Aktualisiert 06.11.2015 10:48

Schweizer Flüchtlingshelfer

«Plötzlich liegt da ein Baby am Boden»

In Serbien warten tausende Flüchtlinge auf ihre Weiterreise. Die Stadt Preševo ist einer der Brennpunkte der Balkanroute. Eine Schweizerin ist mittendrin.

von
Zora Schaad, Preševo

Eine Strasse beim Busbahnhof in Preševo, Serbien, mitten in der Nacht: Seit Stunden warten hunderte Flüchtlinge in abgesperrten Sektoren darauf, in der Warteschlange ein Stück weiter zur Registrierungsstelle vorzurücken. Dort erhalten sie ein Papier, das ihren Aufenthalt im Land bescheinigt. Ohne das Papier ist die Weiterreise illegal.

Es sind Gruppen junger Männer, Familien, Alte und Kranke. Die meisten kommen aus Syrien und Afghanistan, viele sind vor dem Krieg über das Mittelmeer geflohen. «Die schlimmsten Stunden meines Lebens», erzählt mir Ahmet. Endlich öffnet ein Polizist ein Gitter, die Gruppe kann einen Sektor vorrücken.

Kälte, Hunger, kein Geld

Einige Männer rennen los, reissen andere mit. Panik kommt auf, manche fallen hin. Die Polizisten am Rand schreien und zücken ihre Schlagstöcke. Auch ich rufe den Leuten zu, ruhig zu bleiben. Wie alle Freiwilligen trage ich eine gelbe Warnweste und bin hierhergekommen, um die Situation in Preševo für die Flüchtlinge erträglicher zu machen.

Nach einigen Minuten hat sich die Masse beruhigt, die Leute warten ruhig hinter den Absperrungen. «Wie geht es euch?», frage ich sie. «Gut!», rufen sie. Dass dies nicht stimmt, ist offensichtlich. Viele schlottern, andere haben ihre Familien auf der Flucht verloren, Dritte haben nicht genug Geld, um die Weiterreise mit dem Bus zu bezahlen.

Auch Hunger ist ein Thema: «Gestern habe ich in Mazedonien einen Apfel gegessen», erzählt mir Djemal aus Syrien. «Das war meine letzte Mahlzeit.» Ich verteile gesüssten Tee und Snacks. Essen zu kochen wurde uns von den Behörden aus hygienischen Gründen verboten.

Helfer müssen sparsam sein

Es ist dunkel, alles ist schmutzig und vor allem ist es sehr kalt. Die Ärzte von Médecins sans Frontières (MSF) behandeln in der Warteschlange viele Menschen wegen Unterkühlung. Ansonsten sind ausser den rund 30 freiwilligen Helfern aus der ganzen Welt keine Organisationen anwesend, um die bis zu 10'000 Flüchtlinge täglich in der Warteschlange zu betreuen. Erst im Registrierungsbereich verteilen Hilfsorganisationen Essen und Kleider.

Die Mediziner von MSF raten uns dringend, Kleider und Decken abzugeben. Doch wir haben zu wenige für alle – und müssen sparsam sein. «Das ist für Notfälle, wenn es wirklich um das Überleben der Menschen geht. Stell dir vor, es regnet oder schneit, dann brauchen wir plötzlich Riesenmengen», erklärt mir Lea, die schon länger als Freiwillige in Preševo mit anpackt.

Wo ist die Mutter?

Gina, eine junge Schweizer Helferin aus meiner Gruppe, findet plötzlich ein Baby am Boden. In eine Decke gewickelt, liegt es da, seine Eltern haben es im Tumult verloren. Über Funk informieren wir die anderen Helfer.

Gemeinsam gehen wir die lange Warteschlange ab, suchen nach der Mutter. Endlich finden wir die verzweifelte Frau. Die Erleichterung ist riesig. Es sind Momente, die auch uns Helfern nahegehen und uns bestärken, weiterzumachen.

Schweizer Freiwillige helfen

Zora Schaad ist ehemalige Mitarbeiterin von 20 Minuten und arbeitet heute als freie Journalistin. Für die private Schweizer Initiative Borderfree Association ist sie im Oktober 2015 nach Presevo gereist. Der Verein leistet dort Soforthilfe und unterstützt Freiwillige bei ihren Einsätzen. Mehrere Helfer sind weiterhin vor Ort.

Für ihre Arbeit ist die Borderfree Association auf Spenden angewiesen: PostFinance IBAN CHF = CH71 0900 0000 6159 3305 7 Kontakt: info.borderfree@gmail.com

Für ihre Arbeit ist die Borderfree Association auf Spenden angewiesen: PostFinance IBAN CHF = CH71 0900 0000 6159 3305 7 Kontakt: info.borderfree@gmail.com

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