Wir ziehen Geimpfte vor»

«Der Impfstatus ist keine harte Bedingung. Wir stellen nicht ausschliesslich Geimpfte an. Das erlaubt der Arbeitsmarkt nicht.» Aber: «Im Fall von mehreren Bewerberinnen und Bewerbern ziehen wir Geimpfte vor», so Späth, der auch Kantonsrat der SP ist.

Sanktionen für Ungeimpfte plane der Präsident des Pflegezentrums nicht, wie er der «NZZ» weiter sagt, er wolle mit der Impf-Bevorzugung das Risiko eines Corona-Ausbruchs im Heim reduzieren. Ende Dezember vergangenen Jahres kam es im Kohlfirst zu einem Virusausbruch. 15 Patienten starben und ein Drittel der Angestellten erkrankte. Damals hatte man grosse Mühe, die Situation zu bewältigen.

Die rund 78 Bewohnenden sowie 110 Angestellte des Heims haben bereits die erste Impfung verabreicht bekommen, so haben 90 Prozent der Bewohner und 50 Prozent der Angestellten das Angebot wahrgenommen. Bis Ende März soll ein Grossteil der Angestellten und Bewohnenden auch die zweite Impfdosis erhalten haben, sodass die Öffnung des Heims denkbar sei.

BAG rät von Bevorzugung von Geimpften ab

«Wir wollen allen Bewohnenden und ihren Angehörigen möglichst viele Freiheiten geben, zusätzliche Schutzmassnahmen für Ungeimpfte sind für uns kein Thema», so der Zürcher Heimleiter. Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) gab die Empfehlung ab, dass dieselben Corona-Massnahmen für Heimbewohnerinnen und -bewohner unabhängig vom Impfstatus gelten müssen.

Der Berufsverband des Pflegepersonals gab ebenfalls die Empfehlung ab, dass ein Impfzwang nicht zulässig sei. Ob dies in der Praxis auch befolgt wird, ist fraglich. So entschied 2006 das St. Galler Verwaltungsgericht, dass die Entlassung einer Pflegehelferin zulässig war, weil diese sich nicht gegen Hepatitis B impfen lassen wollte. Auf den Brief seiner Angestellten hat Späth reagiert und ihnen ein gemeinsames Gespräch vorgeschlagen, das für nächste Woche geplant ist.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

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