IT-Debakel: Politiker wollen von den SBB Zahlen sehen
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IT-DebakelPolitiker wollen von den SBB Zahlen sehen

Die SBB sollen die Kosten des Problemprojekts Sopre offenlegen, fordern Finanzpolitiker. Die Pendler hätten das Recht auf Transparenz.

von
J. Büchi
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Unter Zugzwang: SBB-Chef Andreas Meyer. Politiker wollen wissen, was das IT-Debakel um das Personalsystem Sopre gekostet hat.

Unter Zugzwang: SBB-Chef Andreas Meyer. Politiker wollen wissen, was das IT-Debakel um das Personalsystem Sopre gekostet hat.

Keystone/Alexandra wey
Das neue IT-System der SBB sollte eigentlich die Arbeitszeiterfassung der Mitarbeiter mit den Fahrplänen abgleichen. In Realität führt es aber dazu, dass Überzeit nicht verrechnet wird und Ferienguthaben wie von Geisterhand verschwinden.

Das neue IT-System der SBB sollte eigentlich die Arbeitszeiterfassung der Mitarbeiter mit den Fahrplänen abgleichen. In Realität führt es aber dazu, dass Überzeit nicht verrechnet wird und Ferienguthaben wie von Geisterhand verschwinden.

Keystone/Christian Beutler
Das Personal muss seine Arbeitszeiten trotz eines Millionen teuren Systems von Hand aufschreiben, um später die Überzeit einzufordern.

Das Personal muss seine Arbeitszeiten trotz eines Millionen teuren Systems von Hand aufschreiben, um später die Überzeit einzufordern.

Keystone/Christian Beutler

Das Informatikprojekt Sopre der SBB sorgt wegen Verzögerungen und technischer Probleme für Aufruhr. Recherchen von 20 Minuten zeigen, dass das Personalprogramm trotz jahrelanger Nachbesserungen fehleranfällig bleibt. Der Zugpersonalverband geht von Mehrkosten in «haarsträubender» Höhe aus – doch die SBB schweigen sich über die Höhe der Kostenüberschreitung aus.

Für den Luzerner FDP-Nationalrat Albert Vitali ist klar: «Die SBB müssen nun Zahlen liefern – sie sind schliesslich nicht irgendein privatwirtschaftliches Unternehmen, sondern im Besitz des Bundes.» Falls die Verantwortlichen nicht von sich aus kommunizierten, müsse Verkehrsministerin Doris Leuthard aktiv werden. «Die Steuerzahler haben das Recht zu wissen, was vor sich geht.»

SBB sollen sich «kritischen Fragen» stellen

Auch SVP-Nationalrat Franz Grüter, Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit, sagt: «Die SBB müssen sich kritische Fragen gefallen lassen.» Es gehe nicht, dass die Bundesbahnen die wahren Kosten eines solchen IT-Projekts verschwiegen. «Hier herrscht aus meiner Sicht zwingend eine Transparenzpflicht.»

Grüter, der wie Vitali in der nationalrätlichen Finanzkommission sitzt, zeigt sich generell besorgt über die «vielfach schlechte Projektführung» bei IT-Projekten des Bundes und von bundesnahen Betrieben. «Leider mehren sich die Fälle, in denen es zu Verzögerungen und Mehrkosten kommt.» Oft schauten die zuständigen Verwaltungsstellen zu lange zu, bevor sie Alarm schlügen. «Dabei wäre es ihre Aufgabe zu sagen: Stopp, da läuft etwas aus dem Ruder.»

Seit dem Fall Insieme, für den die Eidgenössischen Steuerverwaltung über 100 Millionen Franken in den Sand gesetzt hat, schauen die Politiker den Verantwortlichen genauer auf die Finger. «Bei Schlüsselprojekten des Bundes lassen wir uns rapportieren, wie der Status ist – grün, orange oder rot», so Grüter. Allerdings sei es unmöglich, jedes Projekt im Detail zu überwachen. Klar ist für ihn: «Sollten die Kostenüberschreitungen sehr hoch ausfallen, so muss dies klare Konsequenzen haben.»

Leuthard sieht sich nicht zuständig

Kurt Schreiber, Präsident der Kundenvereinigung Pro Bahn, verweist darauf, dass es auch in anderen Branchen regelmässig zu Problemen mit Informatikbeschaffungen komme. «Wichtig ist aus meiner Sicht, dass man mit offenen Karten spielt, falls so etwas passiert.» Auch wenn die Bahnkunden nicht direkt von den Fehlern des Personalsystems betroffen seien, tue die SBB gut daran, klar zu informieren. Dies gelte selbst für den Fall, dass die Kosten fünfmal so hoch ausfallen wie ursprünglich geplant. «Geheimniskrämerei nützt niemandem etwas.»

Laut SBB sind die zusätzlichen Aufwände nicht nur aufgrund von Verspätungen und der Komplexität des Projektes entstanden, sondern auch, weil noch Funktionen dazugekommen seien. Diese Zusatzfunktionen brächten «einen klaren Mehrwert». Über die Kostenüberschreitungen wollen die Bundesbahnen nicht vor Abschluss des Projekts Ende 2017 informieren. Beim Departement von Verkehrsministerin Leuthard heisst es auf Anfrage, der Bundesrat steuere die bundesnahen Unternehmen mit strategischen Zielen. «Für die operative Tätigkeit sind die Unternehmen verantwortlich. Dazu gehören auch Informatikprojekte.»

Andere IT-Debakel

Auch beim Bund kam es in den letzten Jahren immer wieder zu Unregelmässigkeiten und Kostenüberschreitungen bei der Beschaffung von Informatikprojekten. Eine Auswahl:

Insieme: Das Projekt der Eidgenössischen Steuerverwaltung wurde 2012 abgebrochen, der Schaden beläuft sich auf über 100 Millionen Franken.

Heer: 700 Millionen Franken sprach das Parlament vor zehn Jahren für das Führungsinformationssystem der Armee. Allerdings stellte sich heraus, dass das System für den mobilen Einsatz weitgehend nutzlos ist.

ISS: Das Justizdepartement stoppte die Einführung des Abhörsystems 2013. Der finanzielle Schaden wurde auf 18 Millionen Franken beziffert.

Mistra: Statt der ursprünglich veranschlagten 45 Millionen verschlang ein System des Bundesamts für Strassen über 100 Millionen Franken.

ASALneu: Ein 26-Millionen-Projekt zum Auszahlungssystem der Arbeitslosenversicherung musste 2015 vorzeitig abgebrochen werden. Als Grund wurden unter anderem «Umsetzungsschwierigkeiten» genannt. (jbu)

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