Aktualisiert 06.07.2012 08:47

Air-France-Flug 447

Piloten waren völlig überfordert

Der Abschlussbericht zum Absturz eines Air-France-Flugs von Rio nach Paris liegt vor: Die Gutachter geben den Piloten die Hauptschuld. Bei dem Unglück starben alle 228 Menschen an Bord.

Die Air-France-Flugzeugkatastrophe am Pfingstmontag 2009 wurde nach dem abschliessenden Expertengutachten massgeblich durch Pilotenfehler verursacht. Wie die Unfallermittler mitteilten, war die Crew nach einer Vereisung der Geschwindigkeitssonden mit der grundsätzlich beherrschbaren Situation überfordert.

Sie habe im Cockpit der Airbus-Maschine komplett die Kontrolle verloren, heisst es im Gutachten. Die Maschine vom Typ Airbus A330-200 stürzte darauf ins Meer. 228 Menschen kamen ums Leben, unter ihnen drei Schweizer. Sie waren auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris, als die Maschine in 11 000 Metern Höhe in ein schweres Gewitter geriet und die Sonden vereisten.

Ko-Piloten waren «verloren»

Eine Geschwindigkeitsmessung wurde dadurch fast unmöglich. Die beiden Ko-Piloten im Cockpit hatten keine Ausbildung für eine solche Extremsituation. Das Ergebnis: Die Maschine stürzte wie ein Stein ins Meer.

Die Daten der erst im Frühjahr 2011 aus 4000 Metern Tiefe geborgenen Flugschreiber hatten ergeben, dass die Piloten vor allem auf Warnungen über einen Strömungsabriss an den Tragflächen falsch reagiert hatten. Zudem gaben gemäss Bericht der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde (BEA) die Bordgeräte auch falsche Anweisungen.

«Die Besatzung war in der Lage praktisch völlig verloren», sagte der BEA-Ermittlungsleiter Alain Bouillard am Donnerstag vor den Medien in Le Bourget bei Paris. Es habe keine genauen Anweisungen für einen solchen Fall gegeben.

25 Empfehlungen

In ihrem Abschlusspapier gibt die BEA 25 neue Empfehlungen, wie die Flugsicherheit verbessert werden kann. Dazu gehören acht Empfehlungen für eine bessere Ausbildung von Piloten.

Der europäische Flugzeugbauer Airbus versicherte umgehend, er werde die Empfehlungen umsetzen. Die fehlerhaften Sensoren der Firma Thales waren bereits kurz nach dem Absturz bei anderen Flugzeugen ausgewechselt worden.

Für Airbus und die angeschlagene französische Fluggesellschaft Air France geht es auch um wirtschaftliche Interessen. Seit Frühjahr 2011 ermittelt die französische Justiz gegen beide wegen fahrlässiger Tötung.

BEA-Chef Jean-Paul Troadec betonte am Donnerstag, es sei nicht Aufgabe seiner Behörde, die Verantwortlichen zu benennen. Dies sei Sache der Justiz.

Problem war schon früher bekannt

Die BEA wollte sich auch nicht konkret dazu äussern, ob die Fehler der Piloten auf unzureichende Schulung oder Fahrlässigkeit zurückzuführen waren. Air France wies bereits jede Schuld zurück und verwies auf die «äusseren Umstände», die eine bessere Reaktion der Piloten verhindert hätten.

Auf die Tatsache, dass bereits seit 2004 - fünf Jahre vor dem Absturz - die Probleme mit den Geschwindigkeitssensoren bekannt waren, geht der BEA-Abschlussbericht nicht ein.

Diesen Punkt greift ein am Mittwoch bekannt gewordener Bericht auf, den Untersuchungsrichterin Silvia Zimmermann in Auftrag gegeben hatte. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) habe es aber nicht für nötig gehalten, etwas dagegen zu unternehmen, heisst es darin.

Angehörige kritisieren BEA

Angehörige äusserten deshalb Zweifel an der Unabhängigkeit der BEA. Seiner Meinung nach sei es dieser darum gegangen, die Luftfahrtindustrie nicht allzu sehr zu belasten, sagte der Vorsitzende der deutschen Hinterbliebenen-Vereinigung Hiop AF 447, Bernd Gans. Beim Absturz waren auch 28 Deutsche gestorben.

«Das Drama des Flugs AF447 war kein Zufall. Es war vermeidbar und darf sich nie mehr wiederholen», forderte er. Auch Dominique Soulas von der französischen Vereinigung «Entreaide et Solidarité» forderte eine rasche Umsetzung der Sicherheitsempfehlungen.

Wie es zum Absturz kam (Video: CNN) (sda/dapd)

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