Andere Länder viel weiter – Politik verlangt Ende der tödlichen Trödelei bei Drittimpfungen
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Andere Länder viel weiterPolitik verlangt Ende der tödlichen Trödelei bei Drittimpfungen

52 Menschen sind in der Schweiz seit Anfang September trotz doppelter Impfung an Covid-19 gestorben. Der Druck auf das BAG wächst: Jetzt müsse schnellstens eine klare Strategie für Drittimpfungen her.

von
Daniel Graf
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Trotz vollständiger Impfung sind seit Anfang September 52 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben. 

Trotz vollständiger Impfung sind seit Anfang September 52 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben.

20min/Marvin Ancian
Alice Schmidli-Amrein erhielt am 29. Dezember 2020 ihre erste Dosis des Pfizer-Impfstoffs. Heute, neun Monate später, ist sie tot, gestorben an Covid-19.

Alice Schmidli-Amrein erhielt am 29. Dezember 2020 ihre erste Dosis des Pfizer-Impfstoffs. Heute, neun Monate später, ist sie tot, gestorben an Covid-19.

Screenshot Tele1
Deshalb fordern nun Expertinnen und Experten und Angehörige die Booster-Impfung.

Deshalb fordern nun Expertinnen und Experten und Angehörige die Booster-Impfung.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Seit Anfang September sind in der Schweiz 52 Personen trotz doppelter Impfung im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

  • Hinterbliebene, Politiker und Expertinnen und Experten bemängeln die zögerliche Haltung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) und der eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF).

  • Ein Teil der 52 Verstorbenen könnte mit frühzeitigen Drittimpfungen heute wohl noch leben, sagt etwa GLP-Nationalrat Martin Bäumle.

  • Das BAG und die Zulassungsbehörde Swissmedic wehren sich: Noch seien nicht ausreichend klare Daten für eine Zulassung vorhanden.

«Hätte meine Mutter eine Drittimpfung erhalten, würde sie heute noch leben.» Davon ist Jack Schmidli überzeugt. Seine Mutter ist am vergangenen Montag trotz doppelter Impfung an einer Covid-Erkrankung, einem sogenannten Impfdurchbruch, verstorben. Sie war gemäss der «Sonntagszeitung» eine der ersten Schweizerinnen, die im Dezember 2020 im Kanton Luzern die Impfung erhalten hatte. Damals im Alter von 89 Jahren.

Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt eine Auffrischungsimpfung bisher nur schwer immunsupprimierten Personen. Für eine Impfempfehlung für spezifische, besonders gefährdete Personen gebe es noch zu wenig Daten, heisst es auf der Homepage des BAG. Und dass für die übrige erwachsene Bevölkerung noch dieses Jahr eine Empfehlung für Drittimpfungen komme, sei «unwahrscheinlich».

«Ein Teil der Verstorbenen würde heute noch leben»

Das stösst bei Hinterbliebenen, Expertinnen und Experten und Gesundheitspolitikern zunehmend auf Kritik. Harte Worte findet auf Twitter etwa das ehemalige Taskforce-Mitglied Dominique de Quervain: «Für viele der heute gesunden älteren Personen dürfte es belastend sein zu befürchten, bald Teil der klaren Zunahme von schweren Fällen zu werden, welche die Schweiz verlangt, um mit den Booster-Impfungen zu beginnen», schrieb er am Sonntag.

Das stösst bei Expertinnen und Experten und Gesundheitspolitikern und -politikerinnen zunehmend auf Kritik. «Ein Teil der 52 seit Anfang verstorbenen doppelt geimpften Personen könnte wohl heute noch leben, wenn das BAG frühzeitig eine Empfehlung für Booster-Impfungen für über 65-Jährige veröffentlicht hätte», sagt GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Dass der Impfschutz beim in der Schweiz zuerst geimpften Vakzin von Biontech/Pfizer möglicherweise schneller abnimmt, sei aufgrund der Daten aus anderen Ländern leider zu erwarten. Ebenso wisse man, dass der Impfschutz nach zwei Impfungen gerade bei älteren Personen generell schwächer ausfalle.

«Man bekommt den Eindruck, dass wir zu wenig Impfdosen haben»

Bäumle fordert, dass mittels Antikörpertests ermittelt wird, bei wem Booster-Impfungen zu empfehlen sind. «Das hätte schon lange passieren sollen, dann wären wir mittlerweile längst dabei, etwa Personen über 65, bei denen der Immunschutz abgenommen hat, erneut zu impfen.» Dass das BAG aufgrund «fehlender Daten» mit einer Empfehlung zuwarte, hält Bäumle für falsch.

