Aktualisiert 20.02.2018 20:53

Zürcher Facebook-Aktivist

«Politik in Europa richtet sich an Scharia-Muslime»

Der Schweizer Anwalt Emrah Erken zeigt, wie es in vielen muslimischen Ländern früher einmal aussah. Damit will er die Europäer zum Nachdenken bringen.

von
Mareike Rehberg
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Auf der Facebook-Seite «Before Sharia Spoiled Everything» posten die Mitglieder Alltagsfotos aus muslimischen Ländern. Dieses Bild zeigt die Familie des Gruppen-Initiators Emrah Erken in einem Wald in der Nähe der türkischen Stadt Adana im Jahr 1974.

Auf der Facebook-Seite «Before Sharia Spoiled Everything» posten die Mitglieder Alltagsfotos aus muslimischen Ländern. Dieses Bild zeigt die Familie des Gruppen-Initiators Emrah Erken in einem Wald in der Nähe der türkischen Stadt Adana im Jahr 1974.

Emrah Erken
Das Ziel der Gruppe: Europäern zeigen, dass es in vielen muslimischen Ländern bis in die 1970er- und 1980er-Jahre weltoffener zuging als heute. Dieses Foto zeigt Erkens Mutter und eine Freundin, wie sie 1965 in Ankara den Twist üben.

Das Ziel der Gruppe: Europäern zeigen, dass es in vielen muslimischen Ländern bis in die 1970er- und 1980er-Jahre weltoffener zuging als heute. Dieses Foto zeigt Erkens Mutter und eine Freundin, wie sie 1965 in Ankara den Twist üben.

Emrah Erken
Warum Emrah Erken in der Gruppe auch explizit die laizistische Türkei miteinbezieht, lesen Sie hier.Bild: Erkens Tante gewinnt 1946 in Adana einen 1500-Meter-Lauf. hier

Warum Emrah Erken in der Gruppe auch explizit die laizistische Türkei miteinbezieht, lesen Sie hier.Bild: Erkens Tante gewinnt 1946 in Adana einen 1500-Meter-Lauf. hier

Emrah Erken

Auf seiner Facebook-Seite «Before Sharia Spoiled Everything» (deutsch: Bevor die Scharia alles verdorben hat) veröffentlicht Emrah Erken (48) jahrzehntealte Bilder. Sie zeigen den früheren weltlichen Alltag (Link auf vorherigen Text) in heute stark vom konservativen Islam geprägten Ländern. Der Zürcher Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln hat 20 Minuten verraten, was er mit der Seite bezweckt.

Was ist Ihr Hauptanliegen?

Von den 1920er- bis Anfang der 1980er-Jahre gab es in Staaten wie der Türkei, dem Iran, Irak, Ägypten, Afghanistan und anderswo einzigartige säkulare Kulturen und Subkulturen, die stark zurückgedrängt wurden. Weil diese Gesellschaften in Europa weitgehend unbekannt sind, verfolgt die Gruppe einen informativen Zweck. Ich möchte, dass sich Europäer auf den Bildern wiedererkennen. Immer wieder kommen Kommentare wie «Diese Menschen sehen ja genauso aus wie wir in der damaligen Zeit». Genau solche Assoziationen wollte ich auslösen. Europäer sollen sich mit uns identifizieren und sich mit uns solidarisieren.

Ich will aber auch zeigen, dass es uns säkulare Menschen in der islamischen Welt gab und immer noch gibt. Die meisten von uns sind frustriert darüber, dass sich die heutige Politik in Europa vor allem den Scharia-Muslimen zuwendet, obwohl wir die besser integrierten Einwanderer sind.

Gab es einen konkreten Auslöser für die Idee?

Der Auslöser war ein deutscher Journalist, der in einem Video auf Youtube regelrechte Scharia-Propaganda betrieb. Sinngemäss sagte er, dass Muslime die Scharia brauchen würden. Ich schrieb einen Blog-Artikel über dieses Interview und zeigte Bilder aus der muslimischen Welt, bevor die Scharia diese ruiniert hatte. Dann fing ich dann an, solche Bilder auf Facebook zu posten, so entstand die Seite.

Welche Reaktionen bekommen Sie?

Das Feedback ist positiv und berührend. Es ist uns gelungen, die Menschen anzusprechen, und die Reaktionen kommen sowohl von politisch ganz links stehenden als auch politisch sehr konservativen Menschen. Die Gruppe will möglichst die gesamte europäische Gesellschaft ansprechen. Ich will Vorurteile beseitigen, und diese sind überall vorhanden. Zum Teil melden sich auch Migranten aus Ländern, aus denen die Bilder stammen. Viele fühlen sich endlich repräsentiert. Die Reaktionen sind überwiegend positiv.

Warum ist die Unwissenheit der Europäer ein Problem?

Die europäische Politik ist heute leider auf konservative Islamverbände fokussiert und damit beschäftigt, den konservativen Islam salonfähig zu machen. Säkulare Migranten aus der muslimischen Welt sind uninteressant. Die Zürcher Regierungsrätin Jaqueline Fehr etwa will eine staatliche Anerkennung des Islam. Ich bin gegen die Anerkennung von konservativen Islamverbänden als Partner des Staates. Der Staat, damit meine ich nicht bloss die Schweiz, soll sich lieber auf uns konzentrieren. Die säkularen Menschen aus der muslimischen Welt, ob gläubig oder nicht, sind die besseren Einwanderer. Für uns ist die Gleichberechtigung der Geschlechter eine Selbstverständlichkeit.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Schweiz gemacht?

Ich habe kaum Rassismus erlebt, erinnere mich aber an einen Vorfall aus meiner Kindheit, der die Unwissenheit der Schweizer demonstriert und mich damals sehr gekränkt hat. Als ich im Alter von neun Jahren in die Schweiz kam, fragten mich die anderen Kinder, warum meine Mutter keinen Hidschab trägt. Das war damals in der Türkei unüblich, und die Frage hat mich sehr irritiert. Ich habe den Islam schon als Kind abgelehnt. Ich bin Freidenker, schon mein ganzes Leben lang.

Wie sollte der Westen mit islamistischem Gedankengut umgehen?

Ich denke, dass wir Gesetze benötigen, die gewisse Bereiche der Scharia verbieten und andere einschränken. Hassreden gegen andere Religionsangehörige, wie sie in Biel stattgefunden haben sollen, darf der Staat nicht tolerieren. Die staatliche Reaktion auf solche Hassreden, die gegenwärtig in unserer Rechtsordnung vorgesehen ist, ist aus meiner Sicht unzureichend. Es kann nicht sein, dass die einzige Konsequenz solcher Vorfälle eine allfällige Bestrafung nach der Antirassismusstrafnorm ist und eine Moschee-Schliessung nicht einmal vorgesehen ist. Wir dürfen totalitären Ideologien nicht mit Toleranz begegnen.

Gibt es die Chance, dass es in Ländern wie dem Iran oder Afghanistan wieder so wird wie früher?

Ich denke nicht, dass ich das noch erleben werde. Mein Ziel ist es ohnehin nicht, diese Länder zu retten. Für mich steht meine Heimat im Vordergrund, und das ist die Schweiz. Für mich ist es essenziell, dass die Scharia in der Schweiz keine Rolle spielt, auch in der Zukunft nicht.

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