Verhütungsmittel – Politikerinnen von links bis rechts wollen Gratis-Pille für Junge
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Verhütungsmittel Politikerinnen von links bis rechts wollen Gratis-Pille für junge Frauen

In Frankreich bekommen unter 25-Jährige Verhütungsmittel kostenlos. Auch im Nationalrat ist die Forderung pendent, eingereicht von Samira Marti (SP).

von
Claudia Blumer
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SP-Nationalrätin Samira Marti (BL) hat in einer Motion gefordert, dass die Krankenkasse für Verhütungsmittel wie die Pille aufkommen soll. Bundesrat und Nationalrat lehnen das ab. (Aufnahme aus der Herbstsession 2021).

SP-Nationalrätin Samira Marti (BL) hat in einer Motion gefordert, dass die Krankenkasse für Verhütungsmittel wie die Pille aufkommen soll. Bundesrat und Nationalrat lehnen das ab. (Aufnahme aus der Herbstsession 2021).

20min/Simon Glauser
Marti plant einen weiteren Vorstoss dazu im Frühling. Wenn die Krankenkasse nicht zuständig ist, soll der Staat die Verhütungsmittel gratis abgeben – so ihre Ansicht. Sie höre von ihrer jungen Community oft, dass Verhütungskosten ein Thema sind.

Marti plant einen weiteren Vorstoss dazu im Frühling. Wenn die Krankenkasse nicht zuständig ist, soll der Staat die Verhütungsmittel gratis abgeben – so ihre Ansicht. Sie höre von ihrer jungen Community oft, dass Verhütungskosten ein Thema sind.

Tamedia
Auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann (LU) könnte sich eine Finanzierung durch den Staat vorstellen. Aber zuerst brauche es ein Pilotprojekt, um zu sehen, ob die Schwangerschaftsabbrüche dadurch tatsächlich abnehmen.

Auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann (LU) könnte sich eine Finanzierung durch den Staat vorstellen. Aber zuerst brauche es ein Pilotprojekt, um zu sehen, ob die Schwangerschaftsabbrüche dadurch tatsächlich abnehmen.

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Darum gehts

  • Seit 1. Januar 2022 können in Frankreich auch 18- bis 25-Jährige Verhütungsmittel wie Pille, Spirale und Diaphragma gratis bekommen.

  • Bisher gab es die Gratis-Abgabe nur für unter 18-Jährige. Damit sank die Zahl der Abtreibungen von 2012 bis 2018 deutlich.

  • In der Schweiz ist die Forderung ebenfalls pendent. Erst im Sommer hat der Nationalrat sie grossmehrheitlich abgelehnt, doch Initiantin Samira Marti (SP) plant einen neuen Versuch.

  • Auch SVP-Nationalrätin Yvette Estermann könnte sich eine Gratis-Abgabe von Verhütungsmitteln unter gewissen Umständen vorstellen.

Seit dem 1. Januar 2022 bekommen unter 25-jährige Frauen in Frankreich hormonbasierte Verhütungsmittel von der Krankenkasse vergütet. Das gilt etwa für Pille, Spirale oder Diaphragma. Bisher wurden diese in Frankreich an unter 18-Jährige kostenlos abgegeben.

Auch in der Schweiz wollen Politikerinnen, dass Verhütungsmittel gratis sind. Ein halbes Dutzend Vorstösse dazu wurden in den letzten Jahren vom Parlament behandelt. Der jüngste stammt von der Baselbieter SP-Nationalrätin Samira Marti und wurde im Sommer 2021 vom Nationalrat mit 120 zu 65 Stimmen abgelehnt.

Die bürgerliche Ratsmehrheit aus SVP, FDP, Mitte und Grünliberale hat fast geschlossen dagegen gestimmt; SP und Grüne dafür. Auch der Bundesrat lehnt das Anliegen ab: Verhütungsmittel dienten «weder der Prävention oder Behandlung einer Krankheit» noch stellten sie eine Leistung bei Mutterschaft dar, schrieb er in der Motionsantwort. Deshalb könnten die Kosten nicht in den Katalog der von den Krankenkassen vergüteten Leistungen aufgenommen werden.

«Ein grosses Thema bei den Jungen»

Samira Marti wird einen weiteren Vorstoss einreichen, wie sie auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Sie höre von jungen Menschen immer wieder, dass die Verhütungskosten ein Thema seien. Da der Bundesrat und die Parlamentsmehrheit eine Finanzierung über die Krankenkasse ablehnen, schlage sie eine kostenlose Abgabe ohne Einbezug der Krankenkasse vor. Junge sollen Verhütungsmittel gratis bekommen, ohne Selbstbehalt und Franchise.

In Frankreich hat sich laut Gesundheitsminister Olivier Véran gezeigt, dass immer mehr junge Frauen aus finanziellen Gründen auf Verhütung verzichten. Dies und die Quote der Schwangerschaftsabbrüche, die zwischen 2012 und 2018 durch die Gratis-Abgabe von Verhütungsmitteln an unter 18-Jährige von 9,5 auf sechs pro 1000 Frauen gesunken ist, haben die Behörden bewogen, die Gratis-Abgabe auszudehnen.

Weniger Schwangerschaftsabbrüche

Schwangerschaftsabbrüche sind auch in der Schweiz wieder ein Thema, nachdem im Dezember zwei Volksinitiativen lanciert wurden mit dem Ziel, die Zahl der Abbrüche zu senken. Eine der Initiantinnen, SVP-Nationalrätin Yvette Estermann, könnte sich eine kostenlose Abgabe von Verhütungsmitteln unter gewissen Umständen vorstellen, wie sie auf Anfrage sagt: «Wenn Untersuchungen zeigen, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche damit tatsächlich sinkt, dann wäre ich dafür. Dazu bräuchte es Pilotprojekte in einem begrenzten und gut überwachten Rahmen.»

Grundsätzlich habe sie Vorbehalte gegenüber der Forderung. «Junge haben Geld für so vieles – Handy, Kleider, warum nicht auch für Verhütung?» Ebenfalls zweifle sie am verantwortungsvollen Umgang von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit der Sexualität. «Trotz Verhütung kann es ungewollte Schwangerschaften geben. Es braucht deshalb ein Verantwortungsbewusstsein, das muss schon an der Schule thematisiert werden.»

Estermann wäre in ihrer Fraktion nicht allein, wenn sie auf die Seite der Befürworterinnen wechseln würde – auch die Genfer SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz hat im Sommer für den Vorstoss von Samira Marti gestimmt.

GLP-Nationalrätin Melanie Mettler hat sich der Stimme enthalten. Zwar sei sie durchaus der Ansicht, dass Verhütung Teil der allgemeinen Grundversorgung sei, sagt sie auf Anfrage von 20 Minuten. Doch hormonelle Verhütungsmittel wie die Pille sollten gegenüber anderen wie Kondomen nicht bevorzugt werden. Sie begrüsse es, dass diese Debatte weitergeführt wird. «Es wäre wichtig, die Gesundheitsaspekte der Sexualität zu entmoralisieren», sagt Mettler.

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