Schon 23 Frauenmorde – Politikerinnen fordern nach Femizid-Reihe mehr Schutzhäuser für Frauen
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Schon 23 FrauenmordePolitikerinnen fordern nach Femizid-Reihe mehr Schutzhäuser für Frauen

Bereits 23 Frauen fielen in diesem Jahr Femiziden zum Opfer. Für Politikerinnen steht fest: Es besteht Handlungsbedarf. Sie fordern mehr Geld für Opferschutz, Täterprogramme und Schutzhäuser.

von
Michelle Muff
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Fälle von Femizid haben sich zuletzt gehäuft. Bei einem Femizid in Netstal GL wurde die 30-jährige K.C. erschossen.

Fälle von Femizid haben sich zuletzt gehäuft. Bei einem Femizid in Netstal GL wurde die 30-jährige K.C. erschossen.

20min/Noah Knüsel
2021 gelangten bereits 23 Fälle von Femiziden an die Öffentlichkeit. 

2021 gelangten bereits 23 Fälle von Femiziden an die Öffentlichkeit.

20min/Marco Zangger
Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. 

Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Femizide haben sich in der Schweiz jüngst gehäuft – im laufenden Jahr gerieten bereits 23 Fälle an die Öffentlichkeit.

  • Jetzt fordern Politikerinnen Konsequenzen: Der Begriff müsse ins Gesetz einfliessen und es brauche mehr Geld für Frauen- und Mädchenhäuser, die heute regelmässig überlastet seien.

  • Auch das Beratungsangebot und Täter- und Täterinnenprogramme sollen ausgebaut werden.


Alle zwei Wochen wird in der Schweiz im Zuge häuslicher Gewalt eine Person ermordet. Frauen sind dabei siebenmal häufiger von Tötungsdelikten betroffen als Männer. Mit bislang 23 ermordeten Frauen ist die Zahl der Femizide in der Schweiz im Vergleich mit vergangenen Jahren überdurchschnittlich hoch.

«Die Schweiz hat grundsätzlich ein Problem mit Gewalt gegenüber Frauen», sagt Tamara Funiciello, Nationalrätin der SP. Die Gewalt sei strukturell und geschlechtsspezifisch: «Die Zahlen sprechen für sich – täglich werden Frauen Opfer von verschiedensten Gewalttaten. Diesen Umstand darf man nicht weiter normalisieren.» Statt Lippenbekenntnisse müsse nun endlich Geld in geeignete Massnahmen investiert werden.

Funiciello stellt dabei konkrete Forderungen: «Wir müssen den Begriff Femizid endlich ins Gesetz aufnehmen. Auch muss Misogynie, also krankhafter Hass von Männern gegenüber Frauen, als Straftatbestand verfolgt werden können.» Weiter soll das Angebot an Plätzen in Schutzhäusern ausgebaut werden: «Regelmässig erreichen in der Schweiz Frauen- und Mädchenhäuser ihre Kapazitätsgrenze und schutzbedürftige Frauen müssen abgewiesen werden. Das darf nicht sein.» Die SP habe bereits entsprechende Vorstösse eingereicht, so Funiciello: «Viele weitere werden folgen.»

«Es braucht eine feministische Sensibilisierung»

«Femizide sind die Spitze des Eisbergs – Gewalt gegenüber Frauen ist alltäglich», sagt SP-Nationalrätin Yvonne Feri. Leider würde diese Gewalt oft verharmlost: «Es braucht unbedingt eine feministische Sensibilisierung der Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen.» Konkret fordert sie neben einer allgemeinen Aufklärung über die Problematik auch genügend Schutzangebote für Betroffene: «Es braucht mehr Frauen- und Mädchenhäuser. Ausserdem muss mehr in Täter- und Täterinnenprogramme investiert werden.»

SP-Nationalrätin Marina Carobbio Guscetti forderte mit einer Interpellation im vergangenen Jahr, dass der Begriff Femizid in der Diplomatie und im Umgang mit den Medien vom Bundesrat gefördert und ins Gesetz aufgenommen wird. Vom Parlament wurde der Vorstoss jedoch abgelehnt. «Wenn man neutrale Begriffe verwendet und statt von Femizid von Mord spricht, verharmlost das die Gewalt gegenüber Frauen», sagt Carobbio Guscetti gegenüber 20 Minuten.

