Dem Tod entronnen: «Plötzlich nahm ich ein dumpfes Rollen wahr...»
Aktualisiert

Dem Tod entronnen«Plötzlich nahm ich ein dumpfes Rollen wahr...»

Als «angenehm und stärkend» beschrieb Alfons Simonius-Blumer seine Reise mit der «Titanic». Der Präsident des Bankvereins war einer von 27 Schweizern auf dem Unglücksdampfer.

von
P. Dahm

Alfons Simonius-Blumers Wagen fährt durch die kalte, regnerische New Yorker Nacht. Er betrachtet seinen Landsmann Max Staehelin-Maegli, der gerade einem Reporter der «Frankfurter Zeitung» seine Erlebnisse berichtet: «Ich zog mich aus und war noch bei dieser Beschäftigung, als ich plötzlich ein zehn Sekunden währendes dumpfes Rollen wahrnahm, das mit einem leichten Stoss eingesetzt hatte. Dieser war aber nicht stark genug, um mich umzuwerfen.»

Es ist der 18. April 1912, Alfons Simonius-Blumer und Max Staehelin-Maegli haben soeben die grösste Katastrophe in der Geschichte der Passagier-Schiffahrt übererlebt und sind auf dem Weg in ihre Hotels «Waldorf Astoria» und «Ritz Carlton».

Von Jungfernfahrt überrascht

Begonnen hatte Alfons Simonius-Blumers Reise am 10. April 1912. Seit sechs Jahren arbeitet der Oberst der Artillerie-Brigade 3 als Verwaltungsratspräsident des Schweizer Bankvereins. Er muss dienstlich nach New York: Der Bankverein hat Millionen in die angeschlagene Stickerei-Firma «Arnold B. Heine & Cie» aus Arbon TG gesteckt, die auch in der Millionenstadt eine Filiale hat. Zusammen mit dem Basler Juristen Max Staehelin-Maeglin will Simonius in Amerika nach dem Rechten sehen. Er ahnt nicht, dass seine Überfahrt vielen Mitreisenden ein nasses Grab bescheren wird.

Tauchgang zur Titanic

Die Erste-Klasse-Tickets für die Überfahrt mit der «Titanic» hat die Basler Agentur «Kaiser & Cie» organisiert. Staehelin zahlt 770,95 Franken, Simonius 897,35 Franken. Die Schweizer gehen in England an Bord: Sie fahren mit dem «Boat Train» von der Haltestelle London Waterloo um 9.45 Uhr ab und erreichen kurz vor 11:30 Uhr Southampton, wo der Zug direkt neben dem Kreuzfahrtschiff stoppt. Auf dem Pier herrscht entgegen landläufiger Meinung keine Volksfeststimmung. Die Schweizer erfahren sogar erst an Bord, dass der «Titanic» ihre Jungfernfahrt bevorsteht.

Bord-Alltag und Kabinen-Impressionen

Simonius und Staehelin werden von Chefsteward A. Latimer empfangen und in ihre Kabinen geführt. Staehelin hat sich für eine der günstigeren First-Class-Unterkünfte auf dem B-Deck der «Titanic» entschieden, während Simonius ein Stockwerk darüber auf dem A-Deck unterkommt. Als der Dampfer gegen 12 Uhr zu seiner ersten - und letzten - Fahrt ablegt, erleben die beiden Schweizer noch eine freudige Überraschung: Sie erfahren, dass ihr Landsmann Maximilian Frölicher-Stehli und seine Familie an Bord sind. Simonius kennt den Seiden-Fabrikanten, weil der Präsident des Zürcher Reitclubs ist, dem der 49-Jährige 1894 beigetreten war.

Simonius zieht sich um 16 Uhr zurück, um einen Brief an seine Frau Alice zu schreiben, der vor dem ersten Halt in Cherbourg fertig sein muss. Seine Kabine A-26 liegt fast genau über der seines Begleiters Staehelin, ist mit 2,6 mal 3,7 Meter aber etwas grösser. Die Wände sind weiss, der Boden mit Spannteppich bedeckt. Es gibt neben dem Bett ein ausziehbares Sofa, einen kleinen Schrank, einen Ankleidetisch mit Spiegel und ein Waschbecken. Die Gäste der ersten Klasse können ausserdem ein Schwimmbad mit türkischem Bad oder den Squash- oder Gymnastikraum besuchen. Entspannt wird in einem der drei exklusiven Cafés und dem à-la-Carte-Restaurant, wo dann und wann Musiker aufspielen.

«Wenn nur das Schiff untergehe»

Am 11. April zieht sich Simonius um 10 Uhr abermals zum Schreiben zurück. Er will den Brief an Gattin Alice fertig machen, bis die «Titanic» ihren letzten Stopp in Europa in Queenstown erreicht. Am Mittag verlässt das Kreuzfahrtschiff den irischen Hafen Richtung Amerika. Während einige Reisende der 3. Klasse erstmals in ihrem Leben ein Bett allein belegen, vertreiben sich die Gäste der ersten Klasse im Rasier-, Schreib- oder Rauchsalon die Zeit. Im Rauchsalon treffen sich auch die drei Schweizer Simonius, Staehelin und Frölicher, um den Tag mit einer Partie Skat zu beschliessen.

