Tägliche Fallzahlen - Politiker wollen Corona-Meldungen umkrempeln
Publiziert

Tägliche FallzahlenPolitiker wollen Corona-Meldungen umkrempeln

Der ehemalige BAG-Krisenmanager und Politiker kritisieren, dass die kommunizierten Corona-Fallzahlen ein falsches Bild vermittelten. Gefordert wird ein neues Modell.

von
Bettina Zanni
1 / 10
«Wie viele Leute sich nicht testen lassen, sagen die Fallzahlen nicht aus», sagt der ehemalige BAG Krisenmanager Daniel Koch.

«Wie viele Leute sich nicht testen lassen, sagen die Fallzahlen nicht aus», sagt der ehemalige BAG Krisenmanager Daniel Koch.

20min/Taddeo Cerletti
Fast so selbstverständlich wie auf den Wetterbericht blicken viele Schweizerinnen und Schweizer seit über einem Jahr auf das werktägliche Update der Corona-Fallzahlen.

Fast so selbstverständlich wie auf den Wetterbericht blicken viele Schweizerinnen und Schweizer seit über einem Jahr auf das werktägliche Update der Corona-Fallzahlen.

covid19.admin.ch
«Es gibt immer noch viele Leute, die sich stark von den Zahlen beeindrucken lassen und deshalb zu viel Angst haben», sagt Daniel Koch.

«Es gibt immer noch viele Leute, die sich stark von den Zahlen beeindrucken lassen und deshalb zu viel Angst haben», sagt Daniel Koch.

Screenshot/Instagram

Darum gehts

  • Ex-BAG-Krisenmanager Daniel Koch stellt fest, dass sich viele Leute von den Corona-Meldungen zu Unrecht beeindrucken lassen.

  • Die Zahlen vermitteln laut Koch nur ein grobes Bild der Pandemie.

  • Politiker wollen den Gradmesser der Pandemie reformieren.

Wie viele Fälle gibt es heute? – Fast so selbstverständlich wie auf den Wetterbericht blicken viele Schweizerinnen und Schweizer seit über einem Jahr auf das werktägliche Update der Corona-Fallzahlen. Daran übt der ehemalige BAG-Krisenmanager Daniel Koch Kritik.

Das «sich-an-Zahlen-Klammern» sei für ein solch komplexes Gebilde wie eine Pandemie völlig falsch und ein Quatsch, sagt Koch im Podcast Unplugged der Schweizer Livecom-Branche. Als ausschlaggebend bewertet er das Verhalten der Menschen und nicht die Zu- oder Abnahme der Fälle.

Zahlen machten zu viel Angst

«Es gibt immer noch viele Leute, die sich stark von den Zahlen beeindrucken lassen und deshalb zu viel Angst haben», führt Koch gegenüber 20 Minuten aus. Nähmen die gemeldeten Fallzahlen etwa zu, befürchteten viele gleich eine schlimme Entwicklung. «Das ist für die Psyche der Bevölkerung in der Pandemie nicht gut.» Sein Appell lautet deshalb: «Lasst euch von den Zahlen nicht beeindrucken.»

Die Fallzahlen vermitteln laut Koch ein wichtiges, aber nur grobes Bild der Pandemie. «Wie viele Leute sich nicht testen lassen, sagen sie nicht aus.» Die Zahlen der Hospitalisationen hinkten zudem hinterher. Bei den Todeszahlen wiederum sei unklar, ob die Opfer an oder mit Covid verstorben seien. «Den einzigen verlässlichen und international vergleichbaren Wert über die Lage liefern die Zahlen zur Übersterblichkeit, die aber erst nach einem gewissen Zeitraum bekannt gegeben werden können.»

Einbezug der negativ Getesteten

In Deutschland sorgten die Fallzahlen bereits für Diskussionen. Im März forderte ein bayrischer Mathematikstudent für eine objektive Bewertung der Inzidenz den Einbezug der negativ Getesteten in die Gesamtzahl. In einem weit zirkulierenden Video führte er am Beispiel des Berchtesgadener Landes vor, wie der Inzidenzwert damit von 89 auf 29 sank.

