16.09.2020 07:13

Po-Schmerzen und Bierlust — ein Städter unternimmt seine erste Velotour

Die Corona-Krise machte mich zum Velofahrer – zumindest hat sie es versucht. Eine viertägige Tour durch den Schwarzwald — und was ich dabei gelernt habe.

von
Lucien Esseiva
16.9.2020

Was machen, wenn das Gym geschlossen hat, Joggen keinen Spass macht, aber man sich trotzdem bewegen und (zumindest ein bisschen) fit halten möchte?

Diese Frage stellten sich viele, als der Schweizer Bundesrat am 16. März 2020 den Lockdown verkündete und damit auch vielen Sportstätten wie Schwimmbädern, Gyms und Yogastudios den Stecker zog.

Sportwillige mussten lange draussen bleiben. 

Sportwillige mussten lange draussen bleiben.

Photo by Benedikt Geyer on Unsplash

Die Lösung? Ein Velo kaufen!

Ich entschied mich im Lockdown für den Kauf eines Velos. Bewegung an der frischen Luft, ohne Menschenansammlungen, etwas Geschwindigkeit und Reisen – klingt super. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

Veloläden mussten am 16. März, wie viele andere Shops, zumachen, aber einkaufen im Internet kann kann ja nicht so schwer sein. Falsch gedacht. Was für ein Velo kauft man sich, wenn man keine Ahnung von Modellen, Rahmengrössen, Sattelstützen oder Lenkervorbau hat? Nur schon die Recherche im Internet dauerte Tage, und je länger ich suchte, je mehr Fachartikel und Youtube-Ratgeber-Videos ich mir reinzog, desto verwirrte war ich.

Was darfs denn sein? Ein richtig sportliches Rennvelo vielleicht? Der Vorteil: leicht und schnell. Der Nachteil: ist nur bedingt tauglich für mehrtägige Touren, besonders abseits von asphaltierten Strassen. 

Was darfs denn sein? Ein richtig sportliches Rennvelo vielleicht? Der Vorteil: leicht und schnell. Der Nachteil: ist nur bedingt tauglich für mehrtägige Touren, besonders abseits von asphaltierten Strassen.

Photo by Coen van de Broek on Unsplash
Ein Mountainbike kommt jeden Hügel hoch und rollt über jede Strasse. Der Nachteil: fährt man meistens auf befestigten Strassen ist das Velo zu schwer und die Reifen haben zu viel Rollwiederstand. 

Ein Mountainbike kommt jeden Hügel hoch und rollt über jede Strasse. Der Nachteil: fährt man meistens auf befestigten Strassen ist das Velo zu schwer und die Reifen haben zu viel Rollwiederstand.

Photo by eberhard grossgasteiger on Unsplash
Ein richtiges Tourenvelo ist ein echter Packesel. Doch seien wir mal ehrlich: so ein Teil braucht man nur dann, wenn man monatelang unterwegs ist. 

Ein richtiges Tourenvelo ist ein echter Packesel. Doch seien wir mal ehrlich: so ein Teil braucht man nur dann, wenn man monatelang unterwegs ist.

Veloplus

Einfach zuschlagen

Weil ich mich aber irgendwann mal entscheiden musste (sonst kommt man ja nie in den Sattel), entschied ich mich für ein sogenanntes Gravel Bike, einfach gesagt ist das ein Rennvelo mit Mountainbike-Pneus, mit dem man schnell auf der Strasse, aber auch auf Feldwegen und wenn es sein muss auch mal im Wald unterwegs sein kann, ohne einen Platten zu riskieren.

Die erste Bestellung ging völlig in die Hose, als mir der Händler (nachdem ich bereits mit Kreditkarte bezahlt hatte) mitteilte, das Velo werde erst Ende August geliefert. Zweite Bestellung: Erst hielt der Online-Shop mich für einen Betrüger und sperrte meinen Account, dann – nach etlichen Telefonaten – hing mein Gravel Bike am Zoll fest und wurde erst nach Tagen freigegeben.