Sie fordert zudem eine schweizweit einheitliche Regelung von Schutzanordnungen: «Wir brauchen in allen Kantonen genügend spezialisierte Schutzunterkünfte. Die Standards der Opferschutzangebote dürfen sich zwischen den Kantonen nicht unterscheiden. Und es braucht eine einheitliche Finanzierung.» Sie wünsche sich eine überparteiliche Zusammenarbeit: «Die Thematik muss im Parlament diskutiert werden.»

«Der Ursprung der Gewalt liegt in der fehlenden Gleichstellung»

«Der Ursprung der Gewalt gegen Frauen liegt in der fehlenden Gleichstellung», sagt Anna-Béatrice Schmaltz, Projektleiterin Gewaltprävention bei der feministischen Friedensorganisation cfd. Auch heute noch werde man mit sehr vielen Stereotypen konfrontiert, die klassische Rollenbilder förderten: «Die Frau ist fürsorglich und der Mann darf Besitzansprüche an die Frau haben. Solche Denkmuster fördern die Ungleichstellung und damit die Gewalt an Frauen.»

Um diese tief verankerten Denkmuster durchbrechen zu können, fordert Schmaltz, dass vom Bund genügend finanzielle Mittel bereitgestellt werden, um Massnahmen auf allen Ebenen umzusetzen zu können: «Täterarbeit, Prävention und Opferschutz müssen gefördert werden. Bereits in den Schulen muss Gewaltprävention stattfinden, auch müssen Frauenhäuser in der Schweiz dringend ausgebaut und finanziell unterstützt werden.»

Istanbul-Konvention müsse umgesetzt werden

Einen allumfassenden Ansatz leiste die Istanbul-Konvention, so Schmaltz: «Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, das 2018 für die Schweiz in Kraft getreten ist, enthält Forderungen auf allen Ebenen.» Einige der Ansätze wurden vom Parlament angenommen – so etwa die Gewährleistung einer Opferberatung, die während 24 Stunden an allen Wochentagen erreichbar ist. Viele andere müssten aber noch folgen: «Wir arbeiten intensiv mit verschiedenen Organisationen zusammen, um die restlichen Forderungen vors Parlament zu bringen. Die Politik ist nun gefragt – die aktuellen Zahlen zu Femiziden in der Schweiz zeigen dringender denn je, dass jetzt gegen Gewalt an Frauen gehandelt werden muss.»

Wann ist es ein Femizid und wann nicht?

20 Minuten nennt eine Tötung Femizid, wenn eine Frau oder ein Mädchen von ihrem männlichen (Ex-)Partnern oder von männlichen Familienmitgliedern getötet wird. Auch zielgerichtete tödliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen in Kriegen, sowie tödliche frauenfeindliche Hass-Verbrechen fallen bei uns unter diesen Begriff. Wird eine Frau unabhängig von ihrem Geschlecht von einem Mann getötet, beispielsweise bei einem bewaffneten Raubüberfall, schreibt 20 Minuten nicht von einem Femizid, sondern von einer Tötung.

Laut dem Bundesamt für Statistik starben 2020 28 Menschen infolge häuslicher Gewalt, 21 davon waren weibliche Personen. Die Täterschaft war dabei mehrheitlich männlich (71 Prozent). Frauen werden also, anders als Männer, überwiegend von ihren (ehemals) nahestehenden oder zurückgewiesenen Partnern getötet. Darum bezeichnet 20 Minuten jede Tötung einer Frau, bei der das Geschlecht mutmasslich das Motiv oder entscheidender Faktor für die Verübung der Tat war, als Femizid.

Hier ist die vollständige Erklärung, wie 20 Minuten mit dem Begriff Femizid umgeht.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

Agredis, Gewaltberatung von Mann zu Mann, Tel. 078 744 88 88

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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