Covid in der Schweiz – Politik erhöht wegen drohenden Shutdowns Druck auf Ungeimpfte
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Covid in der SchweizPolitik erhöht wegen drohenden Shutdowns Druck auf Ungeimpfte

Der Impfstatus soll ein Triage-Kriterium werden. Die Akademie der medizinischen Wissenschaften ist dagegen.

von
Claudia Blumer
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Gegen Ende der Woche gab es in der Schweiz noch rund 150 freie Intensivbetten. Intensivstation in Rennaz VD, aufgenommen im August 2021.

Gegen Ende der Woche gab es in der Schweiz noch rund 150 freie Intensivbetten. Intensivstation in Rennaz VD, aufgenommen im August 2021.

20min/Jacqueline Straub
Geimpfte und Genesene würden nun in der Freiheit wieder massiv eingeschränkt, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, die von Ungeimpften verursacht werde, sagt Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel.

Geimpfte und Genesene würden nun in der Freiheit wieder massiv eingeschränkt, um die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, die von Ungeimpften verursacht werde, sagt Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel.

Tamedia
Stattdessen fordert Humbel nicht nur eine Impfpflicht für über 65-Jährige, sondern auch einen Verzicht auf Intensivbehandlung für Ungeimpfte. Und dass der Impfstatus ein Triage-Kriterium sein müsse. Aufnahme aus der Intensivstation im Spital Moncucco in Lugano.

Stattdessen fordert Humbel nicht nur eine Impfpflicht für über 65-Jährige, sondern auch einen Verzicht auf Intensivbehandlung für Ungeimpfte. Und dass der Impfstatus ein Triage-Kriterium sein müsse. Aufnahme aus der Intensivstation im Spital Moncucco in Lugano.

Valeriano Di Domenico

Darum gehts

Impfpflicht für ältere Personen und eine Triage nach Impfstatus – bisher haben sich Politikerinnen und Politiker gescheut, dies zu fordern. Jetzt spricht sich Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel dafür aus. Angesprochen auf die drohenden Massnahmen sagte sie in der SRF-Samstagsrundschau: «Wir müssen Shutdowns nach Möglichkeit verhindern. Denn wenn man sieht, dass der kleine Teil der Ungeimpften uns jetzt wieder in diese Situation zwingt, muss man jetzt einmal die Geimpften und Genesenen ernster nehmen. Diese haben massive Einschränkungen der Freiheit, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern, die von Ungeimpften verursacht wird.»

Humbel fordert eine Impfpflicht für über 65-Jährige, und dass Personen, die sich nicht impfen lassen wollen, mittels Patientenverfügung auf Intensivbehandlung verzichten.

«Man muss jetzt einmal die Geimpften und Genesenen ernster nehmen.»

Ruth Humbel, Mitte-Nationalrätin

GLP-Nationalrat Martin Bäumle hat Verständnis für die Forderung. Es stelle sich tatsächlich die Frage, ob man die heutigen Triage-Kriterien um jeden Preis aufrechterhalten soll. Die Situation unterscheide sich vom Normalbetrieb insofern, als Raucher, Hochrisikosportler oder Übergewichtige die Spitäler noch nie an ihre Grenzen gebracht hätten, sagt Bäumle. «Aber jetzt kommen wir an die Grenzen, wegen Leuten, welche die Impfung verweigern. Und Geimpfte müssen in einer Triage-Situation plötzlich hinten anstehen.»

Man müsste jetzt der Ärzteschaft und den Spitälern das Signal geben, dass die Triage-Kriterien anders gehandhabt werden können, sagt Bäumle. «Dass ein ungeimpfter Jüngerer wegen der besseren Überlebenschancen nicht mehr unbedingt Vorrang hat, auch weil Covid-Patienten die Intensivbetten oft viel länger belegen. Das muss man kommunizieren, auch gegenüber der Bevölkerung.»

SVP-Nationalrätin Verena Herzog befürwortet wie Ruth Humbel eine Impfpflicht – nicht nur für über 65-Jährige, sondern auch für das Gesundheitspersonal. Und sie ist ebenfalls der Ansicht, dass Ungeimpfte im Spital hinten anstehen müssen. Und zwar dann, wenn «eine Pattsituation» entsteht. Dann solle der Impfstatus massgebend sein. Denn es könne nicht sein, dass ein Geimpfter, welcher seine Verantwortung für die Gesellschaft wahrgenommen habe, zugunsten eines Ungeimpften auf eine lebensnotwendige Behandlung verzichten müsse. Die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften (SAMW) müssten ergänzt werden, sagt die Thurgauerin.

«Impfstatus als Triage-Kriterium nicht haltbar»

Die SAMW lehnt es jedoch ab, den Impfstatus als Triage-Kriterium zu definieren. Das sei nicht haltbar, schrieb sie am Freitag in einer Stellungnahme. Es war die Antwort auf einen offenen Brief von Oncosuisse, der Dachgesellschaft von acht Schweizer Krebsorganisationen.

Oncosuisse fürchtet um die Krebspatienten in Zeiten, in denen die Spitäler voll sind. Schon unter normalen Umständen hätten sie es schwierig, in die Intensivstation aufgenommen zu werden. Ein «starres Festhalten» an den heutigen Triage-Richtlinien sei deshalb nicht angebracht, auch angesichts der Impfbotschaft des Bundes, schreibt die Organisation. «Hingegen würde die Botschaft, dass beispielsweise im Fall einer schweren Lungenentzündung die Geimpften bevorzugt behandelt werden, den Druck auf die Impfbereitschaft möglicherweise erhöhen.» Die SAMW-Richtlinien müssten dringend überprüft werden.

Stellungnahme der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften vom Freitag, 10. Dezember.

Stellungnahme der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften vom Freitag, 10. Dezember.

Screenshot

Doch die SAMW hat dafür kein Gehör. Man lehne die Forderung von Oncosuisse, Ungeimpften damit zu drohen, sie notfalls nicht zu behandeln und sterben zu lassen, entschieden ab.

Ruth Humbel ist indes der Ansicht, dass nicht die SAMW entscheiden müsse. «In so einer Situation muss die Politik die Triage-Kriterien definieren.»

«Unverrückbare Menschenrechte»

Die SP sperrt sich vehement dagegen. «Ich finde das falsch», sagt Nationalrätin Flavia Wasserfallen. Co-Parteipräsident Cédric Wermuth hält die Impfstatus-Triage für «eine rote Linie, die keinesfalls überschritten werden darf.» Der Grund für die heutige Situation sei mehrschichtig und nicht allein den Ungeimpften anzulasten, sagt Wermuth: «Wir haben es auch mit einem dramatischen Systemversagen der Politik zu tun: mangelhaftes Testregime, verspätete Booster-Impfung, zu wenig Pflegepersonal.» Dass jetzt «unverrückbare Menschenrechte» preisgegeben würden, um die Situation zu entschärfen, dürfe nicht sein.

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