Endlich da!

Die erste Tour mit meinem ersten (etwas hochwertigeren) Velo führte mich nach Steckborn an den Untersee. 

Die erste Tour mit meinem ersten (etwas hochwertigeren) Velo führte mich nach Steckborn an den Untersee.

Schon die erste Tour von Zürich nach Steckborn im Thurgau zeigte mir meine Grenzen auf. Mit 60 Kilometern und etwas über 500 Metern Höhendifferenz ist das bei weitem keine Etappe der Tour de France, für mich fühlte es sich aber so ähnlich an.

Schon nach dem ersten Hügel waren meine Waden schlapp, die Schultern schmerzten, die Handgelenke auch, und nach der Hälfte der Strecke dachte ich, dass ich wohl nie mehr normal sitzen werden kann – so sehr tat mir mein Hintern weh.

Jetzt wirds ernst: Vier Tage durch den Schwarzwald

Die Reaktion, nachdem der Freund die Tourenplanung geschickt hat: Schweissausbruch. 

Die Reaktion, nachdem der Freund die Tourenplanung geschickt hat: Schweissausbruch.

Der Ernstfall wurde vor wenigen Wochen geprobt, als es zusammen mit zwei (ziemlich erfahrenen Velofahrern) vier Tage lang von Kaiserslautern über Karlsruhe quer durch und über den Schwarzwald nach Baden-Baden und dann den Rhein entlang nach Strassburg und zum Schluss nach Freiburg ging.

Das sind gut 266 Kilometer, also im Schnitt über 60 Kilometer pro Tag. Dazu kamen Temperaturen von durchschnittlich 30 Grad, Steigungen von bis zu 14 Prozent und Hunderte Höhenmeter den Berg hoch und manchmal auch wieder hinunter.

Vorbereitung für die Monster-Tour

Einkaufen ist ja nicht so schwer, drum habe ich mich zuerst mit zwei Velotaschen ausgerüstet. 

Einkaufen ist ja nicht so schwer, drum habe ich mich zuerst mit zwei Velotaschen ausgerüstet.

Eine keine Tour um den Uetliberg zur Vorbereitung musste als Fitness-Test reichen. 

Eine keine Tour um den Uetliberg zur Vorbereitung musste als Fitness-Test reichen.

Die durchschnittliche Herzfrequenz zeigt: geht es bergauf, bin ich ziemlich schnell am Anschlag. 

Die durchschnittliche Herzfrequenz zeigt: geht es bergauf, bin ich ziemlich schnell am Anschlag.

Alles gar nicht so schlimm

Ich fasse mich kurz: Die Angst vor der viertägigen Tour war (mehr oder weniger) umsonst. Das hat vor allem damit zu tun, dass meine zwei Velo-Freunde unter einer Tour eher eine Lustfahrt verstehen und ihnen Einkehren im Kaffee und alle paar Stunden ein Glace wichtiger ist, als Kilometer abzuspulen und auf Zeit zu fahren.

Aber: Um einen schmerzenden Po (trotz Sitzcreme und Velohose) kam ich als Veloanfänger nicht herum. Zudem war die Einstellung meines Velos ganz offenbar mangelhaft (Learning: der Lenkervorbau ist für meine Körpergrösse zu tief), und so musste ich mich Tag für Tag mit schmerzenden Schultern und Handgelenken rumschlagen. Und natürlich war ich bei jeder längeren Steigung nahe dran, das Velo in den Graben zu werfen und in den nächsten Bus zu steigen.

Was aber für die Qualen entschädigt, ist der Wind in den Haaren, herrliche Abfahrten durch kühle und sattgrüne Wälder, Gespräche mit den Freunden und ein eiskaltes Bier am Ziel. Und ein bisschen Stolz auf sich und die geschaffte Tour darf man natürlich auch sein.

Abfahrten wie diese entschädigen für viele Qualen. 

