Millionen sind schon genesen - Politik will mit gratis Antikörper-Tests schneller lockern
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Millionen sind schon genesenPolitik will mit gratis Antikörper-Tests schneller lockern

Jeder dritte Schweizer hatte schon Corona, viele wissen davon aber nichts. Mit Antikörper-Tests sollen schnellere Lockerungen möglich sein, fordert die Politik.

von
Daniel Graf
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Restaurants sollen schneller auch die Innenräume öffnen können, wenn die Behörden mit Antikörper-Tests vorwärtsmachen, fordern Politiker. 

Restaurants sollen schneller auch die Innenräume öffnen können, wenn die Behörden mit Antikörper-Tests vorwärtsmachen, fordern Politiker.

20min/Michael Scherrer
Aktuellen Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zufolge wurde «konservativ gerechnet rund ein Drittel der Bevölkerung seit Beginn der Pandemie infiziert».

Aktuellen Schätzungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) zufolge wurde «konservativ gerechnet rund ein Drittel der Bevölkerung seit Beginn der Pandemie infiziert».

20min/Simon Glauser
Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der wissenschaftlichen Corona-Taskforce, kritisiert, dass Politik und Behörden Antikörper-Tests zum Nachweis einer überstandenen Infektion bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten. 

Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der wissenschaftlichen Corona-Taskforce, kritisiert, dass Politik und Behörden Antikörper-Tests zum Nachweis einer überstandenen Infektion bisher viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten.

Alain Herzog/EPFL

Darum gehts

  • Didier Trono, Leiter der Gruppe Diagnostics und Testing der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, kritisiert, dass Antikörper-Tests zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde.

  • Es brauche schnellstmöglich Studien und Tests, die zuverlässig die Schutzimmunität nach kürzlich überstandener Krankheit nachweisen könnten.

  • Auch aus der Politik werden Forderungen laut: Dank zuverlässiger Antikörper-Tests sollen schnellere Öffnungen möglich sein.

Rund 2,8 Millionen Schweizerinnen und Schweizer haben sich gemäss der aktuellsten Schätzung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) seit Ausbruch der Pandemie mit dem Coronavirus infiziert. Viele wissen davon aber gar nichts: In den Statistiken erscheinen nur jene rund 650’000, die während der akuten Infektion getestet wurden, schreibt die «NZZ am Sonntag» (Bezahlartikel).

Eine überstandene Infektion kann mit einem Antikörper-Test nachgewiesen werden (siehe unten). Trotzdem zählen die schätzungsweise mehr als zwei Millionen Menschen, welche die Infektion ohne positiven PCR-Test überstanden haben, derzeit nicht als Genesene. Der Bund begründet das damit, dass die gängigen Tests nicht zuverlässig genug seien. «Es ist möglich, dass diese Tests Antikörper anzeigen, obwohl keine vorhanden sind. Die getesteten Personen wiegen sich dann in falscher Sicherheit. Deshalb empfehlen wir diesen Test derzeit nicht», heisst es auf der Homepage des BAG.

Experte fordert Offensive bei Antikörper-Tests

Laut Didier Trono, Leiter der Expertengruppe Diagnostics and Testing der wissenschaftlichen Covid-Taskforce, gibt es mittlerweile aber Möglichkeiten, die Konzentrationen neutralisierender Antikörper gegen Covid-19 zuverlässig zu messen. Ob sie allein den Schutz vorhersagen, müsse noch untersucht werden. «Bisher haben Politik und Behörden diesem Thema viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt», sagt Trono. In diesem Bereich sei eine Offensive erforderlich.

«Wir sollten jetzt so bald wie möglich eine landesweite Studie durchführen, um herauszufinden, welche die zuverlässigsten Ersatzmarker für die schützende Immunität sind», sagt Trono. Dies würde es ermöglichen, Tests zu entwickeln, «die als Grundlage für Immunitätspässe dienen könnten, in denen auch die Schutzimmunität infolge einer kürzlich aufgetretenen Infektion dokumentiert werden könnte».

