Aktualisiert 24.10.2017 06:27

#PilzesammelnfetztPilze trenden auf Insta – Vergiftungen nehmen zu

Während Instagram-Posts zur Pilzjagd motivieren, ist die Zahl der Pilzvergiftungen auf einem Allzeithoch.

von
D. Krähenbühl
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Wo früher der Pilzverein als Altherrenclub verschrien war, heisst es heute «Gömmer go pilzle?»

Wo früher der Pilzverein als Altherrenclub verschrien war, heisst es heute «Gömmer go pilzle?»

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Das Versteckspiel mit Pilzen ist wieder in Mode.

Das Versteckspiel mit Pilzen ist wieder in Mode.

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Auch Familien entdecken den Freizeitspass für sich. #NaturPur!

Auch Familien entdecken den Freizeitspass für sich. #NaturPur!

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#Pilze, # Pilzli, #Pilzesammeln. Die Ergebnisse, die Instagram auf die Hashtags ausspuckt, sind fast endlos. Wo früher der Pilzverein als Altherrenclub verschrien war, heisst es heute «Gömmer go pilzle?» In Karohemd und Northface-Jacke, mit gestriegelten Mähnen und der Sonnenbrille auf der Nase machen sich diesen Herbst die Szeni-Gänger auf in die Wälder. Hunderte von ihnen teilen ihre Erlebnisse auf Instagram. Gehört das Pilzsammeln neben dem Stricken und Wandern jetzt auch zu den liebsten Freizeitbeschäftigungen der Hipster? Wenn ja, ist es ein gefährliches Hobby.

Vergiftungsfälle mit Pilzen haben im laufenden Jahr 2017 nämlich über 50 Prozent zugenommen. Das Schweizerische Toxikologische Informationszentrum, Tox Info Suisse, registrierte bis zum 23. Oktober über 520 Pilzvergiftungen. Im Vorjahr belief sich die Zahl im gleichen Zeitraum auf knapp über 300 Fälle.

«Junge schieben sich eher mal einfach etwas in den Mund»

Dass jetzt auch die Jungen den Gefallen an der Pilzjagd gefunden haben, bestätigt auch die «Pilzspürnase» Johannes Kurth. Die Berichte der Medien und Beiträge auf Social Media würden zu einem Boom führen. Die meisten von ihnen würden sich aber nicht oder nur ungenügend mit Pilzen auskennen. Übers Internet oder per App würden sie sich dann informieren, nur um dann auf eigene Faust im Wald auf Pilzsuche zu gehen.

Weil dann nur in Ausnahmefällen die gefundenen Pilze bei der Pilzkontrollstelle geprüft würden, gebe es immer wieder vermeidbare Vergiftungsfälle, sagt Kurth. Das Problem sei auch der fehlende Respekt vor der Gefahr. «Die Jungen sind heute viel eher bereit, sich einfach mal etwas in den Mund zu schieben.» Die Leute müssten aber lernen, dass man im Zweifelsfall immer eine Fachperson oder die Pilzkontrolle einbeziehen sollte, meint Kurth. Zwar könne man sich auch mit kontrollierten Speisepilzen Pilzvergiftungen zuziehen, aber Kurth ist sich sicher: «Würden mehr Leute zur Pilzkontrolle, könnten sich viele Vergiftungen verhindern lassen.»

«Fehlende Kontrollstellen sind eine tickende Zeitbombe»

«Es gibt viele Junge und Familien, die mit dem Pilzsammeln begonnen haben», sagt Marionna Schlatter, Medienverantwortliche des Verbands der Pilzkontrolleure (VAPKO). Das Hobby Pilzsuchen sei wieder attraktiv geworden. Den Hauptgrund für den Anstieg bei den Pilzvergiftungen sieht sie bei der guten Pilzsaison. Ein grosses Problem sei aber auch der Abbau von Pilzkontrollstellen. «Aus unserer Sicht ist das eine tickende Zeitbombe.» Der Abbau hätte zur Folge, dass dringend benötigte Fachleute im Vergiftungsfall nicht vor Ort wären, meint Schlatter. Ausserdem würden viele die immer weiteren Wege zu den Kontrollstellen nicht auf sich nehmen wollen, wenn das Netz ausgedünnt werde. Die hohe Zahl der Pilzvergiftungen sei derart alarmierend, dass die Pilzkontrolleure vom Bund fordern, dass er sich für die Erhaltung und Ausweitung der Pilzkontrollstellen einsetzt.

Dass die wegfallenden Kontrollstellen ein Problem darstellen, ist auch Katharina Schenk-Jäger, Ärztin und Pilzfachfrau von Tox Info Suisse, der Beratungsstelle bei Vergiftungen, klar. Die Pilzkontrolleure seien nämlich ein wichtiger Partner bei der Verhinderung von Pilzvergiftungen. Mit über 520 Vergiftungsfällen bisher liegt das Jahr 2017 nämlich an der Spitze. «Es sind möglicherweise auch neue Pilzsammler betroffen, die sich der Gefahr einer Vergiftung zu wenig bewusst sind», sagt Schenk-Jäger.

Typischerweise würde jemand mit Beschwerden in der Nacht anrufen, der zu Abend Pilze gegessen hatte. Die Leute hätten Durchfall oder müssten Erbrechen.

«Lieber zur Pilzkontrolle als ins Spital»

«Je früher jemand Symptome zeigt, desto eher ist dies ein Hinweis auf eine weniger gefährliche Pilzvergiftung», sagt Schenk-Jäger. Eine späte Reaktion lasse nämlich auf den Knollenblätterpilz schliessen. Dessen Gift, das Amatoxin, greife die Leber an und könne sogar tödlich wirken. «Deshalb sagen wir den Leuten nicht, sie sollen abwarten, sondern schicken sie bei spätem Auftreten der Beschwerden meistens direkt ins Spital.» Der Pilz sei so gefährlich, weil man erst nach acht bis zwölf Stunden merke, dass etwas nicht stimme, das Gift aber nach zwei Stunden bereits in der Leber sei.

Bei Tox Info Suisse wurde dieses Jahr erst eine schwere Vergiftung durch den Knollenblätterpilz registriert. Allein am Inselspital Bern wurden aber schon sieben solche Fälle behandelt. Weil es keine Meldepflicht für Pilzvergiftungen gibt, könnte die Zahl sogar noch höher liegen.

Pilzsammlern empfiehlt Schenk-Jäger deshalb, mit den gefundenen Pilzen stets eine Kontrollstelle aufzusuchen: «Lieber zur Pilzkontrolle als ins Spital.»

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