Aktualisiert 29.08.2020 17:09

Polestar heizt Tesla ein

Die Volvo-Tochter bringt Ende November die ersten Fahrzeuge in die Schweiz. Der Polestar 2 macht Jagd auf den Tesla Model 3

von
Dave Schneider
29.8.2020
Seine Verwandtschaft zu Volvo kann der Polestar 2 nicht verstecken. Dennoch hat die Elektro-Limousine einen eigenen Charakter.

Seine Verwandtschaft zu Volvo kann der Polestar 2 nicht verstecken. Dennoch hat die Elektro-Limousine einen eigenen Charakter.

Bild: Polestar
Die grossen Räder und die hohe Gürtellinie lassen die Fliesshecklimousine höher wirken, als sie tatsächlich ist.

Die grossen Räder und die hohe Gürtellinie lassen die Fliesshecklimousine höher wirken, als sie tatsächlich ist.

Bild: Polestar
Elegantes Design und nachhaltige Materialien prägen den Innenraum. Das Android-Infotainmentsystem wird über den grossen Touchscreen 
oder per Spracheingabe bedient.

Elegantes Design und nachhaltige Materialien prägen den Innenraum. Das Android-Infotainmentsystem wird über den grossen Touchscreen
oder per Spracheingabe bedient.

Bild: Polestar

Neue Submarken zu gründen ist derzeit gross in Mode in der Autobranche: Wie einst Toyota mit Lexus oder Nissan mit Infiniti hat in jüngerer Zeit Seat mit Cupra eine Submarke gegründet, Citroën hat DS hervorgebracht, Polestar wurde von Volvo auf eigene Beine gestellt und aus Hyundai sind der Nobelbrand Genesis und vor wenigen Wochen die Elektrotochter Ioniq hervorgegangen. Die Elektrifizierung des Automobils bietet für neue Marken grosse Chancen.

Volvos Elektro-Tochter Polestar macht nun ernst: Ab Ende November werden die Modelle Polestar 1 und 2 an Schweizer Kunden ausgeliefert. Wobei das Hybrid-Coupé Polestar 1 eine klare Nebenrolle spielt: Mit über 600 PS und einem Verkaufspreis von mindestens 165'000 Franken ist es in erster Linie ein Prestigeprojekt. Viel wichtiger für die Volvo-Tochter ist die rein elektrisch angetriebene Fliesshecklimousine Polestar 2, die mindestens 57’900 Franken kostet und der bestehenden Konkurrenz einheizen soll – in erster Linie dem Topseller Tesla Model 3.

Die Reichweite reicht

Es ist ein attraktives Gesamtpaket, das die Schweden auf die Räder gestellt haben. Das Design: aufsehenerregend und erfrischend anders. Der Innenraum: topmodern und elegant. Und die Technik ist konkurrenzfähig: Zwei identische Elektromotoren, einer pro Achse, sorgen mit einer Gesamtleistung von 300 kW (408 PS) und einem Drehmoment von 660 Nm nicht nur für vehementen Vortrieb, sondern ermöglichen auch variablen Allradantrieb, wobei je nach Situation bis zu 100 Prozent der Leistung an die Vorderräder und bis zu 70 Prozent an die hinteren Räder geleitet werden können. Der Allradantrieb ist für die Schweizer ein wichtiges Kaufkriterium – später werden weitere Modellvarianten
mit kleineren Batterien und mit reinem Frontantrieb eingeführt.

Polestar 2

  • Modell: Elektrisch angetriebene Fliesshecklimousine
  • Masse: Länge 4606 mm, Breite 1859 mm, Höhe 1479 mm, Radstand 2735 mm
  • Kofferraum: 405 bis 1095 Liter plus 41 Liter im Unterboden hinten, 35 Liter vorne
  • Antrieb: Zwei Elektromotoren (einer pro Achse), kombinierte Leistung 300 kW
  • Fahrleistungen: Von 0 auf 100 km/h in 4,7 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 205 km/h
  • Batteriekapazität: 78 kWh
  • Reichweite (WLTP): 470 Kilometer
  • Ladeleistung: maximal 11 kW AC und 150 kW DC
  • Markteinführung: Ab Ende November
  • Preis: Ab 57’900 Franken
  • Infos: www.polestar.com

Apropos Batterien: Der Akku aus 324 Lithium-Ionen-Zellen ist flach im Fahrzeugboden zwischen den Achsen angeordnet, die Batteriekapazität von 78 kWh genügt für eine Normreichweite nach WLTP von 470 Kilometern – das ist beruhigend. In der Realität werden es aber weniger sein: Bei der ersten Probefahrt durchs hügelige Zürcher Oberland ist die Reichweitenanzeige nach 100 gefahrenen Kilometern bereits um 200 Kilometer gesunken. In gemässigter Fahrweise in einem Mix aus Autobahn-, Überland- und Stadtverkehr sind 350 Kilometer realistisch. Das reicht, zumal der Polestar 2 mit bis zu 150 kW Gleichstrom geladen werden kann – so werden 80 Prozent der Batterie in 40 Minuten gefüllt.

