Quarantäneregeln – Politik und Wirtschaft fordern nur noch fünf Tage Quarantäne
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QuarantäneregelnPolitik und Wirtschaft fordern nur noch fünf Tage Quarantäne

Wer positiv getestet wird, muss zehn Tage zuhause bleiben – auch ohne Symptome. Dadurch fehlen Tausende am Arbeitsplatz. Eine verkürzte Quarantäne soll dies ändern.

von
Bettina Zanni
Claudia Blumer
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Die USA verkürzen die Quarantäne-Frist von zehn auf fünf Tage.

Die USA verkürzen die Quarantäne-Frist von zehn auf fünf Tage.

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Haben die Betroffenen nach fünf Tagen keine Symptome, sollen sie die Quarantäne abbrechen dürfen, empfiehlt die amerikanische Seuchenkontrollbehörde neu.

Haben die Betroffenen nach fünf Tagen keine Symptome, sollen sie die Quarantäne abbrechen dürfen, empfiehlt die amerikanische Seuchenkontrollbehörde neu.

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Jan-Egbert Sturm, Vizepräsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, hat ausgerechnet, dass mit einer Halbierung der Quarantäne-Frist nur noch 52’000 Personen in Quarantäne wären – statt den heutigen 88’000.

Jan-Egbert Sturm, Vizepräsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, hat ausgerechnet, dass mit einer Halbierung der Quarantäne-Frist nur noch 52’000 Personen in Quarantäne wären – statt den heutigen 88’000.

KOF

Darum gehts

Die Quarantäne-Regeln haben Tausenden in der Schweiz die Feiertage vermiest. Und auch die Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen stören sich an den Quarantäneregeln: Viele der rund 88’000 Personen, die derzeit in Isolation oder Quarantäne sind, fehlen am Arbeitsplatz.

Die USA verkürzen die Quarantäne-Frist deshalb von zehn auf fünf Tage. Wer keine Symptome hat, darf die Quarantäne nach fünf Tagen abbrechen, sagt jetzt die amerikanische Seuchenkontrollbehörde. Das tägliche Leben soll aufrechterhalten werden.

Das ist auch in der Schweiz ein Thema: Der Bund befürchtet durch Omikron einen Infrastruktur-Kollaps.

Die Hälfte könnte arbeiten gehen

Jan-Egbert Sturm, Vizepräsident der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes und ETH-Wirtschaftsprofessor, hat ausgerechnet, dass mit einer Halbierung der Quarantäne-Frist nur noch 52’000 Personen in Quarantäne wären – statt den heutigen 88’000. Er nimmt dabei an, dass sich heute etwa die Hälfte der Personen, die in Quarantäne oder Isolation sind, nach sieben Tagen freitesten könnten (siehe Box).

Die Schweiz könne in ein Dilemma geraten, wenn die Omikron-Welle Fahrt aufnehme, so Sturm. «Indem wir einerseits das Ausmass der Welle bremsen wollen, um unser Gesundheitssystem nicht zu überfordern, und andererseits Personal in gesellschaftlich wichtigen Bereichen brauchen, um das soziale Leben aufrechtzuerhalten.»

«Lange Quarantäne bringt nicht viel»

Die Taskforce regte schon Ende 2020 eine Verkürzung der Quarantänedauer an. Insbesondere mit einem Test am sechsten Quarantänetag bliebe die Wirksamkeit der Quarantäne «praktisch vollständig erhalten», schrieb sie. Auch eine Verkürzung der Quarantäne ohne zusätzlichen Test wurde thematisiert. Ein Quarantänetag kostet die Wirtschaft im Schnitt 230 Franken, wie die Taskforce errechnet hat.

Epidemiologe Marcel Tanner befürwortet eine Verkürzung der Frist vehement, «gerade auch in der gegenwärtigen Situation», wie er sagt. «In Anbetracht des derzeitigen Massnahmenbündels mit Impfung und Booster hat man gesehen, dass eine lange Quarantänedauer epidemiologisch und damit in der Risiko-Nutzen-Abwägung nicht viel bringt.» Ab dem fünften Tag nach dem Kontakt bestehe noch ein Restrisiko von weniger als zehn Prozent, dass das Virus weitergegeben werde.

Quarantäne verursacht «hohe Kosten»

Die Wirtschaftsverbände kämpfen für eine Anpassung. «Wir sind mit dem Bund permanent im Gespräch deswegen», sagt Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbands. Rückmeldungen von Grossverteilern, aber auch Firmen wie Post oder Swisscom, zeigten, dass die Quarantäneregeln ein Problem seien und ein noch grösseres werden könnten. «Wir erwarten, dass die Quarantäne entweder verkürzt wird oder dass Ausnahmeregeln für gewisse Berufe und Branchen ausserhalb des Gesundheitswesens erlassen werden.»

Rudolf Minsch, Chefökonom bei Economiesuisse, bestätigt: «Die Quarantäne-Frist von zehn Tagen ist sehr lang und verursacht hohe Kosten in Betrieben, bei denen Homeoffice ausgeschlossen ist.» Es fehlten Mitarbeitende in Industriebetrieben, Bäckerinnen, Metzger, Lokführer und andere.

Zustimmung von links bis rechts

Von der Politik gibt es breite Rückendeckung: «Die Verantwortlichen des Bundes müssen dringend über die Bücher und die Quarantänedauer verkürzen, wenn dies der epidemiologischen Lage nicht völlig widerspricht», fordert SP-Nationalrätin Franziska Roth. Die Quarantäne belaste insbesondere Menschen psychisch, die keine Symptome hätten. Ihr seien Junge bekannt, die mit Depressionen oder sogar Suizidgedanken kämpften, weil sie das Haus nicht mehr verlassen dürften. «Jede Massnahme, die die psychische Belastung reduziert, ist so schnell wie möglich umzusetzen.»

Auch Mitte-Nationalrat Alois Gmür sagt: «Zehn Tage sind überrissen.» Für Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen sei diese lange Frist «höchstproblematisch». «Ständig fallen Mitarbeitende lange aus.»

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will die Quarantäne-Regel hingegen nicht kippen. «Derzeit macht eine zehntägige Quarantäne Sinn, da Omikron hochgradig ansteckend ist», sagt Mediensprecherin Simone Buchmann. Dies sei jedoch nicht in Stein gemeisselt. Es lägen verschiedene Varianten für eine Anpassung der Quarantäne und Isolation auf dem Tisch, sagte BAG-Krisenmanager Patrick Mathys am Dienstag vor den Medien.

Verkürzte Quarantäne

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