Einige Experten sind sich zudem einig, dass es bei der Angabe der Inzidenz Anpassungen brauche, weil sich die Inzidenz durch mehr Schnelltests und Impfungen zunehmend von der gesundheitlichen Lage entkopple.

«Die Zahlen stumpfen irgendwann ab»

Auch in der Schweiz wollen Politiker den Gradmesser der Pandemie einer Revision unterziehen. «Die Zahlen stumpfen irgendwann ab, sodass die Leute die Massnahmen immer weniger ernst nehmen», sagt FDP-Nationalrat Marcel Dobler.

Dobler fordert, dass das BAG vom «Hitparaden-Style der Fallzahlen» abkehre. Bei den gemeldeten Fällen handle es sich schliesslich nur um einen Indikator. «Was interessieren müsste, sind die schweren Verläufe. Darüber redet man aber zu wenig.» Zudem seien die Impfungen ein Game-Changer. «Wenn die vulnerablen Personen geimpft sind, haben Fallzahlen nicht mehr denselben Stellenwert.»

Dunkelziffer fehle

Auch GLP-Nationalrat Martin Bäumle blickt kritisch auf die Updates. «Ob wir an einem Tag 2400 oder 2200 Fälle haben, sind eher zufällige Differenzen, faktisch sind die Werte aber zu hoch. Isoliert sagen die täglichen Fallzahlen eher wenig zum Trend», sagt er. Mehr Gehalt hätten die Meldungen seiner Meinung nach, wenn darin auch die Dunkelziffer der potenziell ansteckenden Personen berücksichtigt wäre. In seinem eigenen Modell berechnet der ETH-Absolvent diese mit ein.

Einen besseren Überblick über die Lage würde laut Bäumle auch die Angabe der Sieben-Tage-Inzidenz bieten. «Diese ist aussagekräftiger als die 14-Tage-Inzidenz und liesse eher einen Trend ableiten.»

Wechsel sei jetzt riskant

Von einem Umkrempeln der Corona-Meldungen hält Infektiologe Andreas Widmer wenig. «Das wäre, als würde man die Autogeschwindigkeiten plötzlich in Knoten statt in Kilometern messen.» Ein neues Datenmanagement sei theoretisch keine schlechte Idee, komme aber viel zu spät. «Das macht Vergleiche mit den vorherigen Daten schwieriger, was in der aktuell heiklen Phase sehr riskant wäre.» Schreite das Impfen planmässig voran mit über 70 Prozent, rechnet er damit, dass die Fallzahlen Ende Juni zusammenbrechen.

Das BAG kommentiert die Kritik auf Anfrage nicht. Bekannt ist, dass der Bundesrat in der Stabilisierungsphase des Drei-Phasen-Modells im Vergleich zur Schutzphase höhere Fallzahlen zulässt. Unverändert bleiben jedoch die Richtwerte für den R-Wert, die Auslastung der Intensivstationen und die Hospitalisierungen (siehe Box).

Kriterien für Öffnungen

Nach diesen Kriterien wird geöffnet oder verschärft:

Mögliche Öffnungen

•Für Lockerungen darf die 14-Tage-Inzidenz höchstens 229,9 betragen.

•Belegt sein müssen im 15-Tage-Schnitt weniger als 250 Betten.

•Die Reproduktionszahl muss unter eins sinken.

•In sieben Tagen dürfen es höchstens 55,3 Hospitalisationen sein.

•Lockerungen lassen höchstens 7,3 Todesfälle im Sieben-Tage-Schnitt zu.

Verschärfungen

•Beträgt die 14-Tage-Inzidenz nicht weniger als 350, kommt es zu Verschärfungen.

•Belegt sein müssen im 15-Tage-Schnitt weniger als 300 Betten.

•Die Reproduktionszahl muss tiefer als 1,15 sein.

•Im Sieben-Tage-Schnitt muss die Zahl der Hospitalisationen unter 80 liegen.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung