Wikileaks-Enthüllung: Piraten, Panzer und die «tickende Zeitbombe»
Aktualisiert

Wikileaks-EnthüllungPiraten, Panzer und die «tickende Zeitbombe»

Vor zwei Jahren kaperten somalische Piraten einen mit Panzern beladenen Frachter. Dank Wikileaks weiss man nun, für wen die brisante Ladung bestimmt war.

von
pbl
Nach der Ankunft der «Faina» in Mombasa wurden die Panzer am 15. Februar 2009 entladen.

Nach der Ankunft der «Faina» in Mombasa wurden die Panzer am 15. Februar 2009 entladen.

Als die somalischen Piraten am 25. September 2008 den ukrainischen Frachter «Faina» enterten, erlebten sie eine gehörige Überraschung: An Bord befanden sich 32 Kampfpanzer vom sowjetischen Typ T-72, 150 Granatwerfer, sechs Fliegerabwehrkanonen und Munition. Nach fast fünf Monaten und der Zahlung eines Lösegelds von 3,2 Millionen Dollar kam die «Faina» frei und erreichte am 12. Februar 2009 ihr Ziel, den Hafen Mombasa in Kenia.

Unklar blieb, für wen die Ladung bestimmt war. Die kenianische Regierung behauptete, sie habe die Waffen in der Ukraine gekauft. Doch dies schien wenig glaubwürdig, vielmehr wurde die Regionalregierung im Südsudan, die von der ehemaligen Rebellenorganisation SPLA gebildet wurde, als Empfängerin vermutet. Die SPLA im schwarzen, christlichen Südsudan hatte während fast 50 Jahren einen blutigen Bürgerkrieg gegen den arabisch-muslimischen Norden des Landes geführt, der erst 2005 mit einem prekären Frieden endete.

Mehrere Waffenlieferungen

Die von der Website Wikileaks veröffentlichten Dokumente von US-Diplomaten zeigen nun: Der Verdacht war nicht nur berechtigt, es handelte sich auch um die letzte von mehreren geheimen Waffenlieferungen an den Südsudan. Als die «Faina» gekapert wurde, seien bereits 67 T-72-Panzer geliefert worden, berichtet die «New York Times». Die Regierung von George W. Bush habe Bescheid gewusst und die Waffenkäufe toleriert.

Mit dem Machtwechsel in Washington kam es auch zu einem Kurswechsel. Vertreter der neuen Regierung Obama gaben in einer «geheimen» Mitteilung an die US-Botschaft in Nairobi der Sorge Ausdruck, dass die Waffenlieferungen einen «destabilisierenden Effekt» für die ganze Region haben könnten. Sie drohten der kenianischen wie der ukrainischen Regierung mit Sanktionen. Worüber die Kenianer entsprechend irritiert waren. Präsident Mwai Kibaki sei «persönlich ausgesprochen verärgert», heisst es laut «Spiegel Online» in den Dokumenten.

Abstimmung am 9. Januar

Die Enthüllung erfolgt zu einem heiklen Zeitpunkt, denn am 9. Januar wird die Bevölkerung im Südsudan über die Unabhängigkeit vom Norden abstimmen – eine Bedingung aus dem Friedensvertrag von 2005. Erwartet wird ein klares Ja, weshalb sich sowohl die SPLA wie auch die Zentralregierung in Khartoum für einen neuen Bürgerkrieg rüsten. Selbst US-Aussenministerin Hillary Clinton sprach kürzlich von einer «tickenden Zeitbombe».

Die von der «Faina» geladenen Panzer befinden sich offenbar immer noch in Kenia. Ob sie nach der Abstimmung in den Südsudan geliefert werden, ist unklar, das US-Aussenministerium wollte gegenüber der «New York Times» dazu nicht Stellung nehmen. Allerdings wurden die Sanktionsdrohungen gegen Kenia und die Ukraine aufgehoben. Ein demokratischer US-Abgeordneter klagte, die Regierung Obama habe «keine klare Doktrin gegenüber dem Sudan».

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