Wendejahr 1989: Polen machte den entscheidenden Schritt

Aktualisiert

Wendejahr 1989Polen machte den entscheidenden Schritt

Für viele Menschen im Westen symbolisiert der Fall der Berliner Mauer das Ende des Kommunismus in Osteuropa. Für viele Polen dagegen markieren die ersten freien Wahlen in ihrem Lande seit 1945 den demokratischen Umbruch hinter dem Eisernen Vorhang.

«Hier redet man in erster Linie von Deutschland, vom Fall der Berliner Mauer. Aber es waren Polen und die Arbeiterbewegung Solidarität, die entscheidend zum Sturz des Kommuniusmus beigetragen haben», erklärt Ständerat Claude Janiak (SP/BS), dessen Vater aus Polen kam, gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.

Ähnlich sieht es auch der polnische Journalist Leopold Unger, der in Brüssel lebt: «Ohne die Gespräche am Runden Tisch im Frühjahr 1989 und die Wahlen vom 4. Juni jenes Jahres wäre die Überwindung der kommunistischen Herrschaft in Osteuropa nicht denkbar.»

Entscheidend: Gespräche am Runden Tisch

Die Demokratisierung in Polen sei ein lange dauernder Prozess gewesen, erklärte Unger, damals Journalist der oppositionellen Zeitschrift «Kultura».

Für ihn waren vor allem die Gespräche am Runden Tisch zwischen der kommunistischen Regierung und der Solidarnosz-Opposition (Solidarität) entscheidend: Erstmals setzte sich im kommunistischen Herrschaftsbereich eine Regierung mit einer Opposition zum freien Meinungsaustausch zusammen.

Für Unger wie auch für Janiak war das Ausmass des Sieges der Opposition bei den Wahlen eine Überraschung. Er hätte auch nicht damit gerechnet, dass Polen so schnell demokratisiert würde, meinte Janiak.

Wer war der Vater der Demokratisierung?

Ein anonym bleiben wollendes Mitglied der polnischen Gemeinde in der Schweiz weist auf unterschiedliche Einschätzungen der damaligen Ereignisse im heutigen Polen hin. Jeder glaube, er habe den entscheidenden Beitrag zur Demokatisierung geleistet. «Wir haben den Umgang mit der Demokratie noch nicht gelernt», zeigt er sich skeptisch.

Für Unger dagegen gehören solche Auseinadersetzungen zur Demokratie. «Einige Oppositionelle glauben, man habe damals den Kommunisten zu grosse Zugeständnisse gemacht, andere unterstreichen, man habe keine andere Wahl gehabt.» So komme es zu internen Streitereien.

Gedenken in der Schweiz

Auch die Polen in der Schweiz gedenken der ersten freien Wahlen vor 20 Jahren in ihrem Heimatland. Es gibt eine Feier auf der polnischen Botschaft in Bern am 4. Juni, und in mehreren Bahnhöfen der Schweiz werden auf Bildschirmen Videoclips über die damaligen Ereignisse in Polen gezeigt.

Vorgesehen sind Aufführungen in Zürich, Bern, Basel, Luzern, Zug, Genf und Lausanne, wie der polnische Kulturattache Jaroslaw Bajaczyk darlegte. (sda)

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