Gesundheit: Pharma boomt trotz sinkender Preise
Aktualisiert

GesundheitPharma boomt trotz sinkender Preise

Weltweit purzeln die Medikamentenpreise, trotzdem fährt die Pharmabranche massive Gewinne ein. Novartis überraschte heute mit einem satten Plus.

von
Othmar Bamert
Weiterhin glänzende Aussichten: Novatis-Hauptquartier in Basel.

Weiterhin glänzende Aussichten: Novatis-Hauptquartier in Basel.

Die Schweizer Pharmabranche vermeldet eine weitere Megadosis Profit: Novartis schreibt fast fünfeinhalb Milliarden Franken Gewinn für das erste Halbjahr 2010. Das sind 34 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Und der Geldregen geht weiter: Konzernchef Joseph Jimenez prophezeit fürs gesamte 2010 ein Umsatzwachstum im «mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich». Damit setzt der Pharmariese jährlich bald 50 Milliarden Franken um. (Umsatz 2009: 44,267 Milliarden). Auch die Basler Konkurrentin Roche verkündete im Frühling ein «hervorragendes Wachstum» im ersten Quartal mit einer Umsatzsteigerung von fast zehn Prozent.

Diese Zahlen überraschen: Denn vor kurzem jammerte die Branche noch, sie gerate unter die Räder der staatlichen Kostensenker. Der Preisdruck habe negative Folgen für die Forschung.

Preisdruck in der ersten Welt

Der Grund: Viele Staaten müssen sparen. Um die ausufernden Gesundheitskosten einzudämmen, verlangen die Regierungen von der Pharmaindustrie massive Preisreduktionen. Nicht nur die Schweiz, auch die defizitären EU-Staaten wie Deutschland, Spanien oder Griechenland blasen zum Angriff auf die Margen der Pharmafirmen. Neuerdings drückt sogar die USA – der weltgrösste Medikamentenmarkt – dank seiner Gesundheitsreform gewaltig auf die Preise.

Umsatzboom in der zweiten Welt

Doch der Margenzerfall in diesen Ländern schmerzt die Pharmariesen offenbar nur wenig. Ihr wirksames Rezept: die Erschliessung neuer Absatzgebiete. Besonders die stark wachsenden Märkten China und Lateinamerika sind im Visier. Thomas Cueni, Generalsekretär des Branchenverbandes Interpharma, bestätigt eine Verschiebung der Umsatzgebiete. In den Schwellenländern würden die Bevölkerung und die Wirtschaft rapide wachsen - und damit die Gesundheitsansprüche. «Denn mit dem wachsendem Wohlstand steigt auch die Nachfrage nach Medikamenten», so Cueni. Die Margeneinbussen werden also von Umsatzsteigerung in den Schwellenländern mehr als wettgemacht.

Die Zahlen zu den Umwälzungen liefert das Pharma-Beratungsunternehmen IMS Health. Laut diesem verlieren der europäische ebenso wie der amerikanische Phamamarkt an Bedeutung. Früher waren die USA mit über 50 Prozent Umsatzanteil klar der Wachstumstreiber Nummer eins. Nun holt China gewaltig auf: Dieses Jahr trägt das Reich der Mitte bereits zu 19 Prozent zum Branchenwachstum bei, die EU-Länder dagegen nur noch 10 Prozent. Das IMS schätzt, dass in den Schwellenländern bereits in zehn Jahren Medikamente für 400 Milliarden Dollar verkauft werden – mehr als in den USA mit 360 Milliarden. Geradezu berauschende Aussichten für die Schweizer Pharmabranche, die sich in den Schwellenländern bereits ein dickes Standbein aufgebaut hat.

Demografischer Rückenwind

Der Nachfrageboom in den Schwellenländern bedeutet aber nicht, dass die Industrieländer für die Pharmabranche an Bedeutung verlören. Hier spielt den Firmen die demografische Entwicklung in die Hand. Sprich: Die immer älter werdende Bevölkerung konsumiert immer mehr Medikamente. Auch hier also kompensiert die schiere Absatzmenge den Preiszerfall. Das zeigt eine Studie der Ratingagentur Standard & Poors: Die alternde Bevölkerung und der ungesunde Lebenswandel bildeten weiterhin das unerschütterliche Rückgrat des Wachstums der Pharmabranche.

Fitte Pharmafirmen

Die rasche Reaktion der Pharmafirmen auf die Umwälzungen zeigt: Der Erfolg der Basler Unternehmen liegt auch in ihrer Dynamik und in ihrer verheissungsvoll gefüllten Produkte-Pipeline. So erwirtschaftete Novartis mit ihren jüngsten Produkten bereits 21 Prozent des Umsatzes. «Dies zeigt, dass die Schweizer Pharmabranche erfolgreiche Forschung betreibt», so Pharma-Cheflobbyist Thomas Cueni.

Für den Gesundheitsökonomen Urs Brügger vom Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie hat der Erfolg der Schweizer Pharmabranche zwei Seiten: Einerseits zeige er, dass die Gesundheitskosten für die Allgemeinheit aufgrund der Nachfrage weiter stiegen, andererseits käme der Erfolg der Schweiz zugute. «Schliesslich zahlen diese Unternehmen Steuern in der Schweiz.»

Prognose erhöht

Wegen der «starken Performance» erhöhte Novartis die Prognose für das ganze Jahr 2010 leicht. Bei konstanten Wechselkursen erwartet der Konzern jetzt ein Umsatzwachstum «im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich», also von rund 5 bis 10 Prozent. Bisher wurde ein Wachstum im «mittleren einstelligen Prozentbereich» in Aussicht gestellt. Noch nicht berücksichtigt in dieser Prognose ist der Beitrag des Augenheil-Weltmarktführers Alcon. Novartis bekräftigte, dass die Übernahme des 77-prozentige Alcon-Pakets vom Nahrungsmittelkonzern Nestlé Ende des dritten oder im vierten Quartal abgeschlossen werden soll.

Analysten und Händler reagierten erfreut auf das Quartalsergebnis und die Prognoseerhöhung. Die Novartis-Aktie notierte den Grossteil des Handelstags im Plus. Im späten Handel gab der Aktienkurs allerdings nach und notierte bei Börsenschluss 1,0 Prozent tiefer auf 53.20 Franken. Der Gesamtmarkt (SMI) schloss 0,7 Prozent im Minus. (SDA)

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