Benzinpreis-Schock – Plus 25 Rappen in einer Nacht – darum ist Benzin jetzt so teuer wie noch nie

Aktualisiert

Benzinpreis-SchockPlus 25 Rappen in einer Nacht – darum ist Benzin jetzt so teuer wie noch nie

Wie kann es sein, dass sich der Sprit in einer Nacht um 25 Rappen verteuert? Wer profitiert davon? Und wer verliert? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum hohen Benzinpreis.

von
Marcel Urech
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Die Preise fürs Benzin sind an Schweizer Tankstellen in wenigen Tagen explodiert.

Die Preise fürs Benzin sind an Schweizer Tankstellen in wenigen Tagen explodiert.

20min/News-Scout
Shell verlangt an der A1-Autobahnraststätte Würenlos aktuell rund 2.65 Franken für einen Liter Diesel und 2.34 Franken für einen Liter Bleifrei 95.

Shell verlangt an der A1-Autobahnraststätte Würenlos aktuell rund 2.65 Franken für einen Liter Diesel und 2.34 Franken für einen Liter Bleifrei 95.

20min/Taddeo Cerletti
Viele Menschen haben nun Angst, dass die Preise noch weiter steigen und Europa das Öl ausgeht. Es gibt darum Panikkäufe. Diese Unsicherheit treibt die Preise noch weiter nach oben.

Viele Menschen haben nun Angst, dass die Preise noch weiter steigen und Europa das Öl ausgeht. Es gibt darum Panikkäufe. Diese Unsicherheit treibt die Preise noch weiter nach oben.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

  • Viele Menschen haben Angst, dass Europa bald das Öl ausgeht – das treibt die Preise nach oben.

  • Ob Tankstellen nun das grosse Geld scheffeln, sei aber alles andere als klar, sagt ein Experte.

  • Verlierer sind die Konsumenten und Konsumentinnen, die nun mehr fürs Benzin bezahlen.

Benzin und Diesel sind in der Schweiz in weniger als 24 Stunden rund 25 Rappen teurer geworden. Shell verlangte am 10. März an seiner Tankstelle in Würenlos AG zum Beispiel 2.65 Franken für einen Liter Diesel, Coop in Dietikon ZH 2.23 Franken für einen Liter Bleifrei 95.

Warum explodieren nun die Preise? Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Wie ist es möglich, dass der Benzinpreis über Nacht so stark ansteigt?

Ein Grund dafür sei der Krieg in der Ukraine, sagt Thomas Benedix vom Unternehmen Union Investment. Viele Menschen hätten nun Angst, dass die Preise weiter steigen und Europa das Öl ausgehe. Russland liefert viel Öl nach Europa, und Europa spricht über einen Boykott des russischen Öls. Das führe zum Beispiel zu Panikkäufen von Heizöl. Diese Unsicherheit treibe die Preise noch weiter nach oben.

Ist die Preiserhöhung gerechtfertigt?

Ob der Preis wegen des Ukraine-Kriegs und der Ölknappheit oder wegen Finanzspekulationen mehr hochgeht, sei schwierig zu sagen, so Benedix. Am Rohstoffmarkt in Rotterdam sei der Referenzpreis für Diesel am Donnerstag aber wieder gesunken. Darum könnte sich die Situation an den Tankstellen bald wieder beruhigen, sagt der Experte.

Wer profitiert vom hohen Benzinpreis?

Laut Benedix profitieren Raffinerien, Rohölförderer und die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) von den hohen Preisen, also Länder wie Saudiarabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch Brasilien, Mexiko und die USA gehören zu den Gewinnern. Zudem gewinnt der Staat, weil er nun mehr Treibstoff-Steuern einnimmt.

So entsteht der Benzinpreis

Der Benzinpreis setzt sich aus Abgaben, Beschaffungs- und Vertriebskosten zusammen. Auch die Lagerung, der Transport, das Marketing und die Amortisation von Tankstellen verursachen Kosten. Der Einkauf ist vom Erdölpreis abhängig. Staatliche Steuern und Abgaben verursachen laut Avenergy, dem Verband der Treibstoffimporteure, über die Hälfte des Preises. Zusätzlich gibt es eine Mehrwertsteuer von 7,7 Prozent.

Profitieren nun auch die Tankstellen?

Ob Tankstellen nun profitieren, sei nur schwierig zu beurteilen, sagt Benedix. Denn das Öl müsse auch teurer importiert werden. Zusätzlich dürfte sich der Transport verteuern.

Profitiert auch Russland vom hohen Benzinpreis?

Nein, sagt Benedix. Da die Nachfrage nach russischem Öl stark eingebrochen sei, müsse das Land jetzt neue Absatzmärkte suchen. Der Preis für russisches Öl sei nun viel tiefer als der europäische Preis für Öl.

Wer verliert?

Die Konsumenten und Konsumentinnen. Auch die meisten europäischen Länder sind Verlierer – «ausser vielleicht Norwegen», das selbst Erdöl exportiert, sagt Benedix. Zudem leiden nun Unternehmen, die es nicht schaffen, die hohen Preise auf ihre Kundschaft abzuwälzen.

Dämpft der starke Franken die Preiserhöhung in der Schweiz ab?

Nein, da der Rohstoffhandel im Normalfall in US-Dollar läuft. Und gegenüber dem US-Dollar habe sich der Schweizer Franken in letzter Zeit kaum bewegt, sagt Benedix.

Schlagen nun alle Tankstellen in der Schweiz auf?

Wohl ja – sonst zahlen sie drauf. So wie die Capitol Garage Germann in St. Gallen. Diese ist beim Diesel laut Inhaber Thomas Germann deutlich billiger als die Konkurrenz – «deshalb sind die Leute bei uns auch nicht hässig». «Aber auch wir tasten uns jetzt langsam an die Preise der anderen Tankstellen an», sagt Germann.

Wie teuer ist das Benzin im nahen Ausland?

In Deutschland kostet ein Liter Benzin laut dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) rund 2.17 Euro, ein Liter Diesel 2.27 Euro. In Österreich sind es laut Automobil-, Motorrad- und Touringclub 2.06 Euro für ein Liter Diesel und 1.94 Euro für ein Liter Superbenzin. In Italien schlägt ein Liter Diesel mit rund 2.50 Euro zu Buche. Der Tanktourismus könnte darum zunehmen. Ein Euro ist aktuell rund ein Franken wert.

So entwickelte sich der Benzinpreis seit November 2021 in Deutschland.

So entwickelte sich der Benzinpreis seit November 2021 in Deutschland.

ADAC / www.adac.de/news/aktueller-spritpreis

Soll ich mein Auto jetzt mit Raps-, Salat- oder Heizöl betanken?

Auf Tiktok finden sich Videos, die zeigen, wie Autofahrer ihre Autos mit Pflanzenöl betanken. Laut ADAC ist das keine gute Idee. Pflanzenöle führten zu Startschwierigkeiten und wirkten sich negativ auf Leistung und Lebensdauer des Motors aus. Die Pumpen und Düsen in Autos seien zudem nicht für Pflanzenöl oder Heizöl optimiert. Darum laufe die Verbrennung nicht optimal und der Motor könne zu Schaden kommen.

Öffnet der Bund nun seine Pflichtlager?

Laut Thomas Grünwald, Mediensprecher des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung BWL, gibt es ein Pflichtlager für Benzin. Dieses werde der Bund aber nur bei einer «schweren Mangellage» öffnen. Etwa dann, wenn der Markt nicht mehr in der Lage sei, die Nachfrage zu decken. Das sei aber aktuell nicht der Fall.

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