Aktualisiert 13.05.2013 19:23

Patientenmissbrauch

Pharmakonzerne machten Menschenversuche

Mit Hilfe der Stasi, aber ohne Wissen der Betroffenen sollen auch Schweizer Pharmariesen Medikamente an DDR-Bürgern getestet haben. Deutsche Stellen fordern nun eine rückhaltlose Aufklärung.

von
dhr
Auch Schweizer Pharmafirmen waren an den Arzneimittelversuchen beteiligt.

Auch Schweizer Pharmafirmen waren an den Arzneimittelversuchen beteiligt.

Westliche Medikamentenhersteller gaben laut «Spiegel» in der DDR hunderte Medikamentenstudien an mehr als 50'000 Patienten in Auftrag. Bis zum Mauerfall wurden in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet. Bei mehreren Testreihen soll es Todesfälle gegeben haben.

Dass westliche Pharmahersteller Medikamententests in der DDR vornehmen liessen, ist nicht neu. Bereits 1991 hatte der «Spiegel» darüber berichtet. Der Umfang der Versuche ist aber offenbar viel grösser als bislang bekannt.

Das Magazin beruft sich in seinem aktuellen Bericht auf bis anhin unbekannte Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR. West-Pharmahersteller, darunter Bayer, Schering, Hoechst, Boehringer, Pfizer, Sandoz und Roche, gaben demnach an DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittelversuche in Auftrag.

Dabei kam es dem Bericht zufolge immer wieder zu Todesfällen, auch wurden Tests wegen Nebenwirkungen abgebrochen. Den Akten zufolge starben unter anderem in Ost-Berlin zwei Kranke bei einem Test mit dem durchblutungsfördernden Mittel Spirapril von Sandoz (heute Teil von Novartis).

Tests an Frühgeborenen

An der Berliner Uniklinik Charité liess Boehringer-Mannheim (heute Teil der Roche-Gruppe) die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin («Epo») an 30 «unreifen Frühgeborenen» erproben, wie der «Spiegel» weiter aus den Akten zitierte. Bayer habe Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung, unter anderem an Alkoholikern im akuten Delirium testen lassen.

Die Hersteller boten bis zu 800'000 D-Mark pro Studie an. Patienten seien über Risiken und Nebenwirkungen oft im Unklaren gelassen worden.

Die betroffenen Unternehmen weisen laut «Spiegel» darauf hin, dass die Vorgänge weit zurücklägen. Sie betonen, dass klinische Tests prinzipiell nach strengen Vorschriften erfolgten. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller sieht «bisher keine Verdachtsmomente, dass irgendetwas faul gewesen wäre», schreibt das Magazin.

Die Zulassung der in der DDR getesteten Medikamente erhielten die Konzerne damals beim Bundesgesundheitsamt. Die Tests seien «nicht hinterfragt» worden, sagte ein früherer Abteilungsleiter dem «Spiegel».

«Rückhaltlose Untersuchung»

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), fordert eine vollständige Aufklärung der gefährlichen Medikamententests. «Die vorliegenden Fakten müssen rückhaltlos untersucht und die Hintergründe aufgeklärt werden», sagte Bergner der in Halle erscheinenden «Mitteldeutschen Zeitung» (Montagsausgabe).

«Es wäre ein schwerer Skandal, wenn tausende DDR-Bürger – vermutlich sogar unter Verletzung von Rechtsvorschriften der DDR – zu billigen und wohlfeilen Versuchskaninchen gemacht worden wären.»

Bergner sagte weiter, ihn erschütterten insbesondere die Hinweise auf offenbar konspirative Verhandlungen zwischen DDR-Funktionären und Konzernmanagern. Das klinge sehr nach vorsätzlicher Missachtung medizinethischer Grundsätze unter Umgehung der zuständigen Kontrollbehörden.

Für «strafrechtliche Aufarbeitung»

Derartige Vergehen «verlangen eigentlich nach strafrechtlicher Aufarbeitung», sagte der CDU-Politiker. Mögliche Entschädigungen müssten aus seiner Sicht «vor allem durch die Profiteure der Aktionen» gezahlt werden.

Entschädigungen und strafrechtliche Konsequenzen forderte auch Unionsfraktionsvize Arnold Vaatz (CDU). «Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen ist, dann stellt sich die Frage nach Schadenersatz und Ausgleichszahlungen. Und dann ist auch die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung zu beantworten», sagte Vaatz der «Berliner Zeitung» (Montagsausgabe).

Es handle sich um ein Offizialdelikt, bei dem die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig werden müsse. Wenn die Fälle aber in kein rechtliches Schema passten, müsse sich der Gesetzgeber damit befassen.

DDR-Opfer-Hilfe fordert Entschädigung

Die DDR-Opfer-Hilfe forderte von den Unternehmen Entschädigung für die Betroffenen und eine umfassende Aufklärung. Das deutsche Gesundheitsministerium müsse «unverzüglich» eine unabhängige Kommission einsetzen, erklärte der Vorsitzende Ronald Lässig am Sonntag.

Es sei ein Skandal, dass ethische Grundsätze offenbar planmässig über Bord geworfen wurden. Die Pharmakonzerne und die Spitäler müssten zur Verantwortung gezogen werden.

Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sagte: «Wenn es stimmt, dass in Ostdeutschland mehr als 50'000 Menschen als Testpatienten missbraucht wurden, handelt es sich um einen der grössten Medizinskandale der Nachkriegsgeschichte». (dhr/sda)

Charité erforscht Medikamententests

Die in der Kritik stehenden Medikamententests von Pharmakonzernen aus der Bundesrepublik, der Schweiz und den USA in DDR-Kliniken sollen jetzt an der Berliner Charité untersucht werden. Das auf fast drei Jahre angelegte Forschungsprojekts soll alle Beteiligten – also auch die Pharmaunternehmen – einbinden, sagte der Leiter des Charité-Instituts für Geschichte der Medizin, Volker Hess, gemäss der «Berliner Morgenpost».

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