Aktualisiert 05.07.2016 06:30

Social Media

Politiker auf Snapchat vertreiben junge Wähler

Nationalräte haben die Jugend-App Snapchat entdeckt. Doch anstatt junge User für die Politik zu gewinnen, vertreiben sie diese laut Fachleuten.

von
B. Zanni
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GLP-Nationalrat Beat Flach hat seit kurzem ein Profil auf Snapchat. Damit will er jungen Menschen Politik vermitteln.

GLP-Nationalrat Beat Flach hat seit kurzem ein Profil auf Snapchat. Damit will er jungen Menschen Politik vermitteln.

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Zuerst müsse er aber noch «kapieren, wie es funktioniert».

Zuerst müsse er aber noch «kapieren, wie es funktioniert».

Keystone/Marcel Bieri
Balthasar Glaettli, Nationalrat der Grünen des Kantons Zürich, hat noch nicht die Zeit gefunden, auf Snapchat aktiv zu werden.

Balthasar Glaettli, Nationalrat der Grünen des Kantons Zürich, hat noch nicht die Zeit gefunden, auf Snapchat aktiv zu werden.

Keystone/Gaetan Bally

Die App mit dem kleinen weissen Gespenst ist nicht nur bei Teenagern, sondern neuerdings auch bei Politikern der letzte Schrei. «Politisieren ist mehr als nur Papiere schreiben», sagt Julia Baumgartner, Co-Präsidentin der Juso Baselland. Auch GLP-Nationalrat Beat Flach hat seit kurzem ein Profil auf Snapchat. «Ich habe vor, Snapchat vermehrt zu nutzen.» Mit der App, die sämtliche Inhalte nach 24 Stunden zerstört, beabsichtigt er laut «Blick», jungen Menschen Politik zu vermitteln.

SP-Nationalrat Cédric Wermuth sagt zu 20 Minuten, er wolle Snapchat für seine Politik nutzen, weil er gehört habe, dass Facebook bei jungen Menschen zunehmend out sei. Der grüne Nationalrat Balthasar Glättli hat sich schon überlegt, auf Snapchat aktiv zu werden. «Aber ich hatte bisher schlicht keine Zeit dazu», sagte er dem «Blick».

«Eindringen in die Privatsphäre»

Jugendfachleute und Social-Media-Experten beobachten den Trend kritisch. Kinder- und Jugendpsycholge Philipp Ramming macht darauf aufmerksam, dass Snapchat für die Jugendlichen eine intime, private App ist. «Sie werden es als Eindringen in ihre Privatsphäre verstehen, wenn sich Politiker auf Snapchat tummeln.» Politiker sollten die Jugendlichen durch Leistung und nicht durch Anbiederung zu erreichen versuchen. «Jugendlich sein heisst, seine eigene Welt aufzubauen und zu verteidigen.»

Auch Social-Media-Experte Philipp Wampfler ist skeptisch. «Wenn sich Politiker und immer mehr Erwachsene auf Snapchat einmischen, werden sich die Jugendlichen ziemlich bald von der Plattform verabschieden.» Zudem rechnet er kaum damit, dass die Politiker mit ihren Inhalten die Jugendlichen auf Snapchat erreichen. «Die Jungen kommunizieren auf Snapchat auf ihre spezielle Weise über Videos und Memes – und das ohne grosse Worte.» Zudem schickten sie sich die Nachrichten direkt zu und teilten diese selten mit allen Kontakten. Er rät ab, der Jugendkultur auf Snapchat nachzueifern. Beliebt sind Fotos, in denen Freunde miteinander die Gesichter getauscht haben.«Würde Beat Flach sein Gesicht mit jemand anderem tauschen, machte er sich lächerlich.»

Wampfler macht darauf aufmerksam, dass die digitale Kommunikation bei Jugendlichen denselben Stellenwert wie Musik und Mode erhalten hat. «Es geht dabei um Gruppenzugehörigkeit und das Abheben von den Erwachsenen.» Die Märkte hätten dies erkannt. «Deswegen werde sich bei den Apps immer schneller neue Modeströmungen entwickeln.»

«Coolem Siech würde ich folgen»

Cédric Wermuth weist die Kritik zurück. «Politik ist Teil des öffentlichen Lebens und hat überall dort, wo Menschen sind, etwas verloren.» Auch Internet-Comedian und Snapchat-Nutzer Bendrit Bajra würde Politikern kein Snapchat-Verbot erteilen. «Wenn ein Politiker ein cooler Siech wäre, würde ich ihm folgen.» Bis jetzt falle ihm beim besten Willen jedoch kein Kandidat ein. «Unsere Politiker sind so verklemmt. Sie reden immer nur um den heissen Brei.»

Bis die Politiker erste Beiträge auf Snapchat veröffentlichen, dürfte es eine Weile dauern. Zuerst müsse er noch «kapieren, wie es funktioniert», so Flach. Ähnlich geht es Cédric Wermuth. «So, mal auf diesem Snapchat eingeloggt … ähm … – Und wie geht jetzt das?», schreibt er auf Twitter. Zudem gesteht er, dass er noch nicht dazu gekommen sei, die App aktiv zu nutzen. «Social Media ist sehr zeitaufwendig und braucht enorm viele Ressourcen.»

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