Züri-WC: Pinkeln gratis, wickeln ein Franken?
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Züri-WCPinkeln gratis, wickeln ein Franken?

Leser Günther S. ist empört: Während er gratis pinkeln kann, müssen Behinderte für ihre Notdurft einen Franken berappen - und nicht nur die. Die scheinbare «Abzocke» hat aber einen guten Grund.

von
amc

Günther S. (Name geändert) ist weder behindert noch Vater eines Babys und eigentlich ein ruhiger Mann, doch am Wochenende hat er sich verwundert die Augen gerieben: In der Rio-Bar in Zürich entdeckte der Leser-Reporter die Behinderten-Toilette, nichts Ungewöhnliches, wäre da nicht der Geldeinwurfschlitz und fett darauf abgebildet ein «Ein-Fränkler». «Ich kam gerade zurück vom Herren-WC, wo ich aber nichts bezahlen musste und war komplett verwirrt», so der Leser zu 20 Minuten Online.

Ein Grund, warum von einem Behinderten Geld für die Notdurft verlangt wird, während andere gratis ihr Geschäft verrichten können, fällt ihm nicht ein. Und auch die Angestellte an der Bar kann ihm nicht weiterhelfen, denn Betreiberin der Toilette ist die Stadt Zürich. «Für mich war klar: Hier zockt man Behinderte und Eltern ab», so der Leser-Reporter weiter. Denn tatsächlich ist auch der Wickeltisch auf der Behinderten-Toilette untergebracht.

Gegen Drogensüchtige, Obdachlose und Vandalen

94 solcher öffentlichen Toiletten betreibt «ZüriWC» im Auftrag der Stadt zurzeit und in den meisten WCs ist es nicht anders konzipiert, sagt Nadja Schweizer, stellvertretende Leiterin, auf Anfrage von 20 Minuten Online. Die Behinderten-Toiletten kosten immer einen Franken und beherbergen auch den Wickeltisch. Doch um das Geld geht es der Stadt dabei nicht: Einerseits können die Behinderten mit einem Eurokey-Schlüssel (siehe Infobox) sämtliche Toiletten öffnen und bezahlen somit nichts; andererseits können sich gerade in der Rio-Bar auch Eltern die Türe vom Personal gratis öffnen lassen. Die Stadt verdient an der meistbesuchten Toilette am Bellevue beispielsweise rund 6800 Franken pro Jahr, was knapp 19 Toilettenbesuchen pro Tag entspricht. Gerade dort gibt es aber nach 21.30 Uhr keine andere Toilette mehr, sondern nur das Behinderten-WC. «Weshalb danach oft Leute ohne Eurokey die Toilette benützen», so Schweizer weiter.

Der Franken dient gemäss Schweizer vor allem dem Schutz der Einrichtung: Die Gebühr halte Drogensüchtige, Obdachlose oder einfach Vandalen davon ab, die Toilette als Schlafstätte oder Spritzerhäuschen zu missbrauchen oder sie zu verwüsten. «Weil sie deutlich grösser sind als übliche Toiletten, würden die Behinderten-WCs ansonsten häufig zweckentfremdet», so Schweizer. Beschwerden über die Gebühr für die Behinderten-Toiletten gab es bisher weder bei ZüriWC noch bei Pro Infirmis. Bei der Fachorganisation ist man sogar froh über die Gebühr: «Sie hält Nicht-Behinderte davon ab, die Toilette öfter zu benutzen als wirklich nötig», sagt Pressesprecher Mark Zumbühl. Gerade für schwer behinderte Personen wie Paraplegiker wäre es wichtig, dass sie auf die Toilette können, wenn sie müssen. «Sie können aufgrund der Blasenlähmung nicht in der Schlange warten, bis sie an die Reihe kommen.»

Hinweise, Anregungen oder Informationen? Mail an: feedback@20minuten.ch

Eurokey

Der Eurokey ist ein Schlüssel- und Schliesssystem für behindertengerechte Einrichtungen in der Schweiz und Teilen Europas zum Beispiel Parkplätze, Toiletten, Lifte und andere Anlagen. Die Behinderten erhalten damit den kostenlosen Zugang zu den Einrichtungen. Die Schlüssel können bei jeder Pro Infirmis-Beratungsstelle gegen eine Depot-Gebühr von 25 Franken (ab 1. Januar 2011 kostet es 30 Franken) bezogen oder auf der Eurokey-Hotline (0848 0848 00) bestellt werden. Berechtigt sind Personen, welche auf die Benützung von Spezialanlagen angewiesen sind (Rollstuhlfahrer, stark Geh- und Sehbehinderte, Stomaträger, Menschen mit chronischem Darm-/Blasenleiden).

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