Costa Concordia: Pflichterfüllung, die zu Heldentum führte
Aktualisiert

Costa ConcordiaPflichterfüllung, die zu Heldentum führte

Italien hat in Hafenkapitän De Falco seinen Helden gefunden. Pflichterfüllung sei nicht gleich Heldentum, finden einige. Auch die Dämonisierung Schettinos wird kritisiert.

von
Kian Ramezani

Tragödien sind perfekte Projektionsflächen für Schurken und Helden, so auch die Katastrophe der «Costa Concordia». Die Rollen sind verteilt: Auf der einen Seite Francesco Schettino, rücksichts- und charakterloser Kapitän des verünglückten Kreuzschiffes. Auf der anderen Gregorio Maria De Falco, pflichtbewusster Hafenkapitän in Livorno.

Das Telefongespräch zwischen den beiden (siehe oben) geniesst bereits Legendenstatus. Die Entschlossenheit in De Falcos Stimme wirkt wie Balsam auf die gekränkte italienische Seele: Schettino, der Prahler, Feigling und schlimmstenfalls Lügner bestätigt jedes Negativ-Stereotyp über das Land. De Falco beweist, dass neben Mafia, Vetternwirtschaft und Berlusconismus noch ein Italien existiert, wo Recht und Ordnung herrschen.

«Comic-Held» und «Verbrecher-Visage»

Wer einen hochkomplexen Vorgang mit unzähligen Beteiligten wie den Unfall der «Costa Concordia» auf zwei Protagonisten, Gut und Böse, reduziert, überzeichnet notgedrungen. Die «Repubblica» titelt am Dienstag «Da Falco, die Stimme der Pflicht» und fühlt sich durch den «entschlossenen Ton» des Hafenkapitäns an «Schwarz-Weiss-Kriegsfilme» und «Comic-Helden» erinnert. Dazu stellt die römische Tageszeitung Reaktionen aus dem Web wie: «Gott sei Dank haben wir in Italien für jeden Schettino auch einen De Falco».

Die Exaltierung De Falcos geht einher mit der Dämonisierung Schettinos, die bisweilen bedenkliche Züge annimmt. So sprach der Fernsehsender Canale 5 in den Nachrichten von dessen «Verbrecher-Visage». Sein immer wieder gezeigtes Bild in der weissen Gala-Uniform reisst Medien in aller Welt zu Vergleichen mit der US-Serie «Love Boat» hin. Auf Twitter und Facebook wird seine napoletanische Herkunft als Bestätigung der immer selben Vorurteile gegen Süd-Italiener herangezogen. Immerhin merken einige an, dass auch De Falco aus Neapel stammt.

Inflationärer Heldenbegriff

Massimo Gramellini, Kolumnist bei der «Stampa», äussert zwar Verständnis dafür, dass sich die Italiener angesichts dieser und anderer Tragödien eine integre Figur wünschen, hinter der sie sich scharen können. Gleichzeitig wehrt er sich gegen den inflationären Gebrauch des Heldenbegriffs: «Jeder, der einfach seine Pflicht tut, bekommt in verliehen. Der Beamte, der sich nicht bestechen lässt oder der Fussballspieler, der bei Wettabsprachen nicht mittmacht.» Helden seien aber auschliesslich jene, die ihr Leben für andere aufs Spiel setzen.

Noch etwas tiefer schürft Beppe Severgnini vom «Corriere della Sera»: «Wenn die Normalität heldenhaft wird, ist Italien in Schwierigkeiten». Da Falco sieht es übrigens genau so: «Ich bin kein Held. Ich habe versucht, meine Pflicht zu tun, wie es sich gehört», sagte er gegenüber der «Stampa».

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