Zusammenarbeit mit Google

Auch wenn der Polestar 2 in Details an Volvo erinnert und seine Plattform sowie die gesamte Sicherheitsausrüstung von der Muttermarke stammt, so bringt der Schwede auch eine Weltneuheit mit sich: das Google-Betriebssystem Android Automotive OS. «Wir sagten uns: Wieso sollen wir etwas selbst entwickeln, was andere besser können?», erklärt Polestar-Chef Thomas Ingenlath. «Wir wissen, wie man Autos baut, Google weiss, wie man Software entwickelt. Das ist die ideale Zusammenarbeit.» Das Infotainmentsystem, das über einen grossen, hochformatigen Touchscreen bedient wird, beinhaltet den Sprachassistenten Google Assistant, der angesprochen mit «Ok Google» viele Funktionen per natürlicher Spracheingabe ausführen kann. Auf Exklusivität am Google-Betriebssystem besteht Polestar keineswegs: «Im Gegenteil», ist Thomas Ingenlath überzeugt. «Je mehr Hersteller dieses System nutzen werden, desto schneller und besser wird es für den Kunden weiterentwickelt.»

Der Polestar 2 nimmt im Konkurrenzumfeld eine starke Position ein. Dennoch dürfte der Schwede vorerst noch Aussenseiter bleiben – die neue Marke ist noch zu wenig präsent, um auf grosse Volumen zu kommen. Für grössere Stückzahlen dürfte nächstes Jahr der SUV Polestar 3 sorgen – dazu sind aber noch kaum Informationen bekannt. Polestar-Händler wird es keine geben, der Verkauf erfolgt ausschliesslich online. Immerhin sollen nächstes Jahr in Zürich und Genf sogenannte Polestar Spaces entstehen, wo die Marke und die Fahrzeuge erlebt werden können. Als Servicepartner stehen zahlreiche Volvo-Garagen bereit.

Auf Wunsch mit Rennsporttechnik

Was bei einer Probefahrt mit dem Polestar 2 sofort auffällt: Die Limousine verfügt über keinen Fahrmodusschalter. Wer ein verstellbares Luftfahrwerk oder adaptive Dämpfer erwartet, wird enttäuscht. «Wir wollten das Auto so einfach wie möglich machen», begründet Polestar-Chef Thomas Ingenlath. «Ich glaube nicht, dass viele Autofahrer das Fahrwerk verstellen wollen. Sie wollen einfach ein gutes Set-up.»

Immerhin bietet Polestar das optionale Performance-Paket an, das neben Brembo-Bremsen mit goldlackierten Sätteln und 20-Zoll-Schmiederädern auch Dämpfer von Spezialist Öhlins umfasst. Diese aus dem Rennsport stammenden Dämpfer lassen sich in 22 Zug- und Druckstufen von weich bis straff einstellen – allerdings nur manuell, was in den meisten Fällen einen Garagenbesuch voraussetzt. (ds)

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23 Kommentare
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Richy

30.08.2020, 19:13

Gehe bald in Rente und will mir noch einmal so richtig etwas leisten. Tesla Y, kommt bald und würde mich interessieren. Habe aber gelesen, dass die Verarbeitung, z.B. Spaltenmasse, etwas zu wünschen übrig lassen. Der Polestar 2 von Volvo scheint aber voll i.o. zu sein. Falls bezüglich dem Polestar 2 hier keine weiteren negativen Meldungen platziert werden, bestelle ich einen.

Cavi33

30.08.2020, 14:47

Als Volvo Fahrer muss ich einfach sagen, der Preis ist zu hoch und Tesla ist in Sachen Elektroantrieb und Vernetzung allen um Jahre voraus. Hätte wenigstens mal einen Kampfpreis erwartet dass die Kunden zu einem Wechsel inspiriert würden. Sobald Tesla in D für Europa produziert wird der Preiskampf noch härter.

Leo

30.08.2020, 12:54

Leider zu teuer für mich bei 20'000 würde ich zugreifen.