Abfahrten wie diese entschädigen für viele Qualen.

Bei der Fahrt durch die badischen Weinberger steigt die Lust auf ein kühles Gläschen. 

Bei der Fahrt durch die badischen Weinberger steigt die Lust auf ein kühles Gläschen.

Der Autor schaut – ein bisschen stolz ob der geschafften Steigung – dem Zielbier entgegen. 

Der Autor schaut – ein bisschen stolz ob der geschafften Steigung – dem Zielbier entgegen.

Radeln ohne Reue? Hier sind die Tipps vom Profi!

Damit du ohne Schmerzen auf deine erste Velotour gehen kannst, haben wir Roger Züger, Velo-Profi von Veloplus, gefragt, auf was du unbedingt achten solltest.

Roger Züger, worauf muss ich beim Velokauf achten?

Eine Tour kann eigentlich mit jedem Velo unternommen werden, auch mehrtägige. Also Rennvelo, MTB, City/Alltagvelo, Gravel, E-Bike. Wichtig beim Velokauf ist es zu wissen, für welchen Haupteinsatzbereich das Velo gebraucht wird. Beim Kauf des Velos ist das wichtigste die richtige Rahmengrösse zu bestimmen, um überhaupt die Voraussetzungen für eine ergonomisch optimale Haltung erfüllen zu können.

Wie stellt ich mein Velo perfekt auf mich ein?

Am besten schaust die dir dieses Video an – hier wird alles gezeigt, was man alleine zu Hause tun kann.

Was kann ich machen, wenn mir während der Tour doch plötzlich die Schultern, Hände oder der Po weh tut?

Wer das erste Mal eine mehrtägige Tour fährt, kann schon mit Sitzbeschwerden konfrontiert werden – allerdings hat das auch mit der nicht gewohnten und lange eingenommenen Sitzposition liegen, und muss nicht gleich immer heissen, dass der Sattel nicht passt. Am besten die im Video angesprochenen Punkte überprüfen. Oft bringen schon minimale Verschiebungen der Sattelposition viel und sorgen für ein beschwerdefreieres Velofahren.

Wie bereite ich mich auf eine längere Tour vor

Natürlich hilft jeder Velokilometer, der man in den Beinen hat. Es ist jedoch immer wichtig, nicht zu viel zu wollen und dem Körper zu viel abzuverlangen, wenn er es sich nicht gewohnt ist. Daher ist es ratsam, mit Eintagestouren zu beginnen, dann Zweitäger zu machen und erst dann einmal ein verlängertes Wochenend-Abenteuer zu starten. Das hilft auch darüber herauszufinden, wie das Gepäck am besten verstaut wird, was es wirklich braucht und was nicht. Und selbstverständlich hilft eine frühzeitig angewandte Sitzcreme vorbeugend gegen Sitzbeschwerden.

Das gehört in den Touren-Rucksack

  • Wind/Regenjacke Thermo-Jacke (je nach Jahreszeit natürlich)
  • Flickset/Multitools für kleinere Reparaturen
  • Genügend Flüssigkeit
  • Power-Snacks – vor allem für Touren-Einsteiger, die noch nicht wissen, wie ihr Körper reagiert.
  • Sitzcreme
  • Und das hier für Geniesser

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
2 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

zum Wohl

16.09.2020, 14:40

Bierlust habe ich auch ohne vorher CO2 zu produzieren. Wenn man mal zusammenrechnet, was die Horden von Velorittern allein am Wochenende auf den Passstrassen an Klimagasen verursachen, uiuiuiui

Velofreund

16.09.2020, 11:35

Hauptsache, es hat am Schluss Spass gemacht. Aber jede Person hat eigene Beiklänge, Armlänge, Schulterbreite, Oberkörper - kein Wunder, wird man normalerweise beim Velokauf genau vermessen. So ist es halt die Strafe, dass alles wehtut, wenn man im Internet statt im Fachgeschäft (in der Schweiz) einkauft...