Aktualisiert 23.08.2005 16:16

«Piano Man» ist kein Hochstapler

Der so genannte «Piano Man» ist nach Auskunft seines Anwalts kein Hochstapler, sondern psychisch krank.

Der Vorwurf der Hochstapelei «ist definitiv eine Ente», sagte Christian Baumann am Dienstag in Waldmünchen. Der 20-Jährige Oberpfälzer, der sich vier Monate lang vor britischen Ärzten und der Weltöffentlichkeit als sprachloser Klavierspieler präsentiert hatte, sei erst im Laufe der Behandlung genesen. Im Heimatdorf Prosdorf bei Waldmünchen nahe der tschechischen Grenze herrschte Verblüffung über die gelüftete Identität.

Andreas G. war Anfang April tropfnass und bekleidet mit einem schwarzen Anzug, aus dem alle Etiketten herausgetrennt waren, am Strand von Sheerness in der südostenglischen Grafschaft Kent aufgetaucht. Da er verwirrt wirkte und nicht sprach, wurde er in in die psychiatrische Abteilung des Krankenhauses in Dartford gebracht. Als die Mitarbeiter dem scheinbar stummen und unter Gedächtnisverlust leidenden Patienten Papier und Bleistift in die Hand gaben, zeichnete er einen Flügel. Als sie ihn zu einem Klavier führten, begann er zu spielen und hörte zwei Stunden lang nicht mehr auf. Der grosse Blonde erhielt daraufhin den Spitznamen «Piano Man».

Die Anwälte wiesen Medienberichte zurück, wonach Andreas G. gar nicht Klavier spielen könne und immer nur eine Taste gedrückt habe. «Er hat nicht gesprochen, aber sehr wohl Klavier gespielt», sagte Baumann. Sein Mandant könne dies «für den Hausgebrauch», er habe auf einem Keyboard spielen gelernt. Berichten zufolge zeichnete der 20-Jährige das Klavier lediglich, weil dies der erste Gegenstand war, der ihm in den Sinn kam.

Anwalt Baumann und sein Kollege Jürgen Linhart erläuterten, G. sei im Laufe der vier Monate in der englischen Klinik genesen. Die Behandlung mit Psychopharmaka habe schliesslich gegriffen, so dass G. seine Sprache wiedergefunden habe. Er habe nach seinem Auffinden an einem psychotischen Schub und an Depressionen gelitten. Am vergangenen Freitag hatte der 20-Jährige überraschend sein Schweigen gebrochen und Krankenhausmitarbeitern von seiner Herkunft berichtet. Am Samstag kehrte der Mann unbemerkt nach Deutschland zurück.

Der «Daily Mirror» hatte berichtet, Andreas G. habe von einem Selbstmordversuch kurz vor seinem Auftauchen erzählt. Grund sei der Verlust seines Arbeitsplatzes in Paris gewesen. Die Anwälte bestätigten lediglich, dass der junge Mann in Paris gejobbt hatte. Details nannten sie nicht. Eine Selbsttötungsabsicht konnte sich Baumann nach eigenen Angaben nicht vorstellen.

Warum niemand aus dem Heimatort Prosdorf den 20-Jährigen auf Fotos in den Medien erkannt hat, erklärte eine Nachbarin der Familie G. gegenüber der «Chamer Zeitung» so: «Er hatte frühere eine Brille und längere Haare. Er hat ganz anders ausgeschaut.» Ob und warum die Familie Andreas G. nicht vermisst habe, liessen die Anwälte offen. Im Ort sei der «sehr unauffällige junge Mann» nicht vermisst worden, wie eine andere Nachbarin der «Chamer Zeitung» sagte. Die Leute hätten gedacht, Andreas studiere nach seinem guten Abitur irgendwo. «Der Bub ist so gescheit», sagte die ältere Frau.

Vor dem Bauernhof von Andreas G.s Eltern drängten sich am Dienstag zahlreiche Reporter und Kamerateams. Lediglich die Eltern waren dort gelegentlich auf dem Weg in den Stall zu sehen. Wo sich Andreas G. derzeit aufhält, wollten die Anwälte nicht sagen. Er sei immer noch auf dem Weg der Genesung und brauche Ruhe, hiess es. Weder der 20-Jährige noch seine Eltern wollten sich öffentlich zu dem Fall äussern. (dapd)

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