Aktualisiert 25.06.2009 13:25

Mord in Spanien«Plötzlich war ich die Böse und er harmlos»

Der Schaffhauser E.S. steht unter Mordverdacht. Er soll seinen 40-jährigen Begleiter erschlagen haben. In der Schweiz ist E.S. kein unbeschriebenes Blatt: Bereits 2003 schlug er mit einer Eisenstange auf eine Schaffhauser Wirtin ein. Nach einem Dokfilm des SF sei aber plötzlich sie die Täterin gewesen, sagt das Opfer im Interview mit 20 Minuten Online.

«Nach dem Dokfilm war ich die Böse und er der harmlose Spinner», so das Opfer von E.S. über den SF-Dokfilm von 2007. <i>(Quelle: YouTube.com; Urheber: SF)</i>

Der 60-jährige E.S. soll laut spanischen Medienberichten seinen 20 Jahre jüngeren Begleiter mit einer Eisenstange erschlagen haben (20 Minuten Online berichtete). Erfahrungen im Umgang mit Eisenstangen hat der dringend Tatverdächtige: 2003 schlug er mit einer Eisenstange auf eine Schaffhauser Wirtin und einen ihrer Gäste ein. Die Frau landete im Spital, mit einem Schock, einem brummenden Schädel und einem verletzten Arm. Doch beim körperlichen Schaden blieb es nicht, wie sie im Gespräch mit 20 Minuten Online sagt.

20 Minuten Online: Frau H., Sie haben aus der Zeitung vom Vorwurf gegenüber E.S. erfahren. Was schoss Ihnen in diesem Augenblick durch den Kopf?

R.H.:Ich war geschockt. Ich weiss nicht, ob er es getan hat, aber ich bin total geschockt.

Trauen Sie es ihm denn zu?

Ich möchte mich dazu lieber nicht äussern. Als ich mich das letzte Mal zu E.S. äusserte, erhielt ich dauernd böse Briefe und Anrufe. Die Leute beschimpften mich und behaupteten, ich hätte den Vorfall mit E.S. provoziert und sei böse gewesen zu ihm.

Wieso?

Publik wurde die Attacke gegen mich 2007 durch den Dokfilm des Schweizer Fernsehens. Ich hatte dem SF nochmals geschildert, wie die Ereignisse sich an diesem Tag abspielten. Danach erhielt ich die Briefe und Anrufe.

Was geschah denn an diesem Tag?

E.S. sass in meiner Beiz, trank einen Kaffee und las Zeitung - zwei Zeitungen, um genau zu sein. Als weitere Gäste kamen, ging ich zu ihm und sagte, er solle doch die Zeitung dem anderen Gast überlassen, er könne ja nicht beide gleichzeitig lesen. Mehr sagte und tat ich nicht – rein gar nicht.

Und dann?

Er fauchte mich an, er könne und wolle beide Zeitungen lesen. Dann stand ein Gast auf, ging rüber und nahm sich die Zeitung. Daraufhin rannte E.S. wie eine Furie aus dem Lokal. Der Gast folgte ihm. Als ich rausging, um nachzusehen, ging er bereits mit einer Eisenstange auf den Gast los. Und plötzlich auch noch auf mich. Ich hatte Glück, dass er mich nur beim ersten Mal am Kopf traf. Danach rutschte ich aus und der zweite Schlag traf mich am Arm. Der Dok-Film stellte aber E.S. so harmlos dar, dass plötzlich ich die Täterin war.

Fühlen Sie sich nun bestätigt?

Der Fall von damals ist für mich abgeschlossen. Ich möchte nichts mehr dazu sagen. Aber es war und ist nicht fair, was ablief. Ich habe E.S. damals nichts getan und trotzdem wurde ich als die Böse und er als harmloser Spinner dargestellt.

«Ich bin von seiner Unschuld überzeugt»

Im Dokfilm kamen neben der Wirtin R.H. unter anderem auch Freunde des Verdächtigen E.S. zu Wort. Sie betonten die Harmlosigkeit von E.S. und setzten sich nach dessen Flucht für seine Straffreiheit ein. Eine der Fürsprecherinnen von E.S. war Sabine Schilling. Sie vertrat damals die Meinung, der 60-Jährige sei nicht gefährlich und könne in einem Land wie Spanien und Italien ein Leben in Frieden führen. Davon ist sie auch heute noch überzeugt, wie sie gegenüber 20 Minuten Online versicherte: «Ich bereue meinen Einsatz für E.S. gar nicht.»

So lange nichts bewiesen sei, so Schilling, wolle sie weiterhin an die Unschuld ihres Freundes glauben. Von E.S. selbst habe sie «eine Ewigkeit» nichts mehr gehört. «Er rief mich vor langer Zeit einmal an, weil er Geld brauchte. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört.»

Christian Lipp, Autor des Dokfilms, wollte sich aufgrund des laufenden Verfahrens gegen E.S. nicht äussern. Die SF-Pressestelle wies aber darauf hin, dass der Beitrag ausgewogen sei und den journalistischen Kriterien entspreche.

(amc)

Sonderling E.S.

Das Schaffhauser ­E. S. sass wegen mehrfacher schwerer und einfacher Körperverletzung, Sachentziehung und Sachbeschädigung fast vier Jahre im Gefängnis und in der geschlossenen Psychiatrie. Bei den Schaffhauser Behörden gilt er als Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft. Andere halten ihn für einen harmlosen Zeitge­nossen. Vor über drei Jahren flüchtete er aus der Schweiz und tauchte erst in Frankreich und zuletzt in Spanien unter. Trotzdem schrieben ihn die Schaffhauser Behörden nicht zur internationalen Fahndung aus. «Da er seine Strafe verbüsst hatte und sich in einer psychiatrischen Massnahme befand, fehlte die rechtliche Grundlage dafür», so Staats­schreiber Stefan Bilger (20 Minuten Online berichtete). (dp)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.