Er kritisiert auch die Kommunikation: «Es ist völlig unklar, wieso genau das BAG zuwartet und wieso nicht mehr Antikörpertests gemacht werden. So bekommt man den Eindruck, dass nicht genug Impfdosen zur Verfügung stehen könnten, um bis Ende Jahr Booster- und Erst- und Zweitimpfungen durchzuführen, was ein weiterer fataler Fehler wäre.» Letztlich sei die unklare Kommunikation auch Wasser auf die Mühlen der Skeptikerinnen und Skeptiker: «Jede Person, welche trotz doppelter Impfung stirbt, ist für Skeptiker ein weiterer Beweis, dass die Impfung nicht wirke und hält sie davon ab, sich überhaupt impfen zu lassen.»

«Unzureichende Daten sind eine inakzeptable Begründung»

Ein Kommunikationsproblem kritisiert auch der ehemalige BAG-Vize Andreas Faller: «Man wird in dieser Pandemie das Gefühl nicht los, dass die Behörden immer wieder reagieren, anstatt vorauszudenken und frühzeitig zu handeln.» Dass die Datenlagen noch unzureichend seien, ist für Faller eine inakzeptable Aussage. «Seit Monaten wird über Impfdurchbrüche und Booster- Impfungen gesprochen. Trotzdem hat das BAG nie kommuniziert, wie man Daten über die Veränderung des Impfschutzes nach der Impfung sammelt, beispielsweise in einer Studie mit Antikörpertests in verschiedenen Abständen nach der Impfung.»

Für Faller verspielt das BAG durch intransparente Kommunikation viel Vertrauen in die Impfung: «Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass die Wirkung der Impfungen nachlässt. Pfizer hat schon Anfang Jahr gesagt, dass es eine dritte Impfung brauchen wird. Ich sehe nicht ein, wo das Problem ist und weshalb man nicht mittels Antikörpertests Klarheit schafft. So erhielte man ganz detailliert Aufschluss darüber, wie hoch der Impfschutz noch ist und könnte mit diesen Daten die Zulassung der Drittimpfung begründen.» So, wie das BAG jetzt reagiere, werde bei Kritikerinnen und Kritikern das Schreckensszenario genährt, dass die Impfung nicht genügend wirke.

Swissmedic: «Sind von Daten der Herstellerfirmen abhängig»

Lukas Jaggi, Mediensprecher der Zulassungsbehörde Swissmedic, erklärt, weshalb es so lange dauert: «Das Änderungsgesuch, welches für das Verabreichen von Drittimpfungen nötig ist, ist bei uns hängig und wir arbeiten mit Hochdruck daran. Es unterliegt denselben Sicherheitsanforderungen wie das Zulassungsgesuch: Wir benötigen auch evidenzbasierte, aus kontrollierten Studien stammende Daten.» Der Fahrplan für Drittimpfungen sei folglich vom Verlauf der klinischen Studien und von den Daten abhängig, welche die Herstellerfirmen lieferten.

Jaggi betont weiter: Die mRNA-Impfstoffe wurden zum persönlichen Schutz der Geimpften gegen schwere Verläufe entwickelt und bieten keinen 100 prozentigen Schutz vor einer Infektion.» Dass es zu Infektionen trotz Impfung komme, sei daher nicht überraschend. Und er sagt, dass die Impfungen derzeit nach wie vor gut wirkten: «Der Schutz vor einer Corona-Infektion bei einer Impfung kann schneller nachlassen als gehofft, aktuell ist der individuelle Schutz vor schweren Krankheitsverläufen aber immer noch gegeben.»

Das BAG bekräftigt auf Anfrage, dass der Entscheid erst dann gefällt werde, wenn «genug belastbare Daten vorhanden sind». Die Schweiz habe genügend Impfstoffe bei den Herstellerfirmen bestellt, um allfällige Auffrischimpfungen zu ermöglichen.

Andere Länder verabreichen längst Drittimpfungen

Während die Schweiz zögert, werden in Israel alle über 60-jährigen Menschen aktiv aufgefordert, sich eine Drittimpfung zu holen. Auch die europäische Arzneimittelbehörde EMA hat grünes Licht gegeben für Drittimpfungen. In Frage kommen die Booster-Shots für Menschen ab 18 Jahren mit einem Abstand von mindestens sechs Monaten zur zweiten Dosis. In den USA werden Personen über 65 Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer zum dritten Mal geimpft, Booster-Impfungen mit dem Moderna-Vakzin muss die Arzneimittelbehörde noch zustimmen.

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