«Grenzen sind wieder offen» – Polit-Exot fordert Berner Grossrätin zum Verlassen des Landes auf
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«Grenzen sind wieder offen»Polit-Exot fordert Berner Grossrätin zum Verlassen des Landes auf

In einer E-Mail wettert Polit-Exot Philipp Jutzi gegen die neu gewählte Grossrätin Tabea Rai. Diese macht die Mail auf Instagram öffentlich. 

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In einer E-Mail des Polit-Exoten Philipp Jutzi wird Neu-Grossrätin Tabea Rai (AL) scharf angegangen.

In einer E-Mail des Polit-Exoten Philipp Jutzi wird Neu-Grossrätin Tabea Rai (AL) scharf angegangen.

Tamedia / Franziska Rothenbuehler
«Ich finde es schlimm, dass ich rein durch meine Person gewisse Leute derart provoziere, dass sie mir rassistische Hassnachrichten schicken müssen», sagt die 28-Jährige.

«Ich finde es schlimm, dass ich rein durch meine Person gewisse Leute derart provoziere, dass sie mir rassistische Hassnachrichten schicken müssen», sagt die 28-Jährige.

Tamedia / Franziska Rothenbuehler
Rai übernimmt im Rat den Sitz von Christa Ammann, die sich im Mutterschaftsurlaub befindet.

Rai übernimmt im Rat den Sitz von Christa Ammann, die sich im Mutterschaftsurlaub befindet.

Tamedia AG

Darum gehts 

  • Die neu gewählte Berner Grossrätin Tabea Rai (AL) hat eine E-Mail von Polit-Exot Philipp Jutzi erhalten. 

  • Jutzi nimmt Bezug auf Rais Kritik an der «African Lodge» in einem Thuner Hotel und rät der Stadtbernerin mit indischen Wurzeln sinngemäss, dorthin zurückzukehren, wo sie herstamme.

  • Jutzis Äusserungen seien klar rassistisch, sagt Rai. 

  • Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR spricht im Zusammenhang mit Jutzis Aussagen von sogenanntem «Othering».

Vor rund einer Woche wurde Tabea Rai von der Alternativen Linken (AL) in den Grossen Rat wiedergewählt; sie hatte erst Anfang März den Sitz von Christa Ammann geerbt, die sich im Mutterschaftsurlaub befindet. Die Wahl der Stadtbernerin mit indischen Wurzeln ist manchen offenbar nicht genehm. So habe es nicht lange gedauert, «bis sich der erste weisse alte Mann dadurch angegriffen fühlte», wie Rai auf Instagram mitteilt.

In ihrem Post veröffentlicht die Gewerkschaftssekretärin eine an sie adressierte E-Mail von Philipp Jutzi, ein Auslandschweizer mit Wohnsitz in Bangkok und Polit-Exot, der als Einmannprojekt JUP unter anderem erfolglos bei den Ständeratswahlen 2019 und den Nationalratswahlen 2015 kandidierte. In der Mail, in der er unter anderem die SVP-Nationalräte Andreas Glarner und Erich Hess ins CC gesetzt hat, nimmt Jutzi Bezug auf die «African Lodge» im Thuner Hotel Delta Park: ein Kochtopf-Whirlpool, der aufgrund seiner Kannibalen-Optik im letzten Sommer unter Rassismus-Verdacht geriet. In einem Bericht von «Tele Bärn» hatte Rai die African Lodge als kulturelle Aneignung kritisiert, mit der primär Geld gemacht werde solle.

«Klar rassistisch»

Jutzi stösst sich an dieser Kritik: Was sie denn noch in der Schweiz mache, wenn es ihr hier doch nicht passe, wettert er gegen die Politikerin. «Die Grenzen sind wieder offen, in alle vier Richtungen passierbar», schreibt der Hotelsekretär mit Berufspilotenlizenz, der etwa den Klimawandel bestreitet und sich für die Abschaffung des Flüchtlings- und Asylstatus ausspricht. Indien sei «eines der rassistischsten Länder der Erde», meint Jutzi weiter – und schiebt die Frage nach: «Warum kehren Sie nicht zuerst einmal dort den Teppich, von wo Sie Ihre Wurzeln haben?» 

Jutzis Mail habe bei ihr in erster Linie Unverständnis ausgelöst, sagt Rai auf Anfrage von 20 Minuten: «Ich finde es schlimm, dass ich rein durch meine Person gewisse Leute derart provoziere, dass sie mir rassistische Hassnachrichten schicken müssen.» Dass besagte Äusserungen rassistisch seien, stehe ausser Frage: «Wenn man mir aufgrund meiner Hautfarbe sagt, ich solle dahin zurück, wo ich herkomme, ist das klar rassistisch. Jeder und jede, die das in Frage stellt, ist selber rassistisch.»

«Er sucht die Öffentlichkeit»

Auch die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR verurteilt Jutzis Äusserungen. Diese würden Rai, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sei, absprechen, eine «echte Schweizerin» beziehungsweise «von hier» zu sein. Dadurch werde sie als fremd und als nicht dazugehörig markiert – ein Prozess, der auch «Othering» genannt wird. «Solche Othering-Prozesse reproduzieren rassistische Strukturen entlang von Kategorien wie Hautfarbe, Sprache, Staatsbürgerschaft und Herkunft», sagt EKR-Geschäftsführerin Alma Wiecken. Dass Jutzi noch andere Personen ins CC gesetzt hat, deute zudem darauf hin, «dass er die Öffentlichkeit geradezu sucht». 

20 Minuten fragt bei Jutzi nach, was ihn zu seiner verbalen Attacke gegen Rai bewogen habe. «Wer sich zu Rassismus in unserem Land äussert, soll zuerst unsere bunte Zusammensetzung studieren. Wäre die Schweiz rassistisch, wäre die Person ja eben nicht hier», schreibt Jutzi. Ferner erachte er Rais Veröffentlichung der E-Mail ohne vorgängige Rücksprache als wenig intelligent. «Es zeigt die Einstellung der Person.» 

Rechtlich gegen Jutzi vorgehen will Tabea Rai indes nicht – dafür seien die Äusserungen «zu wenig krass» und folglich «nicht justiziabel», wie sie erklärt. Ihr sei aber wichtig gewesen, die Mail zu veröffentlichen, zumal Jutzi selbst in der Öffentlichkeit stehe.   

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Hier findest du Hilfe:

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GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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(sul)

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