Urheberrecht: Piratenjäger trifft man selten im Kino
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UrheberrechtPiratenjäger trifft man selten im Kino

Rund 90 Millionen Franken verliert die Schweizer Filmindustrie jährlich durch Raubkopien. Doch wer hierzulande nicht gerade bei Pressevorführungen und Premieren Blockbuster von der Leinwand abfilmt, hat freie Fahrt.

von
Henning Steier

Manche Zuschauer, welche Mitte Juni die Premiere von «Harry Potter und der Halbblutprinz» sehen wollten, dürften nicht schlecht gestaunt haben. Denn an einigen deutschen Kinokassen wurden sie darauf hingewiesen, dass sie während der Vorstellung mit Nachtsichtgeräten beobachtet werden würden. Die Produktionsfirma Warner Bros. wollte damit verhindern, dass die Bestsellerverfilmung von Piraten aufgezeichnet und ins Netz gestellt wird.

So wurden beispielsweise Vorstellungen in einem Magdeburger Kino zwischen dem 15. und 19. Juli stichprobenartig überwacht. Eine dortige Zuschauerin hatte nach eigenen Angaben vorab nichts davon mitbekommen und sich beschwert. Das zuständige Landesverwaltungsamt wies ihre Datenschutzbedenken nun zurück und schrieb in einer Medienmitteilung: «Da es nur zu einem punktuellen Einsatz der Nachtsichtgeräte zur reinen Beobachtung (Aufzeichnungsmöglichkeiten waren technisch nicht gegeben) kam, um bei Verdacht mögliche Täter ansprechen zu können, wurden die Kinobesucher nicht unter Generalverdacht gestellt.

Zudem wurden die Kinobesucher nach Feststellung der Aufsichtsbehörde – wie notwendig – bereits an den Kinokassen mittels Aufsteller darauf hingewiesen, dass die Vorstellung mit Nachtsichtgeräten überwacht wird. Auf den gleichen Aufstellern wurde auch nochmals darauf hingewiesen, dass Kameras und andere Aufnahmegeräte im Kinosaal nicht verwendet werden dürfen und jeder Verstoss zur Anzeige gebracht wird.»

Zehn Tage Schonfrist für Harry Potter

Für die Aufsichtsbehörde bleibe ein ungutes Gefühl, wenn man wisse, es beobachte einen jemand - wenn auch nur kurz im Schutz der Dunkelheit. «Denn nicht jeder, der ein Kino besucht, möchte ausschliesslich oder vorrangig dem Filmgenuss frönen, gleichwohl ist nicht jedes ungute Gefühl, das durch Dritte erzeugt wird, rechtlich relevant», hiess es weiter.

Das sieht auch eine Sprecherin der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU), welche eng mit dem österreichischen Verein für Antipiraterie (VAP) und der Schweizerischen Vereinigung zur Bekämpfung der Piraterie (SAFE) zusammenarbeitet, ähnlich: «Infolge der erhöhten Sicherheitsmassnahmen tauchte die erste deutschsprachige Raubkopie in guter Qualität erst mehr als zehn Tage nach Kinostart im Internet auf. Das Ziel dieser Massnahmen bestand darin, das Auftauchen von Raubkopien so lange wie möglich hinauszuzögern. Dies ist gelungen.»

Drei Kriterien bestimmen das Risiko

Die Anti-Piraterie-Organisationen der drei deutschsprachigen Länder (GVU, VAP und SAFE) kämpfen unter anderem mit einer eigens eingerichteten Webseite gegen Piraten und empfehlen ihren Mitgliedern grundsätzlich, bei besonders grosser Gefahr von Abfilmversuchen erhöhte Sicherheitsmassnahmen vorzunehmen. Dazu kann auch der Einsatz von Nachtsichtgeräten gehören. «Dabei teilen wir den Mitgliedern auch mit, in welchen Regionen das Abfilmrisiko besonders hoch ist. Filme werden in der Regel mit forensischen Markierungen versehen. Diese helfen uns bei der Eingrenzung, in welcher Gegend die Kinoraubkopierer besonders aktiv sind, welche also als Piratenhochburgen bezeichnet werden können», sagte die Sprecherin zu 20 Minuten Online.

Die Entscheidung, wann das Abfilmrisiko besonders gross ist, erfolge anhand dreier Kriterien: «Zum einen ist es natürlich das Potenzial eines Films. Blockbuster sind als Raubkopien ebenso beliebt wie bei Kinogängern. Zum zweiten ist es der Zeitpunkt: Es gibt einen regelrechten Wettbewerb der Piraten darum, wer die erste illegale Kopie als Erstes ins Netz stellt. Wenn nun, wie in diesem Fall, der weltweite Kinostart gleichzeitig erfolgt, ist das Abfilmrisiko im deutschsprachigen Raum sehr hoch, weil die Raubkopierer nicht auf zuvor im Ausland entstandene illegale Mitschnitte zurückgreifen können. Als drittes Kriterium sind die zuvor erwähnten Piratenhochburgen zu nennen.»

Es bleibt, wie es ist

Laut der Organisation SAFE verliert allein die Filmindustrie hierzulande wegen Piraterie jährlich etwa 90 Millionen Franken Umsatz. Für die Kino-Theater AG (Kitag), mit 85 Sälen einer der grössten Lichtspielhausbetreiber hierzulande, ist eine Überwachung von Zuschauern ausser bei Premieren und Medienvorführungen dennoch kein Thema. «Die meisten Filme werden bei uns mit Untertiteln gezeigt. Piraten haben es aber auf die deutsche Tonspur abgesehen», begründete ein Unternehmenssprecher gegenüber 20 Minuten Online diese Entscheidung. Allerdings sind in ländlichen Regionen immer mehr Filme in deutscher Synchronisation zu sehen.

Bezahlt werden die Piratenjäger dem Kitag-Sprecher zufolge von den grossen Filmfirmen. Bei den Schweizer Dependancen von Warner Bros, Universal und Disney heisst es übereinstimmend, man wolle es bei der jetzigen Praxis belassen, also keine stichprobenartigen Überwachungen über einen längeren Zeitraum wie bei «Harry Potter und der Halbblutprinz» in Deutschland. Die Produktionsfirmen kontrollieren die Besucher von Premieren und Pressevorführungen nun schon seit mehreren Jahren.

Disney und Universal ist bislang kein Pirat ins Netz gegangen. Warner musste nach eigenen Angaben «eine Handvoll Übertretungen feststellen. Die Überwachung der ordentlichen Kinovorstellungen jedoch liegt im Verantwortungsbereich des jeweiligen Kinobetreibers», sagte ein Firmensprecher 20 Minuten Online.

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