«Genesene könnten beim Impfen hinten anstehen»

Auch Andreas Widmer, Infektiologe und Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, sagt: «Jetzt sollte so schnell wie möglich ein zuverlässiger Antikörper-Test entwickelt und validiert werden, um eine überstandene Infektion möglichst genau nachzuweisen.» Denn so könnten laut Widmer auch die Impfkampagne schneller vorangetrieben und letztlich die einschneidenden Massnahmen schneller gelockert werden: «Nach heutigem Wissensstand sind auch Genesene für drei bis sechs Monate relativ gut geschützt. Sie könnten also bei der Impfung hinten anstehen, sodass mehr Impfstoff frei würde für Menschen, die sich noch nicht infiziert haben.»

Widmer gibt zu bedenken, dass Antikörper-Tests indirekte Nachweise seien und deshalb schwieriger zu interpretieren als etwa das Resultat eines PCR-Tests, das eindeutig sei. «Es braucht jetzt zügig Studien, um die Wirksamkeit von Antikörper-Tests zu belegen. Damit könnte man auch genesenen Personen Lockerungen ermöglichen.»

Politiker drängen auf schnelle Zulassung

Druck auf die Behörden gibt es auch aus der Politik: «Das Covid-Zertifikat, das im Sommer die Abschaffung vieler Massnahmen möglich machen soll, fusst auf drei Pfeilern. Einer davon ist eine überstandene Infektion», sagt Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel. «Wenn die technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, eine überstandene Infektion nachzuweisen, muss dieser Nachweis schleunigst vorangetrieben werden.» Der politische Wille sei klar: «Getestete, Geimpfte und Genesene sollen gleichwertig behandelt werden. Damit das möglich ist, müssen die Behörden schnellstmöglich einen entsprechenden Test validieren und freigeben.»

Zentral ist für Humbel, dass ein solcher Test gratis ist. Derzeit müssen Antikörper-Tests noch selber bezahlt werden. «Wenn Impfungen und PCR-Tests gratis sind, muss der Bund auch die Kosten für einen Antikörper-Test übernehmen», sagt die Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission.

SVP will dank Antikörper-Tests schneller lockern

Auch der SVP-Nationalrat Albert Rösti würde die Möglichkeit, über einen Antikörpertest eine überstandene Infektion nachzuweisen, begrüssen: «Wir haben immer gesagt, dass ein Zertifikat ein zentrales Instrument ist, um möglichst schnell öffnen und in die Normalität zurückkehren zu können.» Gerade für Menschen, die sich nicht impfen oder testen lassen wollen, müsse die Möglichkeit eines Nachweises für Genesene geschaffen werden.

Wichtig sei, dass der Bundesrat und das BAG sich nicht auf einen Test konzentrierten, sondern den Markt spielen liessen: «Bei den Impfungen und den Selbsttests hat der Bundesrat es versäumt, möglichst früh auf verschiedene Kandidaten zu setzen. Das darf bei den Tests nicht passieren: Es müssen mehrere Antikörper-Tests von verschiedenen Anbietern schnellstmöglich geprüft und zugelassen werden.»

Entsprechende Überlegungen laufen beim Bund offenbar: Laut BAG sei es grundsätzlich möglich, dass in Zukunft Covid-Zertifikate aufgrund eines positiven Antikörpertests ausgestellt würden. «Diese Frage wird derzeit abgeklärt», sagt eine Sprecherin gegenüber der «NZZ am Sonntag». Weitere Fragen blieben am Sonntag unbeantwortet.

So funktioniert ein Antikörper-Test

Auf eine Testoberfläche mit SARS-CoV-2-Fragmenten wird eine Blutprobe der Testperson gegeben. Enthält das Blut Antikörper gegen das Virus, docken diese an die Virusfragmente an. Die gebundenen Antikörper können dann im nächsten Schritt durch eine Farbreaktion nachgewiesen werden. Verfärbt sich der Teststreifen, ist das Ergebnis positiv. Das heisst, die getestete Person ist oder war mit SARS-CoV-2 infiziert. Antikörper-Tests können in Apotheken und Arztpraxen durchgeführt werden, die Kosten müssen derzeit selber getragen werden. Laut BAG können serologische Tests für Aussagen bezüglich individueller Fragestellungen im ambulanten Bereich und ausserhalb von Studien zum aktuellen Zeitpunkt nicht empfohlen werden. Insbesondere sei eine positive Serologie nicht mit Immunität gleichzusetzen.

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