Zürcher Obergericht: Pistolenschuss ist eine übertriebene Abwehr
Aktualisiert

Zürcher ObergerichtPistolenschuss ist eine übertriebene Abwehr

Freispruch aufgehoben: Viermal musste ein Hauswart vor Gericht, bis ein Urteil feststand. Auch wenn er angegriffen wurde, ein Schuss in den Hals war mehr als nur Notwehr.

von
Attila Szenogrady
Das Zürcher Obergericht musste den Freispruch auf Geheiss des Bundesgerichts widerrufen.

Das Zürcher Obergericht musste den Freispruch auf Geheiss des Bundesgerichts widerrufen.

Der Strafprozess gegen einen heute 43-jährigen Hauswart aus Regensdorf hat eine neue Wendung genommen. Der beschuldigte Kosovo-Albaner hatte am 12. April 2010 in einem Treppenhaus einer Wohnsiedlung in Regensdorf einem Landsmann mit einer Pistole in den Hals geschossen und erheblich verletzt. Hintergrund der Bluttat bildete eine verbissen geführte Familienfehde zwischen zwei kosovarischen Clans.

591 Tage in Untersuchungshaft

Fest steht, dass die Polizei den Pistolenschützen festnahm und er danach 591 Tage in Haft verbrachte. Im November 2011 beteuerte er vor dem Bezirksgericht Dielsdorf seine Unschuld und machte Notwehr geltend. So sei er von seinem Gegner getreten und mit einem Radschlüssel attackiert worden. Worauf er aus Panik abgedrückt habe.

In Dielsdorf hatte der Beschuldigte Glück. Er wurde wegen rechtfertigender Notwehr freigesprochen. Womit er wegen zu Unrecht erlittener Haft neben einer Entschädigung von 85'000 Franken eine Genugtuung von 60'000 Franken erhielt. Die Staatsanwaltschaft, die zuvor vergebens auf vorsätzliche Tötung plädiert hatte, legte Berufung ein.

Wende am Bundesgericht

Bei einem ersten Berufungsprozess im September 2012 stellte sich das Obergericht noch hinter den Dielsdorfer Entscheid und kam ebenfalls zu einem Freispruch. Erst vor Bundesgericht kam es zu einer Wende. Es wies den Fall zurück an das Obergericht und hiess es an, den Freispruch aufzuheben.

Die Zürcher Strafkammer hat deshalb im vergangenen August ein zweites Urteil gefällt. Demnach wurde der Familienvater wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie Vergehens gegen das Waffengesetz zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Ein Jahr davon unbedingt. Wie das Bezirksgericht Dielsdorf ging auch das Obergericht immer noch von einem Notwehrexzess aus. Im Gegensatz zum Landgericht stufte es aber die übertriebene Abwehr auf Geheiss des Bundesgerichts als nicht mehr entschuldbar ein.

Es wird teuer für den Pistolenschützen

Der neuste Schuldspruch bedeutet für den Hauswart, dass er zwar nicht mehr ins Gefängnis muss. Allerdings wird ihn der Schuss auf einen Menschen finanziell sehr teuer kommen. So erhält er jetzt als Täter weder eine Entschädigung noch eine Genugtuung.

Hingegen soll er dem Geschädigten ein Schmerzensgeld von 7000 Franken sowie eine Prozessentschädigung von 20'000 Franken bezahlen. Zudem wurden ihm die bisher aufgelaufenen Gerichtskosten von insgesamt über 9000 Franken auferlegt.

Nicht zuletzt droht ihm bei Rechtskraft des Urteils bei dieser Strafhöhe sogar die Ausschaffung aus der Schweiz.

Deine Meinung