Der 14. April beginnt übel für Familie Frölicher , die wie Staehelin auf dem B-Deck wohnt. Ihre 22-jährige Tochter Margaritha ist seekrank und stöhnt: «Wenn nur das Schiff untergehe.» Was muss sie in der Nacht über diesen Ausspruch gedacht haben, als der Dampfer einen Eisberg rammt? Der Tag bleibt zunächst mehr oder weniger ereignislos. Nach dem Abendessen trifft sich das Schweizer Männer-Trio erneut zum Skat und spielt bis 23 Uhr. Eine halbe Stunde später suchen sie ihre Betten auf. Die Nacht ist «schön und sternenklar», die «Ttanic» fährt unter Volldampf, alles ist ruhig.

Dann, um 23.40 Uhr, geschieht es. Max Staehelin und Alfons Simonius sind dabei, sich umzuziehen, als sie einen Stoss und ein «zehn Sekunden währendes dumpfes Rollen» spüren. Der Aufprall ist nicht so gross, dass sie stürzen, aber gross genug, um sie zu beunruhigen.

Erste Klasse – Erste Rettung

Die beiden Schweizer ziehen sich prompt wieder an und treffen sich auf Deck. Tiefer gelegene Teile des Schiffes sind mit einer «grossen Menge Eis» bedeckt, die «Titanic» lässt Dampf ab, doch «von Aufregung keine Spur», erläutert Staehelin vier Tage später bei der Fahrt durch New York. «Die Schiffsmannschaft erklärte immerfort, es sei absolut nichts Besonderes vorgefallen. Beruhigend wirkte es auch, dass die Schiffsmusik zu spielen begann.» Trotz der brisanten Lage darf unter den Passagieren keine Panik ausbrechen. Das bekommt Max Frölicher zu spüren, als er an Deck geht: Weil die Mannschaft ihm sagt, er könne wieder schlafen gehen, kehrt er tatsächlich in seine Kabine zurück.

Doch bald werden die Rettungsboote vorbereitet - als reine Vorsichtsmassnahme, wie den Gästen versichert wird. Die Damen der ersten Klasse werden als Erste zur Evakuierung gerufen. Simonius und Staehelin nehmen sich sogar noch die Zeit, Dokumente aus ihren Kabinen zu holen, bevor sie «in eines der am wenigsten besetzten Boote» stiegen. Sie hegen «gar keine Befürchtungen, weil die «‹Titanic› vollständig sicher schien, die Musik spielte und die Mannschaften gute Disziplin bewahrten», geben die Schweizer später zu Protokoll. Erst als Heizer und anderes Personal an Deck kommen und von der Mannschaft vertrieben werden, schwant den Schweizern, in welcher prekären Lage sie sich befinden.

Treibend in der Kälte

«Als wir abstiessen, schien die Aufregung an Bord viel grösser zu werden», wird Staehelin später aussagen. Er wusste damals nicht, dass es nur für 2207 Menschen Platz in den Rettungsbooten gibt - 1029 zu wenig. Kaum berührt das Rettungsboot das Wasser, rudern die Matrosen kräftig: Sie fürchten, von der «Titanic» in die Tiefe gezogen zu werden.

Simonius und Staeheli lösen die Ruderer bei «schneidender Kälte» ab – auch um selbst warm zu bleiben. Anfangs schiesst die «Titanic» noch Leuchtraketen ab, doch als die Lichter ausgehen, sehen die Schweizer das Schiff nicht mehr, erinnert sich Stehelin später zurück..

«Oh Mutti, schau den schönen Nordpol an», sagt ein 6-Jähriger im Rettungsboot Nummer 3, das für drei bis vier Stunden im Kreis rudert, bis die «Carpathia» die Überlebenden aufnimmt. Simonius und Staehelin wärmen sich im Speisesaal der Ersten Klasse des Kreuzfahrtschiffes auf, als nur 15 Minuten nach ihrer Rettung auch Max Frölicher und Familie an Bord gelangen.

Schweizer halten zusammen

Die Gestrandeten sammeln sich in der Bibliothek, wo sie den Luzerner Apotheker Josef Lisibach kennen lernen. Der hatte ihren Dialekt bemerkt und Mitleid. Er schickte im Auftrag von Simonius erste Telegramme ab, um die Basler Familie und seinen Kontaktmann in New York ein Lebenszeichen zukommen zu lassen. Drei Tage nach ihrer Rettung erreichen Simonius und Staehelin auf der «Carpathia» den Hafen von New York. 705 Schiffbrüchige hatte der Dampfer bergen können.

Dr. Hans Winterfeldt, ein Verwaltungsratmitglied des Bankvereins und seit 1904 ihr Statthalter in der Metropole, und Kollege Rose warten bereits auf den Oberst und den Juristen. Der Reporter der «Frankfurter Zeitung» hört, dass die Runde Deutsch spricht und bittet sie, auf der Fahrt zum Hotel von dem Unglück zu berichten. Dort angekommen schickt Simonius ein Telegramm an seine Frau ab.

In den Folgetagen kleidet sich der Präsident des Bankvereins für 253.50 Dollar neu ein – darunter eine Melone für 4.50 Dollar, 24 Taschentücher für 18 Dollar und 12 Krägen für zwölf Dollar. Er reist am 7. Mai auf dem deutschen Dampfer «Victoria Luise» zurück in die Schweiz. Bereits wenige Tage nach seiner Rückkehr zeigte sich Simonius-Blumer «bei bester Stimmung» und bezeichnet seinen Ausflug, der beinahe in den Tod geführt hat, als «angenehm und stärkend».

Alfons Simonius-Blumer starb 1920 im Alter von 64 Jahren an einem Herzschlag. Er hinterliess neben der Witwe zwei Töchter und drei Söhne.

Quellen: «Neue Zürcher Zeitung» vom 20. April 1912 (Abendblatt) und «Reise auf der Titanic» von Günter Babler (Chronos Verlag).

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