Dschihad-Rückkehrer: Plant der IS Giftgas-Angriffe in Europa?
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Dschihad-RückkehrerPlant der IS Giftgas-Angriffe in Europa?

In ihr Heimatland zurückgekehrte IS-Kämpfer könnten mit Chlorgas Fussballstadien oder Züge angreifen. Das sagt ein britischer Chemiewaffenexperte.

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Anfang April warnte ein britischer Giftgasexperte: In der Londoner Tube könnten Anhänger des IS Chlorgas-Kanister plazieren und verdampfen lassen. Das Ergebnis wäre Panik und Chaos.

Anfang April warnte ein britischer Giftgasexperte: In der Londoner Tube könnten Anhänger des IS Chlorgas-Kanister plazieren und verdampfen lassen. Das Ergebnis wäre Panik und Chaos.

Keystone/Andy Rain
Denn im März seien in Syrien und im Irak mehr konzentrierte und tödliche Angriffe mit chemische Waffen durchgeführt worden als jemals seit dem 1980er Krieg zwischen dem Iran und Irak, sagte der britische Chemiewaffen-Experte Bretton-Gordon.

Denn im März seien in Syrien und im Irak mehr konzentrierte und tödliche Angriffe mit chemische Waffen durchgeführt worden als jemals seit dem 1980er Krieg zwischen dem Iran und Irak, sagte der britische Chemiewaffen-Experte Bretton-Gordon.

Keystone/Kurdistan Regional Security Council / Handout
Diese Foto veröffentliche der kurdische Sicherheitsrat. Soldaten begutachten eine Strasse zwischen der irakischen Stadt Mossul und der syrischen Grenze. Hier sollen IS-Kämpfer am 23. Januar kurdische Truppen mit Chlorgas attackiert haben.

Diese Foto veröffentliche der kurdische Sicherheitsrat. Soldaten begutachten eine Strasse zwischen der irakischen Stadt Mossul und der syrischen Grenze. Hier sollen IS-Kämpfer am 23. Januar kurdische Truppen mit Chlorgas attackiert haben.

Keystone/Kurdistan Regional Security Council / Handout

Sie bereiten den europäischen Sicherheitsbehörden Bauchschmerzen: die IS-Rückkehrer. Sprich: Europäer, die sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien und im Irak angeschlossen haben und wieder in ihr Heimatland zurückreisen. Glaubt man neuen Zahlen, gibt es inzwischen bis zu 6000 europäische Dschihadisten, die für den IS kämpfen, sagte Vera Jouriva, EU-Kommissarin für Justiz, gegenüber der französischen Zeitung «Le Figaro».

Jetzt warnt der britische Chemiewaffenexperte Hamish de Bretton-Gordon vor Giftgasangriffen in Europa. Bis im März beriet er noch Sicherheitskräfte in Bagdad – nach seiner Rückkehr sagte er dem «Daily Mirror», ein Angriff mit Chlorgas sei «sehr wahrscheinlich». Ein solcher könnte etwa in einem Zug, einer U-Bahn oder in einem Fussballstadion stattfinden.

90 Tonnen Chlor ohne Lizenz

Auf dem Blog «2Paragraphs» erläutert er: «Der IS verbringt viel Zeit damit, seine Dschihadisten dafür auszubilden, Chlor als Waffe einzusetzen – vor allem als IED (improvisierte Bomben). Praktisch jeder Dschihadist, der in die USA oder nach Grossbritannien zurückkehrt, wird ein solches Training durchlaufen haben und mehr oder weniger wissen, wie man Chlorgas oder andere Chemiewaffen für einen Terrorangriff nutzen kann.»

Er fügt hinzu: «In Grossbritannien kann man bis zu 90 Tonnen Chlor ohne Lizenz kaufen.» Um dieses als Waffe zu verwenden, könnte man den Deckel eines Chlorkanisters öffnen und das Gas verdampfen lassen. Chlor sei jedoch nicht besonders giftig. Zudem könne man die grünen und gelben Wolken, die sich nur wenige Minuten halten, leicht sehen und umgehen, so Bretton-Gordon.

In Syrien habe er mit seiner NGO Syria Relief Zivilisten ausgebildet, vor den Wolken wegzurennen oder sich auf eine Anhöhe zu begeben und im Extremfall in ein Stück Stoff zu urinieren und dadurch zu atmen – wie man es im Ersten Weltkrieg tat. Um Angriffe von vornherein zu vermeiden, müssten «CIA, FBI, MI5 und 6 sich zurückkehrende Dschihadisten ganz genau anschauen», sagt Bretton-Gordon, «vor allem solche, die Chemikalien kaufen.»

IS soll riesige Chlorfabrik erobert haben

Die Warnung kommt nur Tage nachdem bekannt wurde, dass der IS im Januar Chlorgas als Chemiewaffe gegen Peschmerga-Kämpfer eingesetzt haben soll. Zudem soll die Terrormiliz im vergangenen Jahr eine riesige Chlorfabrik nahe Mossul erobert haben, wo Saddam Hussein zu seiner Zeit chemische Waffen wie Senfgas, Sarin und VX produzieren liess, berichtet der britische «Independent». Auch im Kampf um Kobane sollen die Extremisten des IS Chlor zu ihrem Waffenarsenal hinzugefügt haben.

In Syrien und im Irak wurden alleine im März so viele konzentrierte und tödliche Angriffe mit chemische Waffen durchgeführt wie zuletzt im Krieg zwischen dem Iran und Irak in den 80er-Jahren, so der Chemiewaffenexperte Bretton-Gordon.

Ebenfalls bringt die Warnung die Attacke auf die U-Bahn in Tokio 1995 in Erinnerung: Damals verübten Mitglieder der Aum-Sekte einen Giftgasanschlag auf drei U-Bahn-Linien in Tokio, zwölf Menschen starben, tausende wurden verletzt. Auch die Londoner Tube war 2005 bereits Ziel von terroristischen Anschlägen. Am 7. Juli 2005 platzierten Terroristen während des Berufsverkehrs mehrere Sprengstoffe in drei U-Bahnzügen und einem Doppeldeckerbus.

Wie wirkt Chlorgas?

Eingeatmetes Chlorgas greift die Lunge an. Das Gift verursacht Atemnot, Erstickungssymptome und kann zu einem lebensbedrohlichen toxischen Lungenödem führen.

Als chemische Waffe wurde Chlorgas erstmals im Ersten Weltkrieg eingesetzt. Seit der Chemiewaffenkonvention von 1997 ist der Gebrauch von Chlorgas verboten. Die Anwendung von Chlor als Giftgas gegen Menschen erstreckt sich - so Indizien - dennoch bis in die Gegenwart. Human Rights Watch spricht etwa von «starken Hinweisen», dass Regierungstruppen in Syrien Mitte Mai 2014 Chlorgas aus der Luft in «Fassbomben» abgeworfen haben; diese platzen beim Aufprall und das Gas wird freigesetzt.

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