Terror-Prozess: «Plötzlich sah ich meinen Sohn brennen»
Aktualisiert

Terror-Prozess«Plötzlich sah ich meinen Sohn brennen»

Im Pariser Terrorprozess gegen die mutmasslichen Hintermänner des Djerba-Attentats vor sieben Jahren haben erstmals Angehörige der deutschen Opfer ausgesagt.

«Nach der Explosion habe ich mich auf meinen Sohn geworfen, um ihn zu schützen», berichtete Michael Esper am Freitag vor der Geschworenenjury. «Durch die Druckwelle wurde ich von ihm fortgerissen. Als ich mich umdrehte, sah ich Adrian brennend vor mir stehen.»

Bei dem Attentat mit einem Lastwagen voll Flüssiggas auf eine Synagoge der tunesischen Ferieninsel Djerba waren am 11. April 2002 insgesamt 21 Menschen getötet worden, darunter 14 deutsche Touristen. Seit drei Wochen müssen sich deswegen der deutsche Islamist Christian Ganczarski und der Bruder des tunesischen Attentäters, Walid Naouar, wegen Beihilfe zum Mord und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten. Das Urteil wird am kommenden Donnerstag erwartet.

«Logischer Abschluss der Tragödie»

Adrian Esper war bei dem Anschlag dreieinhalb Jahre alt, er hat mit schwersten Verbrennungen überlebt. «50-mal ist er inzwischen operiert worden», sagte sein Vater am Freitag der AP. «Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, muss ich an den Anschlag denken. Bis zu dem Tag waren wir eine glückliche Familie.» Hass gegen die mutmasslichen Verantwortlichen hege er dennoch nicht. «Aber wenn die Richter die Angeklagten als Drahtzieher identifizieren, müssen sie ihre Strafen bekommen.»

Für Esper und die Familien der anderen Opfer, für die der 42-jährige Unternehmer in dem Prozess spricht, gehe es «um einen logischen Abschluss der Tragödie». Ganczarski, der dem Attentäter laut Anklage in einem Telefonat grünes Licht für den Anschlag gab, hat Esper am Freitag zum ersten Mal gesehen, er würdigte ihn nur eines kurzen Blickes. «Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben», sagte er, um Nüchternheit bemüht.

Grünes Licht oder normale Abschiedsformel?

Opferanwältin Judith Adam-Caumeil ist zuversichtlich, dass Ganczarski wegen Beihilfe zum Mord verurteilt wird. «Natürlich versucht er sich im Prozess freizuschwimmen und bestreitet, in dem Telefonat mit dem Attentäter sei es um den Anschlag gegangen», sagte sie der AP. Aber Zeugenaussagen im Verfahren hätten untermauert, dass der Deutsche ein Vertrauter von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden gewesen sei. «Sollte das Gericht nicht im Sinne der Anklage entscheiden, haben wir die Möglichkeit der Berufung», so die Anwältin.

Experten bewerten den Prozessausgang als offen: Für eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord müsste Ganczarski nachgewiesen werden können, dass er dem Attentäter tatsächlich seinen Segen gab. Das vom deutschen Verfassungsschutz abgehörte Telefonat endet mit Ganczarskis Worten: «Gottes Gnade und Segen sei mit Dir.» Manche Gutachter bewerten dies als eine normale islamische Abschiedsformel. Sollte der 42-Jährige wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt werden, drohen ihm bis zu acht Jahre Gefängnis. Knapp sechs Jahre sitzt er bereits in Untersuchungshaft. (dapd)

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